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Kunstfreiheit im Kulturkampf

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich berichtet in seinem neuen Buch, wie er zum Feindbild wurde - gemalt von Neo Rauch

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 4 Min.
Neo Rauch
Neo Rauch

Als im vergangenen Jahr der Millionär Christoph Gröner, dessen Immobilienfirma CG Gruppe seine Initialen trägt, bei einer Kunstauktion tätig wurde, war das bemerkenswert. Nicht nur, weil er zuvor kaum als Sammler hochpreisiger Gemälde in Erscheinung getreten war. Und auch nicht, weil er auf einen Schlag 750 000 Euro ausgab. Sondern vor allem, weil er das zu dieser Zeit wohl meistdiskutierte Kunstwerk der Bundesrepublik erwarb und ankündigte, es werde künftig das Foyer eines »Vereins für den gesunden Menschenverstand« schmücken, der nach Gröner gegen moralisierende Falschinformationen bei Reizthemen wie Klimawandel, Tempolimit und Einwanderung agieren solle. Man ahnt schon, was für eine Art Verein das sein wird. Das großformatige Gemälde, um das es geht, ist Neo Rauchs »Der Anbräuner«. Der Titel ist dem raunenden Reaktionär Ernst Jünger entlehnt, der mit dieser Wortschöpfung meinte, dass Linke und Liberale harmlose BRD-Bürger mit haltlosen Verdächtigungen über rechte Gesinnung terrorisieren würden - nur wenige Jahre nach der militärischen Niederlage des Hitler-Regimes. Der Leipziger Maler meint mit dem Titel seines Werkes allerdings die Gegenwart. Und zudem eine konkrete Person.

Rauch, der mit seinen Gemälden weltweit hohe Preise erzielt, also keineswegs ein Außenseiter der Kunstwelt ist, hat aus seiner Bewunderung für Jünger, fürs Soldatische und den romantischen Antimodernismus nie einen Hehl gemacht. Auch nicht aus seiner Verachtung für Kritiker, die er bei Gelegenheit auch »Schmieranten« nannte. »Der Anbräuner« zeigt einen Mann in einer engen Dachkammer, der mit heruntergelassenen Hosen vor einer Staffelei steht. Die eigene Scheiße wird auf die Leinwand aufgetragen, auf der eine Hitler-Karikatur zu sehen ist. »W. U.« steht darunter geschrieben. Unschwer ließ sich das als Anspielung auf den Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich entschlüsseln, der kurz zuvor in der »Zeit« seinen Essay »Auf dunkler Scholle« veröffentlicht hatte. Darin diagnostizierte er, dass sich die politische Rechte der Idee der Kunstautonomie bemächtige - allerdings im entstellten Sinne der völligen Unbeschränktheit des Künstlers. Er stellte zudem fest, dass eine solche Rechtsverschiebung insbesondere bei ostdeutschen Künstlern zu beobachten sei. Als ein Beispiel wurde auch Rauch genannt und mit öffentlichen Äußerungen des Künstlers argumentiert.

Die Reaktion des Malers kam prompt. Als einzig nicht justiziables Äquivalent zu einer wohlverdienten Ohrfeige bezeichnete Rauch »Der Anbräuner« - das Bild wurde in der »Zeit« als Antwort auf Ullrich gedruckt. Der mit dem Gemälde geschmähte Kritiker hat nun mit »Feindbild werden« seine Sicht der Dinge veröffentlicht. Wobei die selbst gewählte Bezeichnung des Berichts hier deutlich zu kurz greift, denn wie in seinen Essays blickt Ullrich als kultursoziologisch Interessierter auf den Fall. Er versucht - mit der Kulturalisierungsthese von Andreas Reckwitz im Gepäck -, die Auseinandersetzung als exemplarisch für einen Konflikt zwischen West und Ost zu interpretieren. Die immer deutlichere Parteinahme für rechte Positionen in ostdeutschen Künstler- und Intellektuellenkreisen begreift Ullrich als Folge einer ausgebliebenen Postmoderne und als Reaktion auf eine kulturelle Kolonisierung der DDR durch die BRD nach 1990. Auf die Phase der Identifikation mit den Gegebenheiten des westlichen Kunstmarkts inklusive seiner Spiel- und Sprachregeln folgt die Phase der Desidentifikation. Nicht unwahrscheinlich, dass man demnächst eine deutlichere Institutionalisierung der Rechten im Kunstbetrieb beobachten könne, so der Kunsthistoriker. Nennen ließe sich hier auch die öffentlich bezeugte gegenseitige Bewunderung von Rauch und Uwe Tellkamp, der dem Maler in seiner in der Edition Buchhaus Loschwitz erschienenen Erzählung »Das Atelier« huldigt.

Ullrich beschreibt einen neuen Kulturkampf, der sich zurzeit beobachten lasse - so unter anderem in der wiederkehrenden Klage über eine »DDR 2.0« mit ihren »politisch-korrekten Politkommissaren«. Die Rechten inszenieren sich als Hüter der wahren und freien Kunst, mit der es dann aber nicht weit her ist, denn auch die Kritik gehört zur Eigengesetzlichkeit der Kunst. Einwenden ließe sich, dass Ullrich die reale Ohnmacht gegenüber dem um sich selbst kreisenden Kunstmarkt zu wenig thematisiert oder auch dem Anteil der auf bloße Empörung setzenden Linken an diesem Dilemma zu wenig Beachtung schenkt. Von Schiller bis Adorno gehörte die Idee der Kunstautonomie zum emanzipatorischen Kanon, nun wurde sie entweder schlicht aufgegeben oder nahezu als Karikatur einer Kritik zu dem gemacht, was nun die Rechten beanspruchen, nämlich bloße Uneingeschränktheit des künstlerischen Subjekts. Dass Ullrich solche Fragen nicht fremd sind, hat er mit Büchern wie »Siegerkunst« und »Wahre Meisterwerte« längst bewiesen.

»Feindbild werden« ist keineswegs nur eine Erwiderung auf Rauchs Schmähgemälde, es ist vor allem der Versuch, den Konflikt zu deuten - als Ausdruck eines überindividuellen Zusammenhangs. Das Ergebnis kann man wirklich allen, die sich für das Politische der Kunst interessieren, zur Lektüre empfehlen. Denn es hilft, die widersprüchliche Gegenwart zu begreifen.

Wolfgang Ullrich: Feindbild werden. Ein Bericht. Wagenbach, 144 S., br., 10 €.

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