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Auch die Mittelschicht rutscht ab

Die Bundesregierung hat in der Coronakrise sozial benachteiligte Gruppen vernachlässigt. Diese dürften nun immer größer werden

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.
Alternative zu den Tafeln? Mit Lebensmitteln gefüllte Tüten hängen während der Coronakrise an einem
Alternative zu den Tafeln? Mit Lebensmitteln gefüllte Tüten hängen während der Coronakrise an einem "Gabengeländer".

Dass die Corona-Pandemie zu erheblichen Einbrüchen in vielen Bereichen der Wirtschaft führt, ist kaum zu übersehen. Abgesehen vom öffentlichen Dienst und einigen Sektoren des produzierenden und des Dienstleistungsgewerbes führt dies auch zu erheblichen Einkommenseinbußen sowohl bei abgängig Beschäftigen als auch bei Freiberuflern und Selbstständigen. Mit immer neuen, milliardenschweren Programmen versucht die Bundesregierung, die gröbsten Löcher notdürftig zu flicken, doch immer mehr Menschen, deren Einkünfte in Bezug auf ihre Lebenshaltungskosten ohnehin »auf Kante genäht« waren, rutschen allmählich in die relative oder gar absolute Armut ab. Viele Haushalte können ihre Miete oder die Raten für Kredite nicht mehr bezahlen.

Und das sei erst der Anfang, denn »die Schuldenwelle kommt erst noch«, warnt Elisabeth Mankertz, die seit 19 Jahren als Schuldnerberaterin beim Caritasverband arbeitet. Schon jetzt sei zu beobachten, dass »eine völlig neue Klientel«, die bislang ihre finanziellen Angelegenheiten immer im Griff hatte, die Beratungsstellen aufsucht. Das werde sich im kommenden Jahr beträchtlich ausweiten, »weil es sich um Menschen aus der sogenannten Mittelschicht handelt, die immer gearbeitet haben und über gewisse Rücklagen verfügen, die dann irgendwann aufgebraucht sind«, so Mankertz.

Auch der Armutsforscher Christoph Butterwegge warnt vor den sozialen Folgen der Coronakrise und der wachsenden Spaltung der Gesellschaft. Zum einen erhöhten hauptsächlich sozial bedingte Faktoren das Risiko für eine Infektion mit dem Coronavirus sowie für einen schweren Krankheitsverlauf, so Butterwegge in einem Gastbeitrag für die »Frankfurter Rundschau«. Dazu gehörten sowohl bestimmte Vorerkrankungen als auch »katastrophale Arbeitsbedingungen wie in der Fleischindustrie und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse wie in den Gemeinschaftsunterkünften von Geflüchteten, Werkvertragsarbeitern deutscher Großschlachtereien oder Saisonarbeitern in der Landwirtschaft«. Zudem hätten Kurzarbeit für zeitweilig sieben Millionen Beschäftigte sowie Geschäftsaufgaben und Entlassungen, beispielsweise in der Gastronomie, der Touristik und der Kulturbranche, zu drastischen Einkommensverlusten geführt. Auf der anderen Seite stünden Krisengewinner wie Lebensmittel- und Versandhandel, Digitalwirtschaft und Pharmaindustrie, die teilweise enorme Extraprofite realisiert haben.

Der Armutsforscher beklagt die »verteilungspolitische Schieflage«. So übernimmt die Bundesagentur für Arbeit durch Zahlung von Kurzarbeitergeld einen Großteil der Lohnkosten von BMW, obwohl der Konzern den Aktionären Dividenden von insgesamt 1,64 Milliarden Euro ausgezahlt hat. Alleine die Großaktionäre Susanne Klatten und Stefan Quandt erhielten mehr als 750 Millionen Euro.

Zwar sind besonders für Kleinunternehmer und Soloselbstständige die Hürden für den Zugang zur Hartz-IV-Grundsicherung gesenkt worden, aber die am härtesten von der Pandemie betroffenen Personengruppen sind kaum berücksichtigt worden. Als Beispiele nennt Butterwegge Obdach- und Wohnungslose, Geflüchtete, Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige, Suchtkranke, Erwerbslose, Geringverdiener und Kleinstrentner. Dazu kommt die zeitweilige Schließung der Tafeln und Suppenküchen, die für viele arme Haushalte ein wichtiger Bestandteil der Versorgung mit Lebensmitteln sind. Verdi-Chef Frank Werneke fordert daher als Sofortmaßnahme einen Bonus für Hartz-IV-Bezieher, für die Zeit der corona-bedingten Restriktionen.

Die Coronakrise verschärft auch das Problem der Kinderarmut, denn besonders Haushalte mit prekär beschäftigten Eltern sind überproportional von krisenbedingten Arbeitsplatzverlusten betroffen. Lehrer- und Sozialverbände warnten schon während des ersten Lockdowns eindringlich, dass Kinder aus armen und bildungsfernen Familien weiter abgehängt werden können, da sie digitale Unterrichtsformen nicht oder nur sehr eingeschränkt wahrnehmen können. Zusammenfassend lässt sich jedenfalls sagen, dass die Pandemie in Deutschland zu weiteren sozialen Verwerfungen führen wird, deren Ausmaß noch gar nicht abzuschätzen ist.

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