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Der BER eröffnet, doch die Passagiere bleiben aus

Begleitet von großen Erwartungen ist der Flughafen »Willy Brandt« eröffnet worden - gebremst durch die Corona-Pandemie

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 5 Min.

Mit dem Start der ersten Linienmaschine ist der Flughafen Berlin-Brandenburg »Willy Brandt«, kurz BER, am Sonntagmorgen nun vollends im internationalen Luftverkehrsnetz angekommen. Um 6.45 Uhr hob am neuen Hauptstadtflughafen ein Passagierflugzeug der britischen Airline Easyjet mit dem Ziel London-Gatwick ab. Es handelte sich dabei um jene Airbus A320neo mit der Kennung G-UZHF, die schon am Vortag als erster Jet auf der Nordbahn von Schönefeld gelandet war, gefolgt von einer Lufthansa-Maschine. Die Ankunft beider Passagierjets, die ursprünglich zeitgleich erfolgen sollte, hatte den Auftakt der feierlichen Inbetriebnahme des BER gebildet.

Wie stark sich die weltweite Corona-Pandemie auf die Inbetriebnahme des neuen Hauptstadtairports auswirkt, ließ sich auch am Easyjet-Flug EJU8210 ablesen. Flugkapitän Palle Hansen startete mit nur 64 Passagieren an Bord nach London, zwei Drittel der Sitze blieben unbesetzt. 130 Fuggäste hatten den symbolträchtigen Erstflug gebucht, 115 waren bis zum Vortag dabei geblieben. Doch am Abend hatte der britische Premier Boris Johnson den Lockdown für das Vereinigte Königreich verkündet, so dass zahlreiche Kunden kurzfristig gecancelt haben.

Kurz nach fünf Uhr hatten sich die ersten Fluggäste am Gate C17 des ansonsten fast menschenleeren Flughafens eingefunden. Unter ihnen Richard Martin und seine Ehefrau Karin Binner-Martin. »Wir haben bewusst diesen ersten Flug gebucht«, sagte der IT-Fachmann dem »nd«. »Ich bin in London geboren, wir wollten einfach dabei sein. Wir sind schon häufig mit Easyjet geflogen, die Airline hatte uns angefragt, ob wir Interesse an dem Flug haben.« Seine Frau Karin hat selbst viele Jahre im Check-in am Flughafen Tegel gearbeitet. Den BER findet sie ganz okay, Tegel aber irgendwie doch besser. »Wir haben natürlich vom Lockdown erfahren und nehmen das ernst«, sagt ihr Mann Martin. Sie hätten Familienrat abgehalten und sich entschieden, dennoch zu fliegen und freuen sich jetzt auch darauf. Der Lockdown trete in London erst am Donnerstag in Kraft, nur einen Tag vor der geplanten Rückreise. Sie wollen vor Ort entscheiden, was sie dann tun.

Etwas abseits sitzt eine Mutter mit ihrer Tochter. Die beiden wollen nach Hause fliegen. »Wir haben die Großeltern in Deutschland besucht, doch morgen beginnt für Elly wieder die Schule. Außerdem wartet mein Mann sehnsüchtig auf uns«, sagt Sylvia. Ihre Tochter gehe in die 6. Klasse und die britische Regierung habe ebenfalls beschlossen, dass die Schulen während des Lockdowns geöffnet bleiben. Für Sylvia, die im Personalwesen arbeitet, ändert sich relativ wenig, da sie wie viele andere im Homeoffice arbeitet.

Zur Verabschiedung der ersten Easyjet-Passagiere am BER haben sich auch Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup und Stephan Erler, Deutschland-Chef von Easyjet, eingefunden. »Das ist für uns ein großer Moment«, sagt Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. »Wir haben lange darauf hingearbeitet, dass wir hier Fluggäste begrüßen können.« Erler zeigt sich sehr angetan vom modernen Ambiente des Flughafens. »Ich bin begeistert über das mediale Interesse, aber auch über das Interesse der Stadt und ihrer Menschen für diesen Flughafen und darüber, wie er angenommen wird«, sagte Erler.

Der »Willy Brandt«-Flughafen war am Samstag nach 20 Uhr mit der Landung der ersten Linienflüge, die Urlauber aus verschiedenen Regionen heimbrachten, der Öffentlichkeit übergeben worden. Insgesamt 23 Starts und Landungen sah der Flugplan für Sonntag vor, darunter Flüge aus Gran Canaria, Zürich oder Istanbul. Im Laufe des Sonntags sollten mit Qatar Airways und Turkish Airlines weitere Fluggesellschaften von Tegel an den neuen Standort umziehen. Am Mittwoch wird mit der neuen Süd-Bahn die zweite Start- und Landebahn des BER in Betrieb genommen. Wie die Flughafengesellschaft betont, gilt erst damit der BER auch rechtlich, also im Sinne der Planfeststellung, als in Betrieb genommen.

Wie Lütke Daldrup am Morgen erläuterte, werde es angesichts der sich wieder zuspitzenden Coronakrise schwer, die zuletzt erwarteten Passagierzahlen zu erreichen. Er blieb jedoch bei seiner Prognose, dass man am BER-Terminal 1 nach dem vollständigen Umzug vom Flughafen Tegel vom 7. auf den 8. November mehr als 15 000 Fluggäste abfertigen werde. Normalerweise habe man im November am Standort Berlin um die 80 000 Passagiere erreicht. »Wir werden alle miteinander einen harten Winter haben und nur wenige Fluggäste haben«, kündigte er an.

Die britische Airline Easyjet, seit 2004 in Berlin, ist neben der deutschen Lufthansa Hauptkundin der Flughafengesellschaft. Beide Airlines haben allen Misslichkeiten zum Trotz, die vor allem aus der 2012 erfolgten kurzfristigen Absage der Eröffnung resultierten, am Standort Berlin-Brandenburg festgehalten. Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr und Johan Lundgren, Vorsitzender der Easyjet-Geschäftsführung, bekräftigten als Ehrengäste der BER-Eröffnung ihr Bekenntnis zum Standort und verwiesen auf Reserven vor allem im interkontinentalen Geschäft.

Spohr erinnert daran, dass die Lufthansa 1926 in Berlin gegründet wurde. Er widerspricht dem BER-Chef, der erklärt hatte, der Eröffnungstag sei »kein historischer Tag, aber ein wichtiger«. »Für Berlin, für Brandenburg und für Deutschland ist es wichtig, dass die Hauptstadtregion nun einen modernen und leistungsfähigen Airport hat«, betont Spohr. Der Flughafen »Willy Brandt« werde nicht nur für die Hauptstadt, die als pulsierende Metropole im Herzen Europas Jahr für Jahr viele Millionen Menschen fasziniere, ein echtes Aushängeschild sein.

Ungeachtet der schweren wirtschaftlichen und finanziellen Probleme des BER, die durch die Coronakrise ausgelöst oder verstärkt werden, bekräftigen die Gesellschafter Berlin, Brandenburg und der Bund ihr Bekenntnis zum neuen Hauptstadtflughafen. Berlin und Brandenburg, ja ganz Ostdeutschland bräuchten diese wichtige Infrastruktur, heißt es. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sprach sogar davon, dass man nach all den Fehlern und Rückschlägen der Vergangenheit nun den »Beginn einer Erfolggeschichte« erlebe.

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