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  • Corona-Maßnahmen im Fußball

Lockdown oder Leben in der Krise?

Die neuesten politischen Entscheidungen führen wieder zu einer Grundsatzdiskussion über den Profifußball

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.
Während am vergangenen Wochenende in einigen Bundesligastadien kaum oder keine Zuschauer zugelassen waren, empfing der 1. FC Union 4500 in der Alten Försterei.
Während am vergangenen Wochenende in einigen Bundesligastadien kaum oder keine Zuschauer zugelassen waren, empfing der 1. FC Union 4500 in der Alten Försterei.

Zwischen beispielgebend und verantwortungslos - so wurden die Bilder aus der Alten Försterei vom vergangenen Wochenende kommentiert. Während in Bremen, Leverkusen, München und Stuttgart am 5. Spieltag der Bundesliga keine Zuschauer in den Stadien zugelassen waren, wurden die Fußballer des 1. FC Union im Spiel gegen Freiburg von 4500 Fans unterstützt. Ob es angesichts stark steigender Infektionszahlen mit dem Coronavirus verantwortungslos ist, Tausende Menschen inklusive gemeinsamer An- und Abreisewege in ein Fußballstadion zu lassen, oder ob es beispielgebend ist, mit funktionierenden Konzepten ein Leben in der Krise zu ermöglichen - diese Frage wurde nun vorerst von der Politik beantwortet. Die Diskussionen darüber dürften sich nach den Entscheidungen im Roten Rathaus und den Plänen der Bundespolitik analog zum ersten Lockdown im März jedoch verschärfen.

Am Dienstagabend hatte der Berliner Senat eine Verschärfung der Infektionsschutzverordnung beschlossen. Demnach gilt nach der Veröffentlichung, dass bei Veranstaltungen im Freien eine Obergrenze von 500 Personen gilt. Das schließt erst mal auch Fußballspiele ein. Marcus Jung, Pressechef des zweiten Berliner Bundesligisten Hertha BSC, erklärte »nd« vor dem am kommenden Sonntag anstehenden Heimspiel gegen Wolfsburg: »Wir stehen in regelmäßigem Kontakt mit den Behörden und besprechen, welche Auswirkungen die Anpassung der Infektionsschutzordnung bezüglich des anstehenden Heimspiels haben. Und wir haben stets betont, dass wir die Infektionsschutzordnung des Senats akzeptieren, da wir großes Vertrauen in die Entscheidungen der Politik und Behörden haben.« Allerdings hatte der Klub aus Charlottenburg schon vor Saisonbeginn darüber nachgedacht, die zuletzt geltende Obergrenze von 5000 Personen nicht in Anspruch zu nehmen, weil es sich finanziell nicht lohne.

Der 1. FC Union hinterfragt manch politische Entscheidung und wollte seine Fans nie ausschließen. Ganz im Gegenteil: Der Verein arbeitet weiterhin an einem Konzept mit Präventivtests, um eine Vollauslastung des eigenen Stadions zu ermöglichen. Der dafür vorgesehene und zuvor schon mehrmals verschobene Termin war das Spiel gegen den SC Freiburg. Den dafür notwendigen Antrag hatte der Verein jedoch zurückgezogen und am Mittwoch vor einer Woche durch Präsident Dirk Zingler wie folgt begründet: »Dass die Schnelltests nun Eingang in die Teststrategie des Bundes gefunden haben, bestärkt uns in unserem Vorhaben. Wir verfolgen unser Projekt zur Durchführung von Veranstaltungen mit Hilfe derartiger Tests weiter, denn es ist aus unserer Sicht nach wie vor wichtig, der Veranstaltungsbranche eine Perspektive zu eröffnen und mit Schnelltests feststellen zu können, ob Besucher für den Zeitraum einer Veranstaltung infektiös sind oder nicht. Wir werden jedoch nur Testkapazitäten nutzen, die nicht für vorrangige Gruppen der Bevölkerung benötigt werden.«

Am Mittwoch wollte der 1. FC Union auf die neuen Entwicklungen noch nicht reagieren, sondern »abwarten, was tatsächlich umgesetzt wird«, teilte der Verein »nd« mit. Die Telefonkonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch hatte dafür eine noch weiterreichende Bedeutung - und wird wieder zu einer Grundsatzdiskussion über den Profifußball führen. Aber auch der Senatsbeschluss trägt schon dazu bei. Denn in Bezug auf die Personenobergrenze für Veranstaltungen gilt der Zusatz: »Nach Prüfung eines Hygienekonzepts durch die für Gesundheit zuständige Senatsverwaltung kann diese Beschränkung geändert oder aufgehoben werden.«

Der deutsche Profifußball konnte schon im Mai mit einem viel gelobten und weltweit beispielgebenden Konzept vergleichsweise früh in den Spielbetrieb zurückkehren. Dass sich daran etwas ändert, ist nicht zu erwarten. Die Nachrichtenagentur dpa wollte am Mittwochnachmittag aus den Beratungen der Ministerkonferenz erfahren haben, dass Bund und Länder angesichts steigender Corona-Infektionszahlen den Profisport im November nur noch ohne Zuschauer zulassen wollen. Geisterspiele waren mit Blick auf die Beschlussvorlage zu erwarten. Unter Punkt 6 hieß es dort knapp: »Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, werden untersagt.«

Immerhin: Der Profifußball kann seiner in der Frühjahrskrise immer wieder selbst betonten, vorrangigen Bestimmung nachgehen: Geld verdienen. Dass die Akzeptanz dafür bei einer geplanten bundesweiten Kontaktbeschränkung aufs »absolut nötige Minimum«, bei Stilllegung des gesellschaftlichen Lebens durch Schließung von gastronomischen Einrichtungen, Kinos oder öffentlichen Sportanlagen nicht groß sein wird, ist auch klar. Zumal das Versprechen auf Besserung noch nirgendwo nur ansatzweise eingelöst, stattdessen auf dem sommerlichen Transfermarkt einfach weiter an der Kommerzspirale gedreht wurde. Wenn dann ein Bundesligamanager wie Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund ein »Fußball-Bashing« seitens der Politik beklagt und als Argument gegen einen Liga-Lockdown die »riesige Kostenstruktur« des Vereins anführt, wird es absurd.

Die politischen Entscheidungen betreffen den gesamten Sport. Erste Einstellungen des Ligabetriebs ab diesem Donnerstag beispielsweise durch den Südwestdeutschen Fußballverband deuten daraufhin, dass er im Freizeit- und Amateurbereich wohl wieder zum Erliegen kommt. Für professionelle Ligen anderer Sportarten wie im Handball, Basketball oder Eishockey ist der Fanausschluss existenzbedrohend, weil die Zuschauereinnahmen im Gegensatz zum Profifußball überlebenswichtig sind. Auch deshalb werden politische Vorgaben hinterfragt. »Wir wissen, dass die Hygienekonzepte des organisierten Sports funktionieren. Der Sport ist kein Hotspot«, zeigte beispielsweise Thomas Härtel, Präsident des Landessportbundes Berlin, am Mittwoch kein Verständnis für die Entscheidung der Ministerpräsidentenkonferenz.

Der Blick auf die gleichzeitige Demonstration in der Hauptstadt von Tausenden Menschen zum Erhalt der Veranstaltungsbranche führt wiederum zum Fußball: Wenn der 1. FC Union an seinem Konzept für einen Fußball mit Zuschauern arbeitet, also für eine Leben in der Krise statt des Lockdowns, sitzen nicht selten Verantwortliche aus der Berliner Veranstaltungsbranche mit am Tisch.

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