Herbert Grönemeyer
Herbert Grönemeyer

Lieber Herbert

Leo Fischer bedankt sich bei Herbert Grönemeyer für eine Ermutigung in der Krise

Von Leo Fischer

Dies ist ein offener Brief an Herbert Grönemeyer. Herbert, ich habe deinen offenen Brief in der »Zeit« gelesen. Er ist voller starker Sätze in deinem unverwechselbaren Grönemeyer-Deutsch: »Welchen Anteil hat Kultur in unserem Leben? Wir unterhalten, aber wie das Verb beinhaltet, wir halten von unten. Kultur stützt die Menschen in ihrer Verzweiflung, Trauer, in ihrer Lust, Freude, ihrem Lachen, ihrem Mut und ihrer Zuversicht. Sie lässt ihre Gehirne wachsen, nährt ihre Sicht, ihren Aufbruch, klärt und hinterfragt.« Und da wusste man wieder, was wir alle in der Krise vermisst haben: einen starken, Mut machenden Grönemeyer-Song, der uns abholt beim Lachen, beim Weinen, beim Nervös-im-Ohr-Puhlen, der ein bisschen Heidegger mit ein bisschen Kirchentag vermengt, der wie ein Schwall warmer Jägermeister über unsere Neuronen fegt und alles Leben auslöscht. Danke dafür, Herbert.

Du schreibst, dass in der Krise »die Liebesbeziehung« zwischen den Künstlern und ihrem Publikum »auf Eis« liege: »Ihr gegenseitiges Aufputschen verdorrt.« Und auch da fühle ich mich total abgeholt, als Künstler wie auch als Publikum. Ich kann mich nicht mehr von dir aufputschen lassen, außer über deine Best-of-Alben; umgekehrt kann ich dich nicht mehr aufputschen, außer jetzt, im Moment, mit dieser Kolumne. Herbert, ich putsch’ aus dir!

Du fragst nach der Stille nach dem Stuss, »nach der euphorischen Erwartungswolke, die in den Hallen und Räumen uns umgibt, wenn wir uns auf Auftritte freuen, die gemeinsame Neugier, was passiert, auf welche Reisen werden wir mitgenommen«. Gerne würde ich mit dir, Herbert, wieder in eine Erwartungswolke treten, in jenes spezielle Aerosol aus Bierdunst, Schweiß und regressiver Entsublimierung, das überall da dampft, wo Deutsche glauben, in Kultur machen zu müssen. Ich habe es sehr vermisst, nach einem Ärzte-Konzert von betrunkenen Abteilungsleitern auf dem Klo herumgeschubst zu werden, weil die sich wieder wie 15 fühlen; die gemeinsame Neugier, auf welche Reise Klaus-Dieter mich nehmen wird, wenn er nach dem Onkelz-Konzert in der Innenstadt auf Stress aus ist.

»Brennen und anfeuern« sollen Künstler: »Wir sind vielleicht nicht die Maschine und der Motor Deutschlands, aber die Kultur in ihrer gesamten Vielfalt ist die rauschende Seele, ist der öffentliche Herzschlag eines Landes, und alle in ihr Beschäftigten und Auftretenden sind seine Schlagadern.« Da hast du völlig recht: Kultur soll den Betrieb schön geschmeidig am Laufen halten, ist eine vieltausendköpfige Morning-Show mit überdrehten Moderatoren, die für gute Laune sorgen, wenn die Prolos morgens wieder ins Logistikzentrum geschippert werden. Es braucht Kraft, in der Krise durchzuhalten, und wenn Künstler es schaffen, Kraft durch, äh, Freude zu erschaffen, brummt Deutschland wieder als Ganzes! »Eine Gesellschaft ist eine Familie«, schreibst du, und ja, in einer als organischer Blutsverband vorgestellten Volksgemeinschaft mag das sogar zutreffen. Da macht es auch Sinn, dass, wie von Dir vorgeschlagen, Millionäre den Künstlern helfen: »Auch eine Gesellschaft, eine Familie muss sich bewegen und handeln und tun, was sie kann.«

Klar, da wird Kunst, die sich nicht als Schmiermittel und Motor für die Industrie versteht, erst mal auf der Strecke bleiben. Und Künstler, die sich nicht von Millionären helfen lassen wollen, die vielleicht sogar gegen die Existenz von Millionären sind, erst recht. Aber um die ist es nicht schade, was, Herbert?

Du beklagst die Stille, Herbert. Deine Worte geben mir Kraft: Je lauter ich Dich und Deinesgleichen über die Stille klagen höre, desto weniger empfinde ich sie als Problem. So hast du mir, ohne mir einen Cent deiner Millionen zu überweisen, schon sehr geholfen!

Dafür dankt dir herzlich Dein Leo

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