Wolfgang Benz

Aufruhr der Bosheit

Wolfgang Benz über Vorurteile und Gewaltbreitschaft, soziale und politische Feindbilder und Hate Crimes

Von Karlen Vesper

Professor Benz, vor Jahren konstatierten Sie einen latenten Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft. In Ihrem neuen Buch prognostizieren Sie latente Gewaltbereitschaft, die jederzeit an jedem Ort in reale Gewalt umschlagen kann. Ein resignatives Urteil. Glauben Sie nicht, dass sich die Menschen zum Guten bessern können?

Ganz offenbar gelingt ihnen das nicht. Ich hatte nie die Hoffnung, dass man Vorurteile, ob antisemitisch, antimuslimisch, rassistisch oder homophob, gänzlich aus der Welt schaffen könnte. Ich bin allerdings wohl noch etwas resignierter, pessimistischer geworden angesichts der augenblicklichen Konjunktur von Verschwörungstheorien. Wenn selbst ernannte Sachverständige wie ein durchgeknallter Koch oder ein verwirrter Deutsch-Rapper den Holocaust leugnen und auch die offensichtliche Pandemie nicht wahrhaben wollen und ihre abstrusen, obskuren Vorstellungen ein williges Publikum finden, so finde ich dies höchst beunruhigend.

Hat Corona Vorurteile verstärkt?

Ja, wahlweise werden Menschen mit asiatischem Aussehen oder Prominente wie Bill Gates und George Soros als »Schuldige« für die Einschränkung von Lebensqualität beschimpft. Dass erinnert an finsteres Mittelalter, als viele Menschen überzeugt waren, dass die Juden Brunnen vergiftet und somit die Pest ausgelöst haben. Vorurteile verdichten sich in Feindbildern und Gewaltfantasien, die in reale Gewalt umschlagen können. Die Nazis knüpften mit dem Rassenantisemitismus an den alten Antijudaismus an, um ihren systematischen Völkermord an den Juden zu exerzieren.

Es ist erschreckend, wie heute Hassdelikte, ausgelöst durch rassistische, politische, religiöse oder andere Feindbilder, fast alltäglich und stark im Ansteigen begriffen sind - befeuert auch durch die neuen Medien, durch das Internet. Und da frage ich mich natürlich, ob die engagierte Aufklärungsarbeit in den letzten Jahrzehnten vergeblich war.

Und Ihre Antwort darauf?

Ich tröste mich damit, dass ohne diese Aufklärungsarbeit alles noch unendlich schlimmer wäre, dass die Bollwerke, die es in der Demokratie zum Glück gegen dumpfen Hass und Gewaltexzesse gibt, längst geschleift und weggefegt wären. Meine Hoffnung und Erwartung richtet sich also nicht darauf, dass Vorurteile sich einfach in Nichts auflösen und wir in einer heilen, harmonischen Welt leben können, sondern darauf, dass sich immer wieder vernünftige und demokratische Kräfte finden, um den Damm nicht brechen zu lassen, der uns vor diesem Unflat schützt.

Man könnte sich auch fragen, warum 250 Jahre Aufklärung mit etwa Lessings »Nathan der Weise«, Herders »Stimmen der Völker in Liedern« oder Goethes »West-Östlichem Divan« im Land der Dichter und Denker keine nachhaltigen Spuren hinterließ.

Das musste man sich schon 1933 fragen. Und 1938, als in Deutschland Synagogen brannten, Juden gejagt und verhaftet wurden.

Den Anhängern von Pegida, der AfD oder der sogenannten Hygiene-Demos kann man nicht mit dem Kant’schen Appell zum Gebrauch der eigenen Vernunft kommen.

Auch den Nazis und all jenen Deutschen, die willig und freudig dem Faschismus zugejubelt haben, konnte man nicht mit Kant kommen. Die politischen Gegner des Faschismus haben die Katastrophe mit Ideen der Aufklärung zu bekämpfen versucht; die alliierten Soldaten marschierten mit aufklärerischen Konzepten im Gepäck gegen die Wehrmacht und die SS. Ganz offensichtlich gibt es aber immer wieder Rückschläge, weil die Menschen zu schnell vergessen, zu leicht verführbar sind und zu bereitwillig ins Irrationale verfallen.

Mein Trost ist, dass es heute nicht mehr die Mehrheit betrifft. Pegida ist ein Häuflein unzufriedener, missmutiger, habituell aufsässiger Menschen. Ihr Aufruhr ist ein Strohfeuer, das auflammt und danach wieder in sich zusammenfällt, wie das Verschwinden von deren Ablegern in westdeutschen Städten bezeugt. Tragfähig ist solche Aufwallung von bösartigen Gefühlen gottlob nicht.

Sie sind der Meinung, dass es nicht primär eine Frage des Wissens- und Bildungsstandes ist, was für Vorurteile und Verschwörungsfantasien anfällig macht. Sie diagnostizieren vielmehr eine größere Anfälligkeit hierfür bei mittleren und höheren Schichten denn bei mittellosen.

Zunächst: Bildung allein schützt nicht vor verquerer Weltanschauung, nicht vor fatalen Feindbildern. Schon immer sind gerade auch Menschen mit Doktortiteln Wahnvorstellungen anheimgefallen und haben diese dann auch noch geschickt kolportiert. Bildung ohne demokratischen und humanistischen Wertekanon, zu dem in allererster Linie Toleranz und Respekt füreinander, Verständnis für die Kultur und Lebensart des anderen gehören, schützt vor Torheit nicht. Da kann einer perfekt auf Lateinisch Gedichte rezitieren und interpretieren und trotzdem ein Idiot sein, der sich vor »Fremden« fürchtet, weil sie angeblich fremd sind, der ins Bramarbasieren verfällt und jenen alle böse Eigenschaften zuschreibt, die ihm einfallen.

Hinsichtlich Fremdenfeindlichkeit und Abschottungsmentalität gegenüber Kriegs- und Armutsflüchtlingen sprechen Sie explizit vom »Aufruhr bürgerlicher Bosheit«.

Es waren eher die Besitzenden, die Sarrazins unsäglichen Thesen zugejubelt haben. Bürger mit gesichertem Einkommen, mit Immobilien gar. Sie hegen unbegründete Verlustängste, lassen sich von einer irrationalen Überfremdungsfurcht überwältigen. Sarrazin hat ihnen nach dem Munde und aus dem Herzen gesprochen.

Ist nicht auch vom Versagen der Politik zu reden? Hat sie den »besorgen Bürger« in Dresden und Chemnitz oder auch Köln und Düsseldorf zunächst zu viel Verständnis entgegengebracht und so Mitschuld an der Potenzierung von Hass und Gewalt?

Natürlich. Wenn die sogenannten besorgten Bürger in ihrem Protest zu Mitteln greifen, die demokratische Werte wie Toleranz missachten und verletzen, dann ist Hätscheln und Trösten die falsche Taktik. Es ist ebenso falsch, alle in Bausch und Bogen als Nazis oder Faschisten abzutun. Manche wollten nur ihrem Unmut Luft machen und sind auf verantwortungslose Stichwortgeber reingefallen.

Ich bin auch ein besorgter Bürger. Anderweitig natürlich. Besorgten Bürgern, die sich unanständig benehmen, muss man in aller Deutlichkeit die Grenzen klarmachen. Und das hat man im Falle von Pegida nicht getan oder viel zu spät. Und wenn der Bundesinnenminister, obwohl Experten warnten, die rechtsradikale Gefahr unterschätzt und erst nach Halle allmählich die unheilvolle Dimension des Geschehens zu begreifen scheint, dann ist er eine Fehlbesetzung im Amt. Er hat einen guten Schlaf gehabt, aber seinen Job nicht gut gemacht.

Sie blicken nicht nur auf deutsche Zustände, sondern haben die Welt im Blick, spannen in Ihrem neuen Buch einen weiten Bogen, historisch wie aktuell. Sie analysieren antisemitischen, antimuslimischen, rassistischen Fundamentalismus. Kann man all diese Hate Crimes in einer Klammer fassen, überhaupt vergleichen?

Man muss vergleichen. Es gibt ganz offensichtlich Menschen, die für ihr Wohlbefinden, für ihr Selbstverständnis Feinde benötigen. Die konstruiert man sich. Und sie sind austauschbar. Wenn es vorgestern gegen die Juden ging, so geht es heute gegen die Muslime und morgen oder übermorgen gegen andere Menschen.

… etwa gegen die Radfahrer, wie Erich Maria Remarque in »Der schwarze Obelisk« sarkastisch Judenhass kommentierte.

Ja, oder gegen Frauen mit rotem Haar oder Menschen mit anderer sexueller Orientierung. Dies aufzudecken, muss Ressentimentforschung, auch Antisemitismusforschung leisten. Nur wenn man vergleicht, erkennt man, dass Demagogen, Wortführer, Hetzer, Stichwortgeber aus der Mitte der Mehrheitsgesellschaft sich immer der gleichen Methoden bedienen, um beliebige Kollektive, Minderheiten zumeist, zu denunzieren, um sie auszugrenzen, zu verfolgen oder gar zu ermorden.

Ihre Vergleiche vor allem zwischen Antisemitismus und Antiislamismus erfuhren zuweilen von einigen Jüngeren Kritik.

Das ist politische Agitation, betrieben von Aktivisten, die nicht erkennen wollen oder dazu nicht in der Lage sind, dass die Feindschaft gegen den Islam ähnliche Wurzeln hat wie die gegen Juden. Wenn die einen ihren Judenhass aus dem Talmud beziehen, in dem vom »auserwählten Volk« die Rede ist, berufen sich die Islamfeinde auf den Koran, der angeblich zum Dschihad, zum »Heiligen Krieg«, aufruft. Die einen wie die anderen verkennen, dass es sich um literarische Quellen handelt, geprägt von der Zeit ihrer Entstehung. Die »Islamkritik«, wie sie zuweilen auch von jüdischer Seite - aus nachvollziehbaren Gründen, der Bedrohung des jüdischen Staates Israel - vorgetragen wird, hat kein historisches Gedächtnis und kein Problembewusstsein für die Austauschbarkeit der Stigmatisierung bestimmter Gruppen.

Bezüglich des Attentäters von Halle bemerken Sie, dass dessen Judenhass zwar angeprangert wurde, aber dessen Muslimfeindlichkeit kaum öffentliche Wahrnehmung erfuhr. Erleben wir, nach endlicher Überwindung der Hierarchisierung der Opfer des NS-Regimes eine solche heutiger Opfer rassistischer Ideologie?

Wir sind noch dabei, die letzten Hürden der Hierarchisierung der Opfer der Nazis zu nehmen, nun endlich auch die sogenannten Asozialen und sogenannten Berufsverbrecher zu würdigen.

Ein mit brennbarer Flüssigkeit übergossener und angezündeter Obdachloser war kurz in den Schlagzeilen, bald wieder vergessen.

Solch kurzzeitige Aufwallung des Abscheus, die rasch wieder verfliegt, bestätigt, dass Menschen, die am Rande oder außerhalb der Gesellschaft leben, von der Mehrheit kaum oder zu wenig beachtet werden. Vorurteile gegen Obdachlose können dieselben Gewaltfantasien entzünden wie Ressentiments gegen Juden, Sinti und Roma oder Migranten. Die Empörung über die Gewalttat eines Antisemiten sollte, weil das Opfer ein Jude ist, nicht zwangsläufig größer sein als die Empörung über die Untat, die einem anderen Menschen angetan wird.

Ebenso dürfte es egal sein, ob die Gewalt von Gruppen oder sogenannten Einzeltätern ausgeht.

Jene, die weltweit Unschuldige in Synagogen, Kirchen und Moscheen oder auf offener Straße ermorden, weil sie in ihnen durch Herkunft, Kultur, Religion oder andere - beliebige - Zuschreibungen Feinde sehen, sind, auch wenn keine radikale Bewegung hinter ihnen stand oder sie beauftragte, keine Einzeltäter. Sie glauben im Namen der Mehrheit zu handeln, werden von einem irrwitzigen Sendungsbewusstsein getrieben und veröffentlichen wie der Osloer Massenmörder Anders Breivik sogenannte Manifeste im Internet.

Gibt es in Deutschland institutionellen Rassismus?

Wir haben etliche Beispiele dafür, dass es Rassismus in deutschen Institutionen gibt. Gewiss kann man nicht die gesamte Polizei des Rassismus bezichtigen, aber es gibt offenbar doch viele Polizisten und auch Verfassungsschützer, die rassistischen Vorurteilen anhängen. Wie weit und wie tief das geht, zeigt das schreckliche Lehrbeispiel NSU. Jahrelang wurde mit großer Inbrunst und absichtlich in die falsche Richtung ermittelt. Die Angehörigen der Opfer ereilte zum Verlust ihrer Liebsten noch der Hohn und Spott der Behörden. Es hat unsäglich lange gedauert, bis man den Tätern auf die Spur kam. Da wurde mit vollem Recht von Staatsversagen gesprochen.

Beschämend auch, dass ein Chef des Bundesverfassungsschutzes nicht gesehen haben will, was die Bundeskanzlerin und viele wahrhaft besorgte Bürger gesehen haben - nämlich einen Mob, der 2018 in Chemnitz Ausländer durch die Straßen jagte. Der Mann, der dies abgestritten hat, ist zu Recht von seinem Posten abgelöst worden. Dass er dann noch mit einem Staatssekretärsposten belohnt werden sollte, war ein Beweis mehr dafür, dass manches faul ist im Staate Deutschland, nicht alles auf den richtigen Schienen läuft.

Von Rassismus infiziert scheinen auch Geheimdienste und Bundeswehr zu sein.

Man muss sich sogar um die unabhängige Justiz sorgen. Wenige Tage nach dem Terroranschlag in Hanau fand in Berlin, am 27. Februar, ein Prozess statt, der zeigt, wie stark Ressentiments auch in staatlichen Institutionen wabern. Sawsan Chebli, Staatssekretärin in der Senatskanzlei, war Zielscheibe rassistischer Pöbelei eines wegen Gewalt und anderer Delikte vorbestraften Ex-Polizisten, der im Internet vor dem »Volkstod« warnte, der durch Migranten den Deutschen drohe, und die in Berlin geborene Politikerin beschimpfte, weil ihre Eltern aus Palästina stammen und sie Muslima ist. Zur Debatte vor Gericht stand nur die Schmähung, sie sei eine »Quotenmigrantin« der SPD und eine »islamische Sprechpuppe«. Derlei Injurien seien nicht beleidigend, sondern eine Meinungsäußerung, befand das Gericht letztlich.

Leider keine Ausnahme. Auch die Grünen-Politikerin Renate Künast bekam von der Justiz zertifiziert, dass obszöne Beleidigungen, die im Straßenverkehr sanktioniert werden, gegenüber Politikern lediglich Ausfluss schützenswerter Meinungsfreiheit sind. Doch die Übergänge vom Ressentiment, das in der Schmähung zum Ausdruck kommt, zur Gewalt sind fließend. In Kassel, Halle und Hanau ist das Ergebnis hetzender Feindschaft ja augenscheinlich geworden.

Mitunter wird die DDR und ihr »verordneter Antifaschismus« verantwortlich gemacht für rassistische Akte heute.

Den Antifaschismus der DDR zu leugnen oder zu denunzieren, haftbar für heutiges Geschehen in Ostdeutschland zu machen, ist natürlich Unsinn. Damit sei nicht bestritten, dass der Antizionismus der DDR, zu verorten in der Blockkonfrontation zwischen Ost und West, zeitweilig antisemitische Blüten trieb. Aber die jungen Neonazis, die heute in Brandenburg, Cottbus oder Chemnitz aufmarschieren, sind nicht in der DDR aufgewachsen, nicht von ihr geprägt.

Es ist also danach zu fragen, was nach dem Untergang der DDR im Glanze der neuen vereinigten Bundesrepublik geschehen ist, was Ostdeutsche verstimmt und in eine unerwünschte Richtung treibt oder getrieben hat. Und warum es einen starken völkisch-rassistischen, nationalsozialistischen Flügel der AfD in Thüringen gibt und die AfD-Fraktion in Brandenburg einen Neonazi an ihrer Spitze halten wollte, obwohl der Bundesvorstand diesen Herrn ausgeschlossen hat. Das ist gründlich und unvoreingenommen zu untersuchen. Ich meine, ein riesiges Versäumnis lag darin, dass man sich 1990 nicht auf Augenhöhe gegenüberstand, sondern die Bürger der DDR zunächst einmal emotional misshandelt wurden.

Der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, VVN-BdA, wurde die Gemeinnützigkeit entzogen. Ihr Kommentar?

Ein Finanzbeamter hat hier offenbar seine persönliche Gesinnung in eine Verordnung einfließen lassen.

Haben Sie für uns abschließend noch eine versöhnliche Botschaft?

Mein Trost sind meine Enkel, von einem halben Jahr bis zu 13 Jahre alt. Sie werden gewiss nicht zu Rassisten. Und wenn wir alle verantwortungsbewusst mit unserem Nachwuchs umgehen, dann können wir bessere Zeiten erwarten, in denen Feindbilder sich auflösen und Demagogen keine Gefolgschaft mehr rekrutieren können.

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