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Corona tödlich für Festivals

Spielstätten und Messen leiden unter der Pandemie. Wie kann der Staat helfen?

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Corona-Pandemie: Corona tödlich für Festivals

Der beliebte Choriner Musiksommer wurde abgesagt. Das Feel-Festival vor der Kulisse der Förderbrücke F 60 im ehemaligen Braunkohletagebau Klettwitz-Nord, es waren bereits 20 000 Tickets verkauft, abgesagt. Die Cottbuser Herbstmesse, die jährlich rund 10 000 Besucher anzieht, abgesagt. »Diese Entscheidung trifft uns sehr hart und ist uns nicht leichtgefallen. Vielmehr ist sie ein weiterer Tiefschlag in der seit März 2020 bedingt durch die Corona-Pandemie völlig zum Erliegen gekommenen Veranstaltungsbranche«, beklagt die Geschäftsführerin der Messegesellschaft, Daniela Kerzel. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Wohl keine andere Branche habe es so hart erwischt, weiß auch Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). Gaststätten beispielsweise durften wenigstens den Sommer über öffnen und sind erst jetzt wieder geschlossen. Aber Konzerte mit mehr als 1000 Besuchern waren seit März durchgehend nicht möglich. Dabei zählen allein die Festivals in Brandenburg normalerweise insgesamt rund 1,5 Millionen Besucher im Jahr und machen in dieser Zeit mehr als 50 Millionen Euro Umsatz. Sind bereits Veranstalter pleitegegangen? Da ist Steinbach überfragt. Doch dass viele am Abgrund stehen, ist ihm bewusst. Wenn es so weitergehe, »werden wir welche verlieren«, sagt er.

Am Montagnachmittag hat sich der Minister in einer Videokonferenz mit acht Vertretern von Festivals, Musikszene und Messen getroffen, um darüber zu sprechen, wie das Land Brandenburg ihnen helfen könnte. Am frühen Montagabend informierte er darüber ebenfalls per Videokonferenz in einem Pressegespräch. Das Wirtschaftsressort ist für die kommerziellen Veranstalter zuständig, um die nicht kommerziellen kümmert sich das Kulturministerium. Daher war auch Kultur-Staatssekretär Tobias Dünow (SPD) bei der Videokonferenz dabei.

Angesichts der Existenzängste der Betroffenen hätte sich Wirtschaftsminister Steinbach nicht gewundert, wenn die Nerven blankliegen und seine Gesprächspartner ihren Frust ablassen. So ist es aber nicht gewesen, und darum bedankte er sich ausdrücklich für das »sachliche und konstruktive« Gespräch. Dabei musste er die Bitte um eine schnelle Finanzspritze mit dem Hinweis abschlagen, dass er dafür in den Etats von Wirtschafts- und Kulturministerium dieses Jahr leider keinen Spielraum mehr sehe. Auch Planungssicherheit für das nächste Jahr konnte er nicht versprechen. »Wir wissen nicht, wann es vorbei sein wird, wann die Pandemie vorüber ist«, bedauert Steinbach.

Das soll aber nicht heißen, dass sich gar nichts machen lässt. Die Möglichkeiten sollen bei weiteren Treffen ausgelotet werden. So wünscht sich der Minister eine Zuarbeit, aus der hervorgeht, woran es konkret hakt, dass die Veranstaltungsbranche nicht an Überbrückungshilfen herankommt, sondern bisher offenbar lediglich von den Soforthilfen im Frühjahr profitierte. Die sogenannte Novemberhilfe werde zwar als der »große Rettungsanker der Soloselbstständigen« gesehen, so Steinbach, sei aber eigentlich für diejenigen gedacht, die speziell unter den erneuten Schließungen im zweiten Lockdown zu leiden haben. Bei der Novemberhilfe werden 75 Prozent des üblichen Umsatzes ersetzt. Mit dem gezahlten Geld dürfen nicht nur die Fixkosten beglichen, sondern auch private Bedürfnisse gestillt werden.

Franziska Pollin vertritt die Interessen von Musikspielstätten im Land Brandenburg. Sie schildert an einem Beispiel, vor welchen Problemen ein Festivalveranstalter stehen kann: Er hat zwei Bands über eine Künstleragentur gebucht. Wegen Corona muss das Festival ausfallen. Doch die Bands verlangen ihre Gage, die Agentur ihre Provision. Bezahlt werden muss auch die Firma, die Holz für Aufbauten lieferte.

Mit dem Bund wäre auszuhandeln, wie Hilfsprogramme passgenau gemacht werden. Während das Pressegespräch läuft, hat Wirtschaftsminister Steinbach per Mobiltelefon Kontakt mit der Staatskanzlei, die sich dazu in einer Abstimmungsrunde mit dem Bund befindet. Steinbach vermutet, dass sich nicht alles über Bundesprogramme regeln lassen wird. Brandenburg müsse 2021 eventuell selbst etwas auflegen, so wie Bayern und Nordrhein-Westfalen es getan haben.

Später am Abend scheint sich diese Einschätzung einmal mehr zu bestätigen. Das ZDF-Magazin »Wiso« berichtet über die Sorgen der Veranstaltungsbranche und zitiert den Leipziger Eventmanager Martin Koslik, der ein vorübergehendes Unternehmergehalt von 1000 Euro monatlich fordert. Doch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) vermeidet es, klar ja oder nein zu sagen. Er gibt nur ausweichende Antworten. Da sind der Branche die ehrlichen Ansagen von Brandenburgs Wirtschaftsminister Steinbach lieber. Das Auftaktgespräch mit ihm nennt Franziska Pollin »vielversprechend«.

Nach Ansicht der Landtagsabgeordneten Isabelle Vandré (Linke) hat das Land jedoch viel zu lange gezögert. Seit einem halben Jahr werde die Branche vertröstet, obwohl »vielen das Wasser bis zum Hals steht und nicht wenigen sogar darüber«, sagt Vandré.

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