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  • Sexueller Missbrauch in der Kirche

Bekenntnis zur Schuld

Bistum Aachen lässt sexuelle Missbrauchsfälle aufarbeiten. Unabhängige Gutachter haben ihre Ergebnisse präsentiert

  • Von Stefan Otto
  • Lesedauer: 3 Min.

»Wir sehen hin« - so hat das katholische Bistum Aachen die Vorstellung eines Gutachtens zu sexuellem Missbrauch angekündigt. Die Verantwortlichen versprachen schonungslose Aufklärung und eine Offenheit, sich Fehler im Umgang mit Tätern und Opfern einzugestehen. Bundesweit ist es das erste Mal, dass ein solches unabhängiges Gutachten veröffentlicht worden ist. Erstellt hat es die Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl.

Das Bistum befürwortete, dass eine breite Öffentlichkeit die Untersuchung zur Kenntnis nimmt, und übertrug die Präsentation am Donnerstag live im Internet; dabei sind die Vorfälle für das Bistum denkbar unangenehm. Insgesamt 175 Opfer von durch Geistliche und Mitarbeiter des Bistums verübte sexualisierte Gewalt ermittelte die Kanzlei für den Zeitraum von 1965 bis 2019. Oftmals waren es Kinder im Alter von acht bis 14 Jahren. In mehreren Fällen seien Priester zwar verurteilt worden. Nachdem sie ihre Haftstrafen verbüßt hatten, seien sie aber wieder in Gemeinden eingesetzt worden, wo sie teilweise erneut Kinder sexuell missbraucht hätten. Bischof Helmut Dieser bekundete, Verantwortung für diese Taten übernehmen zu wollen. Ihre Aufarbeitung solle helfen, »sexualisierter Gewalt in unserem Bistum energisch einen Riegel vorzuschieben«, sagte er.

Dass die Führung des Bistums sich lange schwergetan hat, sich zur eigenen Schuld zu bekennen und dass es sogar zu Wiederholungstaten kommen konnte, hatte laut den Gutachtern vor allem »systemische Ursachen«. Priester hätten zu Tätern werden können, weil sie eine quasi unangreifbare Stellung als »Mittler zwischen Gott und den Menschen« hätten. Außerdem gebe es in der katholischen Kirche ein problematisches Verhältnis zur Sexualität. Die Kanzlei sieht bei mehreren früheren Bischöfen eine persönliche Mitverantwortung, unter ihnen Klaus Hemmerle (1929-1994) und Heinrich Mussinghoff. Letzterer stand bis 2015 an der Spitze des Bistums.

Eine ähnliche Untersuchung hatte das Erzbistum Köln bei der Kanzlei in Auftrag gegeben. Dort sollte sie bewerten, ob und wie der Umgang der Verantwortungsträger mit Vorfällen von sexueller Gewalt dem katholischen Selbstverständnis entspricht. Zwei Jahre arbeiteten die Münchner Juristen an der Untersuchung, sichteten alle verfügbaren Akten. Doch zu einer Veröffentlichung ist es nicht gekommen. Kardinal Rainer Maria Woelki sagte die Präsentation im Oktober ab. Die Kanzlei sei »wiederholt an ihrem Versprechen gescheitert, eine umfassende Aufarbeitung der Ereignisse und persönlichen Verantwortlichkeiten in Form eines rechtssicheren und belastbaren Gutachtens zu erreichen«, hieß es in der Begründung.

Doch dass die Anwälte tatsächlich ihrem Arbeitsauftrag nicht nachgekommen sind, darf bezweifelt werden. Vielmehr wird darüber spekuliert, ob innerhalb des Bistums ein Machtkampf ausgebrochen ist und jene, die keine schonungslose Aufklärung befürworten, Kardinal Woelki auf ihre Seite gezogen haben. Noch im Februar zeigte er sich offen gegenüber einer Aufarbeitung. Der »Süddeutschen Zeitung« sagte er damals, möglicherweise habe er seine eigene Anklage in Auftrag gegeben.

Das Aachener Bistum dagegen ist bei seiner Haltung geblieben. Für die Opfer hat es eine Hotline geschaltet und ihnen Unterstützung zugesichert.

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