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Echte Frauenheldin

Eine Fernsehserie zeigt das ungewöhnliche Leben der emanzipierten wie lüsternen Anne Lister

  • Von Geraldine Spiekermann
  • Lesedauer: 4 Min.
Wie es im Ankündigungstext zu Angela Steideles Lister-Biografie so schön heißt: Frauen pflasterten ihren Weg.
Wie es im Ankündigungstext zu Angela Steideles Lister-Biografie so schön heißt: Frauen pflasterten ihren Weg.

Dass die Geheimnisse von Anne Lister (1791-1841) bekannt geworden sind, ist nicht selbstverständlich. Als auf dem Landsitz Shibden Hall in Halifax, Yorkshire, nach ihrem Tod ihre mehr als 24 Bände umfassenden, eng beschriebenen Tagebücher entdeckt werden, scheinen sie vor allem aus lokalhistorischer Sicht interessant. Als Gutsbesitzerin und Unternehmerin ist sie politisch, gesellschaftlich und kulturell engagiert und fällt aufgrund ihres androgynen Kleidungsstils auf. Doch als es einem Nachfahren der Familie gemeinsam mit einem Antiquar gelingt, die zahlreichen in Geheimschrift verfassten Passagen zu dechiffrieren, ist Letzterer »äußerst angewidert« und rät dazu, die Tagebücher ausnahmslos zu verbrennen.

Angela Steidele zufolge, die 2017 die Geschichte Anne Listers als »erotische Biographie« aufgeschrieben hat, beginnt nämlich jeder Eintrag im Tagebuch damit, mit wem und wie oft Lister am Vorabend, in der Nacht oder am Morgen Sex gehabt hat und wie viele Orgasmen in welcher Intensität zu verzeichnen waren. Im prüden viktorianischen Zeitalter schreibt Lister detailverliebt über weibliche Lust und ein äußerst aktives sexuelles Begehren. Besonders »widerlich« daran erscheint dem Antiquar, dass sich die erotischen Berichte ausschließlich auf homosexuelle Handlungen beziehen. Zu einer Zeit, als intime Beziehungen zwischen Frauen gern als keusche romantische Frauenfreundschaften bagatellisiert oder stillschweigend übergangen werden, zeigt Lister niemals die Neigung, eine heterosexuelle Beziehung oder gar eine Ehe einzugehen. Sie sucht ernsthaft nach der passenden Frau an ihrer Seite, und nach Jahren des Reisens und der wilden Eroberungen will sie auf Shibden Hall sesshaft werden.

Hier setzt die erste Staffel »Gentleman Jack« mit insgesamt acht Folgen ein. Suranne Jones spielt kühn und je nach ihrem Gegenüber mit gewinnendem Charme oder herablassender Arroganz die Hauptrolle in Sally Wainwrights für BBC One und HBO produzierter Serie. Pekuniäre und praktische Erwägungen sind es, die Lister dazu bewegen, der scheuen und wohlhabenden Ann Walker, gespielt von Sophie Rundle, in aller gebührenden Form den Hof zu machen. Denn um den vernachlässigten Landsitz zu erhalten, muss Lister ihrem Stand gemäß heiraten - und da eine Ehe mit einem Mann nicht infrage kommt, macht sie Walker einen Antrag.

Lister wird in Halifax künftig alle Geschäfte übernehmen, die einem männlichen Nachfolger auf Shibden Hall zufallen würden, und plant, eine eigene Kohlemine auf ihrem Land zu betreiben. Ihre Rivalen in der Liebe weiß sie mit ebensolcher Konsequenz und Herablassung in ihre Schranken zu verweisen wie die industriellen Konkurrenten. Letztere wissen sich allein mit unlauteren Methoden gegen sie zu wehren und scheuen selbst vor körperlicher Gewalt nicht zurück, um sie einzuschüchtern und aus dem dreckigen Geschäft mit der Kohle zu drängen.

»Gentleman Jack« ist eine unwahrscheinliche Liebes- und Lebensgeschichte, die kaum zu glauben wäre, basierte sie nicht ausschließlich auf historischen Fakten. Die Serie romantisiert, graduell abweichend von den Tagebucheinträgen, die Liebesgeschichte zwischen Lister und Walker. Doch gerade im Vergleich mit dem 2010 erschienenen britischen Fernsehfilm »Die geheimen Tagebücher der Anne Lister« gelingt es Wainwright ausnehmend gut, den Humor und die Komplexität der Figuren in ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen der vom Publikum erwarteten Romantik und den durchaus privilegierten Lebensbedingungen einer in den 1830er-Jahren lebenden Landbesitzerin, Unternehmerin und Lesbe zu bringen. Trotz der eindeutigen Passagen in den Tagebüchern wird der lesbische Sex weder übersexualisiert noch voyeuristisch ausgebeutet, wie noch im Fernsehfilm von 2010. Das, vielmehr die einzig Gute, die aus dem Film übernommen wird, ist die Schauspielerin Gemma Jones, die auch in der Serie als Tante Listers überzeugt.

Überhaupt gewinnt die Serie durch die Nebendarsteller*innen und deren Geschichten, die die wesentlichen Aspekte und Themen der Zeit illustrieren, etwa die Klassenkonflikte und die frühe industrielle Revolution. Dass die Homosexualität wie selbstverständlich hinzugefügt wird, zeigt einen erfrischend modernen Ansatz, der sich auch in der Haltung Listers widerspiegelt, die ihre Neigung als vollkommen natürlich versteht und, allen Widerständen zum Trotz, nie an ihr Zweifel aufkommen lässt. Anne Lister macht uns augenzwinkernd zu Kompliz*innen ihrer wagemutigen Pläne, wenn sie die vierte Wand durchbricht und uns ihre Gedanken mitteilt oder vielsagende Blicke zuwirft.

»Gentleman Jack«, erste Staffel auf Sky. Großbritannien 2019. Regie: Sally Wainwright; Darstellerinnen: Suranne Jones, Sophie Rundle. Originalfassung als DVD bei BBC. Eine zweite Staffel soll 2021 folgen.

Angela Steidele: Anne Lister. Eine erotische Biografie, Matthes & Seitz 2017, 328 S., 28 €.

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