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  • Fußball in Nordmazedonien

Symbol der Zerrissenheit

In Nordmazedonien ist Fußball Sinnbild für Nationalismus und ethnische Spannungen. Das Nationalteam kann sich nun erstmals für die EM qualifizieren - und zu Annäherung beitragen.

  • Von Ronny Blaschke
  • Lesedauer: 7 Min.

Die Ultras des FC Vardar können in wenigen Stunden mehrere hundert Männer auf die Straße bringen. In den vergangenen Jahren sind sie häufig durch die mazedonische Hauptstadt Skopje gezogen. Organisiert, selbstbewusst, lautstark. Auf ihren Bannern drücken sie eine Haltung aus, die viele Mazedonier teilen: »Der Name ist unsere Identität.« Es geht ihnen weniger um Fußball, es geht ihnen um Politik.

Die Republik Mazedonien löste sich 1991 von Jugoslawien und ist seitdem unabhängig. Im Süden grenzt sie an eine Provinz von Griechenland, die den gleichen Namen trägt. Seit Jahrzehnten befürchtet die griechische Regierung Gebietsansprüche des Nachbarn. Athen stellt sich lange gegen einen Beitritt Mazedoniens in Nato und EU. Die Folge: Provokationen, Embargos, Volksabstimmungen. Als Kompromiss tritt Anfang 2019 eine Namensänderung in Kraft: Skopje ist nun die Hauptstadt von Nordmazedonien. Für die Ultras des FC Vardar: ein Alptraum.

Der Konflikt zwischen Nordmazedonien und Griechenland kreist um Begriffe, die in Politik und Fußball gleichermaßen eine Rolle spielen: Tradition, Territorium, Identität. Wie in anderen Regionen der Welt können bestimmte Ereignisse die Diskussion beeinflussen. Am kommenden Donnerstag steht ein solches Ereignis an. Im Playoff gegen Georgien könnte sich die Nationalmannschaft Nordmazedoniens für die EM qualifizieren, es wäre ihr erstes großes Turnier. Ein wenig beobachteter Staat würde ins Rampenlicht treten. Mit welchen Folgen für die ethnisch polarisierte Gesellschaft?

Rechte benutzen den Fußball

Mehr als zwei Millionen Menschen leben in Nordmazedonien, im Süden des Balkans. Rund 65 Prozent der Bevölkerung sind christlich orthodoxe Mazedonier, ein Viertel sind ethnische Albaner. Viele der orthodoxen Mazedonier halten zum FC Vardar, dem Rekordmeister mit elf Meisterschaften seit der Unabhängigkeit. »Die große Mehrheit der Fußballfans ist nationalistisch«, sagt der mazedonische Sportjournalist Ilcho Cvetanoski. »Die rechten Parteien nutzen dieses Potenzial des Fußballs. Wenn sie harte Kerle für Demonstrationen oder Sicherheitsdienste brauchen, dann holen sie die Ultras.«

Deutlich wird das 2006 nach einem Regierungswechsel. Die rechtskonservative Partei VMRO-DPMNE stellt damals die antike Bedeutung des Namens Mazedonien heraus und zieht eine Linie zum Feldherren Alexander dem Großen, gestorben 323 vor Christus. Die Regierung lässt Statuen im Zentrum von Skopje errichten. Ein Flughafen und eine Autobahn werden nach Alexander dem Großen benannt, das Nationalstadion nach dessen Vater Philipp II. »Diese Neugestaltung sollte die nationalistische Ideologie sichtbar machen und Griechenland provozieren«, sagt der Reporter Ilcho Cvetanoski. Die Regierung spricht von einer historischen Benachteiligung Mazedoniens und geht in die Offensive - mit Unterstützung der Ultras.

Der Minderwertigkeitskomplex ist tief verwurzelt: Im 19. und lange auch im 20. Jahrhundert ist Mazedonien nicht souverän, sondern wird von umliegenden Mächten beansprucht, von Bulgaren, Griechen und Serben. Im Königreich Jugoslawien findet 1923 die erste Fußballmeisterschaft statt, erst zwölf Jahre später darf ein Team aus Mazedonien mitspielen. Im Zweiten Weltkrieg annektiert Bulgarien seinen westlichen Nachbarn Mazedonien und übernimmt die Kontrolle im dortigen Sportbetrieb. »Der Fußball war häufig ein Spiegel für Konflikte und Gebietsansprüche, aber auch für Selbstbehauptung«, sagt der britische Historker und Balkan-Experte Richard Mills.

Die jugoslawische Ära

Nach dem Krieg ist Mazedonien im sozialistischen Jugoslawien eine von sechs Teilrepubliken. Viele Fußballfans interessieren sich für die Spitzenklubs anderer Regionen, für Roter Stern Belgrad oder Dinamo Zagreb. Mazedonische Teams sind in der jugoslawischen Liga in 33 der 45 Spielzeiten vertreten. Mazedonische Spieler wechseln auch zu den Topklubs. Im erfolgreichen jugoslawischen Nationalteam gelten sie als gut integriert. Zwei von ihnen, Darko Pančev und Ilija Najdovski, gewinnen 1991 mit Roter Stern Belgrad den Europapokal der Landesmeister.

In seinem Buch »The Politics of Football in Yugoslavia« legt Richard Mills einen Fokus auf die 1980er Jahre: Nach Wirtschaftskrisen und sozialen Spannungen wächst die Sehnsucht nach ethnisch homogenen Einzelstaaten. Fangruppen wie Delije bei Roter Stern Belgrad oder Bad Blue Boys bei Dinamo Zagreb begleiten mit Hassgesängen und Ausschreitungen den Zerfallsprozess Jugoslawiens. In Skopje formiert sich 1985 beim FC Vardar die Gruppe »Komiti«, benannt nach Aufständischen gegen das Osmanische Reich vor mehr als 100 Jahren.

»Komiti« gilt als relativ harmlos, doch das ändert sich. Wegen Spielmanipulationen müssen 1986 zehn Vereine mit einem Punkteabzug in die Saison starten. Vardar gehört nicht dazu und wird prompt erstmals jugoslawischer Meister. Der Zweitplatzierte Partizan Belgrad legt Einspruch ein und wird doch noch zum Meister ernannt. »Viele Mazedonier fühlten sich von der Politik unfair behandelt und um den Titel beraubt«, erinnert der mazedonische Historiker Zdravko Stojkoski. Auch bei »Komiti« ist der Frust groß. Die Fangruppe betont ihren christlichen, antikommunistischen Patriotismus.

Konflikt mit den Albanern

Etliche Fans zieht es nach der Unabhängigkeit Mazedoniens in die Politik. Der Anführer der »Komiti«, Johan Tarčulovski, schließt sich der Partei VMRO-DPMNE an. Mit 19 Jahren leitet er eine rechte Jugendorganisation, bald gehört er zum Sicherheitsteam des mazedonischen Präsidenten. Um die Jahrtausendwende eskaliert der Konflikt zwischen ethnischen Mazedoniern und Albanern. Mit einer paramilitärischen Einheit greift Tarčulovski im August 2001 ein albanisches Dorf an, mehrere Menschen sterben.

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag verurteilt Tarčulovski als Kriegsverbrecher zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Nach seiner Freilassung 2013 wird er in Skopje wie ein »Kriegsheld« gefeiert, schreibt der britische Journalist James Montague in seinem Buch »1312: Among the Ultras«. Mit dieser Unterstützung wird später Johan Tarčulovski ins Parlament gewählt. Der einstige Ultra-Anführer mobilisiert Fans gegen eine Annäherung an Griechenland. 2016 übernehmen die Sozialdemokraten die mazedonische Regierung. Bei der Amtseinführung des Ministerpräsidenten Zoran Zaev stürmen Nationalisten das Parlament. Johan Tarčulovski soll sie unterstützt haben.

Ein Neuanfang

Die neue Regierung geht auf Griechenland zu und beseitigt etliche jener Symbole, die an die antike Bedeutung von Mazedonien erinnern. Das Stadion in Skopje wird nach dem beliebten Sänger Toše Proeski umbenannt. Die Ultras von »Komiti« protestieren, es folgen Ausschreitungen mit Verletzten. Spekulationen machen die Runde, wonach der russische Investor Ivan Savvidis die Demonstranten mit 300 000 Euro unterstützt habe. Savvidis besitzt in Griechenland Unternehmen, Hotels und Medienhäuser. Bekannt ist er als Eigentümer vom PAOK Thessaloniki, dem bekanntesten Klub der griechischen Region Mazedonien. Bis 2011 sitzt Savvidis für die Partei Einiges Russland von Wladimir Putin im russischen Parlament. Moskau will nicht, dass Nordmazedonien der Nato beitritt. Auch die Ultras von PAOK Thessaloniki positionieren sich gegen den Nachbarn.

Seit der Änderung des Landesnamens in Nordmazedonien Anfang 2019 ist die Lage vergleichsweise ruhig. Es bestehen andere Konflikte. Ein Viertel der Bevölkerung sind Albaner muslimischen Glaubens. Für viele von ihnen dehnt sich die albanische Nation auch auf jene Staaten aus, in denen albanische Minderheiten leben: Serbien, Montenegro, Griechenland und vor allem Kosovo. »Viele der orthodoxen Mazedonier identifizieren sich stark mit dem mazedonischen Nationalteam, bei den Muslimen ist das weniger der Fall«, erläutert der Sportwissenschaftler Ivan Anastasovski aus Skopje.

Albanischer Meister

In der Stadt Tetovo nahe Skopje gründen Albaner 1979 zur Traditionspflege den FC Skendija. Die jugoslawischen Behörden verbieten den Klub aus Sorge vor albanischem Nationalismus. Nach der Unabhängigkeit wird Skendija dreimal Meister. Die Ultras nennen sich »Ballistët«, in Anlehnung an eine albanische Kampforganisation im Zweiten Weltkrieg. Ebenfalls wichtig für die Albaner: der FC Shkupi mit der Ultragruppe »Die Schmuggler«. Artan Grubi, einer ihrer Gründer, ist inzwischen Vizepräsident im Parlament für die albanische Partei DUI.

Auch die albanischen Fans in Nordmazedonien verfolgen ihre Agenda. Einige von ihnen zeigen Flaggen von einem fiktiven Großalbanien. Mit Bannern und Gesängen unterstützen sie die Kosovo-Albaner gegen die Besitzansprüche aus Serbien. Vor gut einem Monat besiegt das Nationalteam Nordmazedoniens im vorentscheidenden EM-Qualifikationspiel den Kosovo, wegen Corona vor leeren Rängen. In sozialen Medien betonen viele Albaner aus Nordmazedonien ihre Enttäuschung, nicht ihre Freude.

Der Forscher Ivan Anastasovski glaubt, dass eine Teilnahme an der EM den Aufbau einer eigenen Identität in Nordmazedonien stärken könne. Ein Symbol für Vielfalt statt Zerrissenheit. Der bekannteste Nationalspieler Eljif Elmas vom SSC Neapel hat türkische Wurzeln. So wie das Nationalteam sind die meisten Profimannschaften in Nordmazedonien ethnisch durchmischt. Von einer solchen Vielfalt kann in den Führungsgremien und Fankurven der Klubs noch keine Rede sein.

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