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Der Weg zum wirklichen Blau

Monika Melchert lässt die mexikanischen Jahre von Anna Seghers lebendig werden

  • Von Mario Pschera
  • Lesedauer: 4 Min.

Jubiläen sind im Buchgeschäft - ja, auch Bücher werden zumeist ob ihres Warencharakters produziert und auf den Markt gebracht - Daten, vor deren Herannahen eifrigst das Werk eines etwas aus der Mode gekommenen Autors hübsch gemacht und mit Schleifchen versehen wird. Eine Anthologie, vielleicht auch ein Zitatebuch bietet sich an. Oder eine Biografie, die Heldentaten und Anekdoten aus dem Leben des Jubilars mit mehr oder minder gelungenen Schnappschüssen versammelt. Kennt man von den einschlägigen Familienfeiern. Monika Melcherts »Im Schutz von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil« fällt aus dreierlei Gründen nicht in diese Kategorie von Büchern.

Die 1900 geborene und 1983 verstorbene Anna Seghers schrieb, wie jede Autorin und jeder Autor Texte in ihrer Zeit, und also in Stoff und Thema zeitgebunden. Darüber hinaus wandte sie jedoch jene Technik an, die später als magischer Realismus bezeichnet werden sollte. Etliche Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, oft zu Unrecht vergessen, taten dies. Anna Seghers aber gelang damit eine Eindringlichkeit der Erzählung, die bis heute fasziniert. Ebenso das Tastende, Wägende, das Dunkel Ausleuchtende, das Christa Wolf in ihren Texten wiederum zur Meisterschaft brachte, und das einen Kontrapunkt zur Forsch- und Gewissheit des (zumeist) männlichen Schreibens setzte. Ihr Roman »Das siebte Kreuz« von 1942 darf mit Fug und Recht als derjenige bezeichnet werden, der die internationale Popularisierung des Antifaschismus am meisten beförderte. »Der Ausflug der toten Mädchen« von 1946 lässt sich wieder als eine Parabel auf die Fragilität bürgerlicher Gewissheiten von Kultur und Zivilisation lesen. Die Parallelen zu heute lebenden Personen und Zuständen sind frappierend. Das war gewiss nicht Intention der Autorin, verleiht aber ihren Texten einen »Gebrauchswert«, solange die faschistische Ideologie in der bürgerlichen Gesellschaft verankert ist - auf die gleichnamige Studie von Zeev Sternhell von 1976, die neu aufgelegt worden ist, sei hierzu verwiesen. Und nicht zuletzt bleibt ihr Roman »Transit« angesichts fortdauernder erzwungener Migration beklemmend aktuell.

Das Mexiko der Exilzeit ist ein eigener Raum, dessen Geschichte einiges zum Verständnis gegenwärtiger Prozesse in Lateinamerika und globaler Interessenpolitik beiträgt. Neben Anna Seghers haben sich auch andere Exilanten mit Mexiko beschäftigt, etwa Bodo Uhse mit »Sonntagsträumerei in der Alameda« und Ludwig Renn mit »Trini«, einem Bestseller fortschrittlicher Jugendliteratur. (Welcher linke Kinderbuchverlag kümmert sich um eine Neuauflage? Die letzte ist 1981 in der DDR erschienen.) Im Wiener Verlag Bahoe Books erscheint derzeit eine fünfbändige Graphic Novel unter dem Titel »Die Mexikaner«, die die Schicksale slowenischer Auswanderer als angeworbene Söldner mit der Geschichte der perfiden Rochade um den Kurzzeitkaiser von Mexiko, Maximilian und den indigenen Anwalt Juarez verbindet. Mexiko war eines der ersten Länder, die sich aus der Kolonialordnung zu befreien versuchten, die auch nach der Bolivarischen Revolution weiter Bestand hatte. Exilland war es auch für die geschlagenen spanischen Republikaner, die vor Franco und später dem Vichy-Regime fliehen mussten. Dem Dichter und Konsul der Republik Chile, Pablo Neruda, wurde Mexiko zur zweiten Heimat. Das Land hatte in vielerlei Hinsicht eine Vorbildfunktion, bis es der aufziehende Kalte Krieg und der Nepotismus der »Partei der institutionalisierten Revolution« in die Stagnation und neoliberale Verhältnisse trieb.

Der dritte Grund liegt in der Person der Literaturwissenschaftlerin Monika Melchert selbst, die sich abseits der Aufmerksamkeitswellen und Jubiläenschnellschüsse seit Jahrzehnten des Werkes und Wirken der Anna Seghers annimmt. Vielleicht ist es ihrer Vermittlungsarbeit buchstäblich - sie lehrte als Dozentin und hat lange Zeit Führungen durch das Anna-Seghers-Haus vorgenommen - zu verdanken, dass sie ihre Publikationen u.a. zu Seghers bei aller Liebe zu Detail und Kontext angenehm unprätentiös verfasst hat. Nur dezent schimmert ihre Leidenschaft für den Gegenstand ihrer Beschreibung durch. Bei aller Wirrnis der historischen Ereignisse hält sie den Erzählfaden zusammen, scheut auch nicht vor gelegentlicher Wiederholung zurück, wenn diese dem Verständnis der Motive und Nöte dient, die die Exilanten getrieben haben. Was sie selbst antreibt, können Sie im unten stehenden Gespräch erfahren.

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