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Wie werde ich zum Bild meiner eigenen Imagination?

Queer gestreamt: »RuPaul's Drag Race«

Dragqueen Aquaria tritt bei „RuPaul's Drag Race
Dragqueen Aquaria tritt bei „RuPaul's Drag Race" im Berliner Tempodrom auf.

»Wenn du dich selbst nicht liebst, wie zum Teufel willst du einen anderen Menschen lieben?« Mit dieser Frage endet jede Folge von »RuPaul's Drag Race«. Dann fordert Mutter Ru - voluminöse blonde Haare, lange Wimpern, tiefes Dekolleté - von ihren Queens ein gemeinsames »Amen« ein, bevor die Musik einsetzt und die Gruppe über die Bühne tanzt.

Diese Frage am Ende jeder Folge ist für mich die Essenz der Sendung. Es geht um Selbstliebe. Eine rare Eigenschaft in dieser egozentrischen, kapitalistischen, selbstzerstörerischen Gesellschaft. In der wir von früher Kindheit an Normen und Kategorien hinterherlaufen und viel Energie damit verschwenden in Selbstzweifeln und Vergleichen zu baden. Alles Dinge, von denen wir im Laufe unseres Lebens ein Inventar machen und dann Stück für Stück aussortieren müssen, sagt RuPaul Charles im Real Talk der LA Public Library. Er steht in einem eleganten, weißen Anzug, einem rosa Hemd und weißen Sandalen auf der Bühne. Er trägt Glatze und eine moderne Hornbrille. Seine große Handtasche hat er neben sich abgestellt. Er erzählt davon, wie Menschen ihn immer wieder versuchen, in Schubladen zu stecken, und daran kläglich scheitern. Er fragt: »Warum müssen die mich versuchen einzuordnen? Warum kann ich nicht einfach nur sein?«

Das Bild der eigenen Imagination zu werden, ist für RuPaul Charles das Politischste und Kraftvollste, was man in dieser Welt bewirken kann. Der Weg dahin ist die Dekonstruktion von all den Bildern, all den Erwartungen, all den Vorgaben, die wir mit der Geburt in unsere Gesellschaft auferlegt bekommen haben. Für RuPaul ist es das, was Drag verkörpert. Drag ist wohl die beste Metapher für den Prozess des Auseinandernehmens von gesellschaftlichen Normen und gleichzeitig dem Zusammenbauen eines komplett neu erdachten Selbstbildes. Es entsteht ein Kunstwerk, das im gleichen Moment Geschlechternormen komplett auflösen und ihre Stereotype auf's Übelste feiern kann! RuPaul Charles ist eine Ikone dieser Kunst. Mit dem Format »RuPaul's Drag Race«, dieses Jahr in der zwölften Staffel, hat er es geschafft, Drag in das US-amerikanische Mainstream-Fernsehen und seit 2017 auf die Streamingplattformen der ganzen Welt zu bringen.

Die Show beweist, dass Drag Queens (und auch Kings, die in der Show allerdings nicht auftauchen) Unterhaltungs- und Performance-Profis sind und bereits mit ihrer Existenz ein politisches Statement setzen. Auch nach zwölf Staffeln bin ich des Formats nicht müde!

Wie geht es zusammen, queere Feministin zu sein und eine Show wie »RuPaul's Drag Race«, in der auch die übelsten Stereotype über den Laufsteg getragen werden, so zu lieben? Ganz einfach: Sie inspiriert mich! Wann hatte ich das letzte Mal so viel Spaß daran, meine Frau zu performen wie die Drag Queens auf dem Laufsteg? Wann hatte ich das letzte Mal so viel Spaß daran, die gesellschaftlichen Normen für meine Geschlechtsidentität an ihre Grenzen zu treiben wie die Drag Queens auf dem Laufsteg? Das Drag Race gibt mir sowohl die Möglichkeit, meine eigene Performance als Frau zu hinterfragen, als auch meine Femme zu feiern! Zwei Anteile von mir, die in meinem Alltag ständig gegeneinander ausgespielt werden. Ein Beispiel: Lasse ich meine Körperhaare lang wachsen, werde ich im Berliner Sommer dafür mit angeekelten Blicken versehen. Gehe ich geschminkt und mit langen Haaren in queer-feministische Räume, werde ich schräg angeguckt.

Während die Queens auf dem Bildschirm eine zu gleichen Teilen anspruchsvolle als auch bescheuerte Challenge nach der anderen lösen, springt der Spaßfunken des Performens auf mich über! »Man lernt wirklich kennen, wer man ist, woraus man gemacht ist und wo die eigenen Grenzen liegen. Das ist der Schlüssel zur Erweiterung der eigenen Erfahrungen im Leben«, sagt RuPaul Charles. »Menschen, die in der Lage sind, tausend Tode zu sterben und jedes Mal wiedergeboren zu werden, verändern die begrenzte Wahrnehmung ihrer selbst.« Inspirierend, sag ich doch!

Der deutsche Abklatsch der Sendung »Queen of Drags« mit Heidi Klum, die als weiße, hetero Frau und Supermodel nichts von der Dragwelt versteht, kann mir übrigens gestohlen bleiben!

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