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Resistente Keime auf Masthähnchen

Nichtregierungsorganisationen fordern strengere EU-Vorgaben für Antibiotika in Tierställen

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 3 Min.
Fleischproduktion: Resistente Keime auf Masthähnchen

Antibiotikaresistenzen sind laut EU-Kommission jedes Jahr für den Tod von 33 000 Menschen in Europa verantwortlich. Deshalb will die EU-Kommission den Einsatz von Antibiotika in Tierställen und Fischfarmen verringern, in ihrer sogenannten Farm-to-Fork-Strategie ist von 50 Prozent weniger die Rede. Wie umstritten diese Forderung ist, zeigten die jüngsten Beratungen des Rates der EU-Agrarminister*innen. Dort findet sich in den verabschiedeten Schlussfolgerungen zur Strategie »Vom Hof auf den Teller« kein Wort zu Antibiotika. Gleichzeitig will die EU-Kommission ab 2022 über die Tierarzneimittelrichtlinie 2019/6 die Voraussetzung schaffen, Reserveantibiotika ausschließlich für Menschen zuzulassen, um Resistenzen aus Tierhaltung in der Lebensmittelkette zu vermeiden. In den kommenden Wochen soll über Details entschieden werden.

Eine aktuelle Studie der Organisationen Germanwatch und »Ärzte gegen Massentierhaltung« zu Antibiotikaresistenzen bei Masthühnchen zeigt, wie notwenig strengere Vorschriften sind. Laut der am Dienstag vorgelegten Studie, die vom Nationalen Referenzzentrum für Krankenhauserreger in Bochum durchgeführt wurde, ist mehr als jede zweite Hähnchenfleischprobe aus den drei größten Geflügelkonzernen Europas mit Resistenzen gegen ein oder mehrere Antibiotika belastet. Im Schnitt schleppt mehr als jedes dritte Hähnchen (35 Prozent) sogar antibiotikaresistente Krankheitserreger mit Resistenzen gegen Reserveantibiotika in die Lebensmittelkette ein. Diese sollten laut Weltgesundheitsorganisation WHO für Menschen vorbehalten sein, da sie im Notfall benötigt werden, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr wirken.

Die Wissenschaftler*innen untersuchten 165 Hähnchenfleischproben der drei Konzerne, gekauft in Lidl- und Aldi-Filialen oder direkt am Werk in Deutschland, Frankreich, Polen, den Niederlanden und Spanien. Die höchste Kontaminationsrate wiesen die Proben des deutschen Geflügelkonzerns PHW auf: Bei 59 Prozent der Hähnchenfleischproben wurden antibiotikaresistente Krankheitserreger gefunden. Damit waren die gefundenen Resistenzraten noch höher als bei jüngsten Hähnchenfleischuntersuchungen deutscher Behörden, bei denen rund die Hälfte der Proben kontaminiert war. Zum Konzern PHW gehört neben den Eigenmarken der Discounter unter anderem die Marke Wiesenhof. Auf Platz zwei landete mit 57 Prozent die französische LDC-Gruppe, die Belastungsrate bei Proben mit Resistenzen gegen Reserveantibiotika lag beim größten EU-Geflügelkonzern sogar bei 45 Prozent. Bei Fleisch des niederländischen Geflügelkonzerns Plukon birgt gut jede dritte Hähnchenprobe Antibiotikaresistenzen (36 Prozent), jede vierte Hähnchenprobe auch gegen Reserveantibiotika.

Gefährlich werden kann das etwa in der Küche, wenn die Erreger vom Hähnchen auf rohe Lebensmittel übergehen. »Antibiotikaresistenzen sind ein enormes Gesundheitsrisiko«, sagt Reinhild Benning von Germanwatch. »Kontaminiertes Geflügelfleisch aus industrieller Massentierhaltung kann dazu beitragen, dass sogar die letzten wirksamen Antibiotika immer häufiger versagen.«

Die Medizinerin Imke Lührs, Vorstand von Ärzte gegen Massentierhaltung, fordert deshalb die EU-Kommission auf, dafür Sorge zu tragen, dass die von der Weltgesundheitsorganisation WHO definierten Antibiotika mit höchster Priorität für Menschen vorbehalten werden. »Wir Ärzte sind auf die Reserveantibiotika in vielen Gebieten der modernen Medizin angewiesen, so in der Tumortherapie, bei Transplantationen, bei Frühgeborenen, großen Operationen und schweren Unfällen.« Es sei »unerträglich«, dass Reserveantibiotika dazu dienen, »das System der industriellen Tierhaltung möglich zu machen«.

Die agrarpolitische Sprecherin der Linkenfraktion im Bundestag, Kirsten Tackmann, hofft, dass die Studie »weiter sensibilisiere für das Problem in der Geflügelhaltung. Die Resistenzrisiken sind keine Bagatelle. Gerade, aber nicht nur bei Reserveantibiotika, die endlich der Humanmedizin vorbehalten werden müssen.« Dabei sei das Risiko lange bekannt, »geändert hat sich aber zu wenig«, so die Veterinärmedizinerin.

Insgesamt sinkt der Verbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung in vielen Ländern leicht, darunter in Deutschland. Bei Masthähnchen waren es zwischen 2014 und 2017 0,9 Prozent weniger. Gleichzeitig gehen die Resistenzraten nicht einheitlich zurück. Diese gelten als Indiz, dass die Tiere kontinuierlich mit Antibiotika konfrontiert werden.

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