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Luxus für eine Nacht

In den kalten Wintermonaten können Obdachlose in leerstehenden Hostels unterkommen

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Manager des Hostels »Pfefferbett«, Mirko Meinert, in einem der Vierbettzimmer, das coronabedingt zu einem Zweibettzimmer für Obdachlose umgebaut wurde.
Der Manager des Hostels »Pfefferbett«, Mirko Meinert, in einem der Vierbettzimmer, das coronabedingt zu einem Zweibettzimmer für Obdachlose umgebaut wurde.

Wenn Hotels und Hostels leer bleiben, weil touristische Übernachtungen pandemiebedingt verboten sind, und gleichzeitig Tausende Menschen auf der Straße leben müssen - warum dann nicht Obdachlose in Hostels unterbringen? Diese seit Anfang der Corona-Pandemie von Aktivist*innen und Hilfsorganisationen immer wieder erhobene Forderung wird nun, mit Beginn der Kältehilfe, erfüllt. Insgesamt drei Hostels bieten ihre Räumlichkeiten in diesem Winter für Obdachlose an: das »Sezer Hotel« in Treptow-Köpenick mit 70 Plätzen, die Pension Reiter in Friedrichshain mit 40 Plätzen und das Hostel »Pfefferbett« in Pankow mit 90 Plätzen.

Im »Pfefferbett«, einer Herberge auf einem ehemaligen Brauereigelände in Prenzlauer Berg, bereitet man sich schon seit Wochen auf die neue Klientel vor. »Es sind ja schon besondere Gäste«, sagt Manager Mirko Meinert. Mit Rollenspielen haben die Mitarbeiter*innen mögliche Szenarien durchgespielt, etwa wenn es Sprachbarrieren gibt oder die Gäste alkoholisiert sind. Bei der Eröffnung am Mittwochabend lief dann aber alles glatt. Allerdings hatten auch nur vier Männer »eingecheckt«. Das dürfte sich schnell ändern, wenn sich das neue Angebot herumgesprochen hat. Denn im Gegensatz zu manch anderer Obdachloseneinrichtung mutet das »Pfefferbett« fast schon luxuriös an: In dem historischen Backsteingebäude, in dem sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auch die ND-Druckerei befand, erwartet die Gäste eine sechs Meter hohe Lobby, in der Industriearchitektur und modernes Design aufeinandertreffen. Ab 19 Uhr können sie sich dort an der Rezeption melden, wo Fieber gemessen wird und sie Masken ausgehändigt bekommen. Anschließend folgt dasselbe Prozedere wie bei den Rucksacktourist*innen, die sich üblicherweise hier einfinden: Check-in, Zuteilung eines Zimmers, Aushändigung einer Schlüsselkarte - danach gibt es ein warmes Essen, das zwei Köch*innen täglich frisch zubereiten. Nach 22 Uhr ist Sperrstunde, keine*r darf mehr rein oder raus.

Von den 180 Betten, die auf drei Etagen verteilt sind, wird die Hälfte aus Abstands- und Hygienegründen freigehalten. Die Obdachlosen sollen im Idealfall gemeinsam mit der Gruppe untergebracht werden, mit der sie auch tagsüber auf der Straße unterwegs sind, erklärt Meinert. Von Einzel- bis Vierbettzimmern ist alles vorhanden, 18 Betten sind nur für Frauen reserviert. Wer will, kann sich seinen Platz gleich für die kommenden Monate reservieren. Weisen die Gäste bei ihrer Ankunft Krankheitssymptome auf, werden sie nicht weggeschickt, sondern in eigens vorgehaltenen Quarantäne-Zimmern untergebracht. Um 6.30 Uhr werden alle geweckt und nach einem kurzen Frühstück spätestens um 8 Uhr wieder auf die Straße entlassen.

Eigentlich hätte das »Pfefferbett« schon am Sonntag öffnen sollen. Weil der Bezirk sich mit den Verträgen Zeit ließ, starten sie nun mit drei Tagen Verspätung. Manager Meinert ist froh, dass es überhaupt weitergeht. »Den Winter hätten wir zwar überstanden, es gibt ja staatliche Hilfen, aber so kommen unsere Mitarbeiter aus der Kurzarbeit raus«, sagt Meinert mit Blick auf die 29 Angestellten, von denen zwölf körperlich oder geistig behindert sind. Als integrativem Betrieb sei ihnen aber auch die Unterstützung benachteiligter Gesellschaftsgruppen wichtig, die von der Krise besonders hart betroffen sind, betont Meinert.

Wenn die Obdachlosen außer Haus sind, kommen die Haustechniker Denis Schanowski und Alexander Hornbog, um zu lüften und eventuelle Schäden zu beseitigen. Sie sehen die Kooperation mit der Kältehilfe als »Win-Win-Situation«: »Ich freue mich, dass wir wieder Arbeit haben«, sagt Hornbog. »Ich bin froh, dass wieder Leute kommen. Ist doch doof, wenn das Hostel leer steht, jetzt ist wenigstens wieder was los«, findet sein Kollege Schanowski .

Hostels wie das »Pfefferbett« sind in der aktuellen Kältehilfesaison eingesprungen, weil die Einrichtungen ihre Plätze wegen der Hygienebestimmungen reduzieren mussten. Seit dem 1. November stehen etwas mehr als 1000 Plätze zur Verfügung. Sollten die nicht ausreichen, stünden weitere Hostels bereit, sagt Stefan Strauß, Sprecher von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Im Gegensatz zu der Zeit, in der es noch viele Flüchtlinge nach Berlin schafften und Hostels ihre weit weniger komfortablen Zimmer teils zu horrenden Preisen an die Bezirke vermieteten, werde heute auch auf die soziale Ausrichtung der Betriebe geachtet.

Trotzdem ist die Kältehilfe immer noch eine Notlösung, um Menschen vor dem Erfrieren zu schützen. »Das ist hier zwar komfortabel, wäre aber nicht nötig, wenn die Bezirke eine dauerhafte Unterbringung organisieren würden«, sagt Strauß. Nun ist es kein Geheimnis, dass Breitenbachs Senatsverwaltung unzufrieden ist mit den Bemühungen der Bezirke, die für die Unterbringung wohnungsloser Menschen zuständig sind. Immer wieder betont Breitenbach, dass die Bezirke den Menschen auf der Straße verstärkt Unterkünfte anbieten sollen, in denen diese sich auch tagsüber aufhalten können. Die Erfahrungen der rund um die Uhr geöffneten Unterkünfte, die am Beginn der Pandemie eingerichtet wurden, hätten gezeigt, dass viele Menschen bereit waren, Unterstützungsangebote wahrzunehmen, sobald sie erst einmal zur Ruhe gekommen waren. Sollte es weitere Einschränkungen geben, sollen die sogenannten 24/7-Unterkünfte wieder eingeführt werden. »Die neuen Beschränkungen in der Coronakrise bringen obdachlose Menschen in eine besonders schwierige Situation«, so die Sozialsenatorin zum Beginn der Kältehilfesaison. »Wir alle sind dafür verantwortlich, die Menschen zu schützen, die unsere Hilfe benötigen.«

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