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Vertuschung oder Inspiration

Das erste Profiturnier für Golferinnen in Saudi-Arabien wird von Boykottaufrufen begleitet

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.
Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman Saudi
Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman Saudi

Sind diese Turniere nützlich oder werden sie nur benutzt? Vor diese Frage wurden die besten Golferinnen der Ladies European Tour (LET) gestellt, als sie entscheiden sollten, ob sie ab diesem Donnerstag an den Saudi Ladies’ International sowie in einer Woche am gleichlautenden Teamwettbewerb in Saudi-Arabien teilnehmen sollten. Das Gastgeberland ist bekannt dafür, dass es dort schlecht um die Menschen- und speziell die Frauenrechte bestellt ist. Zudem nutzt das Regime die Unterhaltungsindustrie und Sportgroßereignisse, um künstlich ein weltoffenes Bild von sich zu zeichnen. Doch nicht einmal Regina Spöttl, Saudi-Arabien-Expertin bei Amnesty International Deutschland, ist sich im nd-Gespräch bei der Einordnung des ersten Profigolfturniers für Frauen im Land sicher: »Ob das ein Beispiel für Whitewashing ist oder am Ende vielleicht gut für die Frauen im Land, ist kompliziert zu beantworten. Aber klar ist: Die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien ist immer noch sehr schlecht. Auch wenn der Kronprinz sich gern als Reformer sieht.«

Tatsächlich hat jener Mohammed bin Salman zuletzt manch ultrakonservative Religionsprinzipien zurückgefahren. Frauen dürfen jetzt Autos fahren, in Fußballstadien gehen, allein verreisen. »Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um die Menschenrechte seit seiner Machtübernahme 2017 noch schlechter steht als zuvor«, sagt Spöttl. »Das System der männlichen Vormundschaft ist noch längst nicht abgeschafft.« Demnach kann eine Frau nie voll geschäftsfähig werden. »Ihr männlicher Vormund, sei es der Vater, der Ehemann oder der Bruder, muss erlauben, was sie in ihrem Leben machen will: Studium, Heirat oder auch Golfprofi werden.« Zudem seien Frauen kaum vor häuslicher Gewalt geschützt.

Auch der Sport ist für Frauen in Saudi-Arabien stark eingeschränkt. Schwimmbäder und Fitnessstudios sind allein Männern vorbehalten. »Fußballerinnen spielen nur mit langen Hosen und Hidschabs. Frauen machen auch Leichtathletik nur ›gesittet‹ gekleidet. Oft genug werden Dinge nicht explizit verboten; es gibt aber einfach keine Gelegenheiten für Frauen, bestimmte Sportarten zu betreiben«, berichtet Spöttl.

Solchen Argumenten halten die Organisatoren entgegen, dass dieses Golfturnier genau dem entgegentreten soll. Im Rahmen der Veranstaltung werde ein Programm gestartet, das 1000 Bürgerinnen eine kostenlose Mitgliedschaft in einem Golfclub samt Trainerstunden schenkt. Fraglos ein Schritt in die richtige Richtung. Dass dieses Programm aber »Ladies first« genannt wird, stößt ausgerechnet in Saudi-Arabien übel auf.

Den einheimischen Frauen ist das Tragen kurzer Hosen weiterhin nicht gestattet. Den ausländischen Golfprofis nun aber schon. Nur bis übers Knie müssen sie reichen. Kurzärmlige Hemden sind ebenfalls erlaubt. Im Dezember waren Spielerinnen noch gewarnt worden, dass die Kleiderordnung streng sein werde. LET-Chefin Alexandra Armas verteidigte den ausgehandelten Kompromiss in der britischen Tageszeitung »Daily Telegraph«: »Der Dresscode wird die lokalen Gebräuche respektieren. Die Spielerinnen werden aber kein Kopftuch tragen müssen.« Fans vor Ort wird das nicht auffallen, da wegen der Coronakrise keine zugelassen sind im Royal Greens Golf Club, 100 Kilometer nördlich von Dschidda am Roten Meer. Im Fernsehen soll das Turnier aber live zu sehen sein.

Die meisten Sportlerinnen haben sich für die Teilnahme an den mit insgesamt 1,5 Millionen US-Dollar dotierten Turnieren entschieden, obwohl sie zuletzt von fast 2000 Unterzeichnern einer Onlinepetition via Twitter zum Boykott aufgerufen worden waten. »Wir verstehen, ihr habt viel zu gewinnen, besonders eine Menge Geld«, hieß es darin. »Andererseits habt ihr auch viel zu verlieren, besonders ein reines Gewissen.« Ein Umdenken wurde nicht erreicht.

»Ich äußere mich ungern zu politischen Themen. Ich werde nur ein Golfturnier spielen und versuchen, es zu gewinnen«, sagte die Spanierin Carlota Ciganda der »USA Today«. Ähnlich unpolitisch dürften Weltstars wie Enrique Iglesias, Mariah Carey, Andrea Bocelli oder David Guetta argumentiert haben, als sie in den vergangenen Jahren Einladungen zu Konzerten im Königreich gefolgt waren. Auch Spaniens Fußball-Supercup wurde 2020 hierher verlegt. Für Kritiker waren das eindeutige Beispiele für Whitewashing.

Die walisische Golfspielerin Amy Boulden glaubt aber, dass es sich bei den anstehenden Turnieren um etwas anderes handelt. Als Botschafterin des Veranstalters »Golf Saudi« gab sie jungen saudischen Mädchen Golfunterricht. Anstelle eines Vertuschens sehe sie »Inspiration und die Stärkung« junger Frauen, sagte die 27-Jährige. Ins gleiche Horn blies Englands Altstar Laura Davis. »Ich bin auf der Seite derer, die versuchen, Veränderungen anzustoßen, als zu sagen: Die benutzen uns nur«, sagte die dem Magazin »Golfweek«.

Weniger erfolgreichen Spielerinnen dürfte eine Absage noch viel schwerer fallen als den Stars. Die Pandemie hat die halbe Saison ausfallen lassen. Seit August wird zwar wieder gespielt, doch bei den wenigen verbliebenen Turnieren besetzen die Besten der Weltrangliste alle Startplätze. Wenn dann die Saudis mit 1,5 Millionen Dollar Preisgeld winken, ist es nicht leicht, Nein zu sagen.

Doch nicht alle folgten dem Ruf des Geldes. Mel Reid sagte ab, weil Homosexualität in Saudi-Arabien verboten ist. Die Engländerin hatte sich 2018 geoutet. »Es wäre unmoralisch, wenn ich dort spiele«, sagte sie der »Golfweek«. Landsfrau Meghan MacLaren schloss sich an: »Ich glaube, dass Saudi-Arabien den Sport nur benutzt. Mir wäre nicht wohl dabei, ein Teil davon zu sein.«

Lina al-Hathloul wird das gern hören, hatte sie doch einen weiteren Boykottaufruf gestartet. Ihre Schwester Loujain ist die berühmteste Gefangene Saudi-Arabiens. »Die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen ging einher mit der Verhaftung der Aktivistinnen um Loujain al-Hathloul, die das erst möglich gemacht hatten«, erinnert Regina Spöttl von Amnesty. Elf Frauen hatten sich beim Autofahren filmen lassen. Außerdem forderten sie das Ende des Vormundschaftssystems. »Im April 2018 wurden sie dafür festgenommen, drei Monate danach wurde das Frauenfahrverbot aufgehoben, aber al-Hathloul und vier weitere Aktivistinnen sitzen immer noch ohne Rechtsbeistand in Haft«, so Spöttl.

Vor zwei Wochen sei al-Hathloul sogar in den Hungerstreik getreten, und ihre Schwester fleht in englischen Medien die Golfspielerinnen an: »Meine Schwester wird gefoltert. Ich weiß, dass Sport Brücken zwischen den Kulturen schlagen kann. Aber die Lebensbedingungen für Frauen verschlechtern sich. Fahrt nicht nach Saudi-Arabien, helft diesem barbarischen Regime nicht, seinen Ruf reinzuwaschen!«, schrieb Lina al-Hathloul.

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