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Der Geist der Bolschewiki

Er war Mitbegründer des sozialistischen Jugoslawiens, das seine Nachfolger nicht retten konnten: Eine neue Biografie über Tito.

  • Von Elfriede Müller
  • Lesedauer: 5 Min.

Josip Broz, genannt Tito, war eine der schillerndsten Figuren der kommunistischen Weltbewegung: Bauernsohn, Arbeiter, Soldat, Kommunist, Partisan, Stalinist, dissidenter Kommunist und Staatschef, zwischendrin alleinerziehender Vater und exzellenter Koch. Die Historikerin Marie-Janine Calic hat nun eine weitere Biografie vorgelegt, um diesen Mann zu würdigen: »Der ewige Partisan«. Sie erzählt mit Titos Geschichte auch die seines Landes Jugoslawien, jedoch leider zu wenig die seiner Mitstreiter, ohne die Tito nicht der geworden wäre, der er war.

Er wurde 1892 in Kumrovec geboren, in einem kroatischen Dorf, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Er lernte Schlosser und wurde durch einen sozialdemokratischen deutschen Gesellen politisiert. Als Soldat im Ersten Weltkrieg landete er in russischer Kriegsgefangenschaft und erlebte die Revolution von 1917. Ein Jahr später kehrte er in das neu gegründete Königreich Jugoslawien zurück. Dort schlossen sich 1919 die linken Parteien zur Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) zusammen. Als diese 1921 verboten wurde, trat Tito ihr bei. Er wurde Gewerkschaftssekretär in Zagreb, kam vor Gericht und wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

In den 30er Jahren wuchs eine neue revolutionäre Generation heran, der es nicht auf die ethnische Zugehörigkeit, die soziale Herkunft oder auf den Bildungsgrad ankam, sondern auf verbindende Ideen. Aus ihr bildete sich später die Partisanenbewegung und dann die erste sozialistische Regierung Jugoslawiens. Prominente Vertreter waren Moša Pijade, Edvard Kardelj, Milovan Djilas, Alexandar Ranković und der Surrealist und Dichter Konstantin »Koča« Popović. Tito war knapp 20 Jahre älter als sie und im Gegensatz zu ihnen Proletarier. Beides verlieh ihm eine zentrale Stellung, stellte ihn aber nicht über das Kollektiv.

Calic schreibt Tito außergewöhnliche Eigenschaften zu und kritisiert höchstens seine Unbeugsamkeit und sein zu ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Er habe einen scharfen Verstand gehabt, sei charmant und zugänglich gewesen. 1937 wurde er von der Komintern zum Generalsekretär auserkoren, er galt als Mann Stalins. Es sollte alles anders kommen. 1941 ließ Hitler Belgrad bombardieren, nachdem Offiziere gegen den König geputscht hatten, weil sie das Land den Alliierten annähern wollten. Stattdessen marschierten die Deutschen ein. Sie waren sofort mit starken Sabotageakten konfrontiert, worauf sie mit brutaler Repression reagierten. In Kroatien errichtete die rechtsextreme Organisation Ustascha einen faschistischen Staat und begann mit der Vertreibung und Ermordung der Serben, Juden, Sinti und Roma.

Durch seine Ausbildung in Moskau und die Erfahrungen in der Illegalität war Tito ein Spezialist des Partisanenkampfes. Er plädierte für ständige dezentrale Aktionen und für die Vermeidung riskanter Frontalangriffe. Im Juli 1941 rief die KPJ den allgemeinen Volksaufstand aus. Calic betont, dass Tito der einzige Oberkommandierende in der Anti-Hitler-Koalition war, der sich permanent im Kampfgebiet befand.

Ende 1941 war der Aufstand fast besiegt, doch die Brutalität der Besatzungsmächte, der Ustascha und der Tschetniks, nationalistische serbische Freikorps, trieb die Bevölkerung zu den Partisanen. Von der Sowjetunion kamen nur Ermahnungen, keine Waffen. Nach der Kapitulation Italiens im September 1943 verschob sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Volksbefreiungsarmee, die nun mit 12 000 »Volksbefreiungsräten«, darunter auch viele Frauen, eine neue Gesellschaft aufbaute. Belgrad wurde am 20. Oktober 1944 befreit. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Volksbefreiungsarmee 800 000 Soldatinnen und Soldaten.

Die Föderative Volksrepublik Jugoslawien wurde am 29. November 1945 ausgerufen. Im Krieg waren eine Million Menschen gestorben, das Land war bettelarm. Im Gegensatz zu den anderen Ländern Osteuropas hatten sich die Kommunisten aus eigener Kraft durchgesetzt. Als die UdSSR vorschlug, Jugoslawien könnte die Kornkammer des Ostens werden, wurde dies abgelehnt. Schon der erste Fünfjahresplan 1947 sah eine eigene Schwerindustrie vor. Auch die Zollunion mit anderen Balkanstaaten machte der Sowjetunion Sorgen. Dazu kam die nicht erwünschte Intervention Jugoslawiens im griechischen Bürgerkrieg. Im Frühjahr 1948 plante Stalin, die Führung der KPJ abzulösen. Tito wurde des »Trotzkismus und Revisionismus« beschuldigt. Auf die Vorwürfe aus Moskau verfasste Tito eine 33-seitige Antwort mit dem Fazit, dass Jugoslawien ein Recht habe, von der Sowjetunion auf Augenhöhe behandelt zu werden. Daraufhin wurde Tito zum »imperialistischen Agenten« erklärt. Der großrussische Imperialismus habe den Geist der Bolschewiki verdrängt, war die Schlussfolgerung Titos. Calic beschreibt den Bruch mit Stalin als den »zweiten Gründungsmythos« Jugoslawiens.

Die Volksbefreiungsräte wurden zu Vorläufern des neuen Systems der Arbeiterselbstverwaltung. Bereits 1949 floss ein Drittel des Volkseinkommens in die Infrastruktur. Zwischen 1957 und 1961 wuchs die Wirtschaft um etwa zwölf Prozent jährlich, es waren die höchsten Raten der Welt. Der »reife Titoismus« (Želimir Žilnik) wurde zum weltweiten Erfolgsmodell, begleitet von Titos Politik der Blockfreiheit. Er war der erste europäische Staatsmann, der Indien nach der Unabhängigkeit einen Besuch abstattete. Er kam nicht als politischer Kolonisator, sondern als Bündnispartner. So tourte er auch nach Afrika und Lateinamerika. Als die Supermächte ihren Kalten Krieg zunehmend in die sogenannte Dritte Welt verlagerten, betonte er deren politische Unabhängigkeit.

Je größer Titos Erfolge in der Außenpolitik wurden, desto mehr lebte Jugoslawien über seine Verhältnisse. 1961 stiegen die Privateinkommen um 23 Prozent, doch die industrielle Produktivität nur um 3,4 Prozent. Den hohen Lebensstandard erkaufte sich Jugoslawien mit Krediten. Mit den ökonomischen Problemen wuchs der Nationalismus. Die nationale Umverteilung wurde von den Parteiführungen der reicheren Regionen zunehmend weniger akzeptiert. 1968 gab es auch Kritik und Protest von links, von der Studentenbewegung und den Philosophen der Praxis-Gruppe. Im Prinzip verlangten sie eine konsequentere Umsetzung der Verfassung. Vielleicht wäre die Zukunft anders verlaufen, wären ihnen damals mehr Zugeständnisse gemacht worden. Und nicht einzelnen Republiken und ihren nationalistischen Bestrebungen. Der Beginn war der »Kroatische Frühling«, eine antikommunistische Bewegung, die mehr Unabhängigkeit verlangte. Es gab eine neue Verfassung für Jugoslawien mit dem Recht auf Sezession. Die Teilrepubliken wurden zu Nationalstaaten und Jugoslawien zur Konföderation.

Als 1973 die Ölkrise kam, wollte man ihr mit Investitionen und Lohnerhöhungen begegnen, die Betriebe konnten nun selbst über Produktionsziele und Gewinne verfügen. Realeinkommen und Massenkonsum erreichten ihr höchstes Niveau mithilfe hoher internationaler Kredite. Als sich die Kredite verteuerten, ging es ökonomisch bergab.

Am 4. Mai 1980 starb Tito mit 88 Jahren. Die neue kollektive Führung war den Forderungen der Teilrepubliken nicht gewachsen. 1990 spaltete sich der Bund der Kommunisten. Ein Jahr später brach die staatliche Föderation auseinander. Titos Forderung »Behütet mir Jugoslawien!« wurde nicht erfüllt. Calic sieht darin auch sein Scheitern. Doch Jugoslawien hat versucht, einen besseren Sozialismus als den realen hervorzubringen, wozu Tito wesentlich beigetragen hat. Dies wird in Calics unterhaltsamer Biografie mehr als deutlich.

Marie-Janine Calic: Tito. Der ewige Partisan. Eine Biografie. C. H. Beck, 442 S., geb., 29,95 €.

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