Ärzte und Pflegepersonal besprechen sich in der zentralen Notaufnahme
Pflegenotstand

Nicht mal mehr Applaus

Die Arbeit von Pflegenden wird seit Jahren kaum wertgeschätzt. Das rächt sich jetzt.

Von Johanna Treblin

Am 11. Oktober 2020 befinden sich 545 Menschen deutschlandweit in intensivmedizinischer Behandlung. 275 müssen invasiv beatmet werden. Am 11. November 2020 sind es 3127 Menschen, die in deutschen Krankenhäusern intensivmedizinisch behandelt werden. 1787 müssen beatmet werden.

Vier Wochen liegen zwischen diesen beiden Daten und eine Steigerung der wegen Corona hospitalisierten Menschen um mehr als das Fünffache. 76 Prozent der Intensivbetten sind derzeit belegt. Noch ist also Luft. Doch sollten alle Betten benötigt werden, droht das nächste Problem: der Mangel an Pflegepersonal.

Damit das Gesundheitssystem nicht kollabiert, haben sich Bund und Länder angesichts der steigenden Infektionszahlen auf neue Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie geeinigt. Seit dem 3. November müssen Gastronomie und Kultureinrichtungen zum zweiten Mal in diesem Jahr schließen. Es gelten weitreichende Kontaktbeschränkungen. Tatsächlich zeichnet sich bei den Neuinfektionen eine etwas abflachende Kurve ab. Ob diese Maßnahmen jedoch wirklich geholfen haben, wird sich Anfang kommender Woche zeigen. In den Krankenhäusern zeigen sich die Auswirkungen noch einmal um ein oder zwei Wochen versetzt.

Insgesamt bewertete der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler am Donnerstag die aktuelle Lage als »weiter sehr ernst«. Das Infektionsgeschehen nehme immer noch praktisch in ganz Deutschland zu, die Fallzahlen seien weiter sehr hoch.

Die Coronapandemie ist nicht Ursache der Pflegekrise in Deutschland. In ihr spitzt sich die Problematik allerdings zu. Geringe Entlohnung, zu wenig Personal, Überstunden - all dies prangern Pflegekräfte seit Jahren an. Jetzt, in der Pandemie, zeigt sich, dass es fatal war, die sogenannten Fallpauschalen an Krankenhäusern einzuführen und auch den Bereich Gesundheit nach Marktkriterien auszurichten. Die Fallpauschalen »erzeugen Kostendruck ohne eine systematische Berücksichtigung von Qualität«, so die Hans-Böckler-Stiftung, die am Donnerstag eine Studie zum Thema veröffentlichte. Die Pauschalen hätten »sehr problematische Entwicklungen ausgelöst oder verstärkt«, heißt es weiter. Dazu gehöre die Unterbesetzung in der stationären Krankenpflege, wo mindestens 100 000 Vollzeitstellen fehlten. Die Studie empfiehlt daher die Abschaffung der Fallpauschalen.

Statt mehr Personal einzustellen, arbeiten viele Krankenhäuser mit Leasingkräften, die lediglich befristet auf Stationen eingesetzt werden und diese daher kaum kennen. Mittels Subunternehmen werden Tarifverträge unterlaufen und Pflegende noch schlechter bezahlt. Immer weniger Menschen beginnen eine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger*in.

Bereits 2016 gründeten Auszubildende in Berlin daher die Gruppe »Walk of Care«. Seit dem 23. September demonstrieren sie jeden Mittwoch vor dem Bundesgesundheitsministerium für bessere Bedingungen für Pflegekräfte, beginnend mit der Ausbildung. Viel hat sich seitdem nicht geändert - das Wirtschaften knapp auf Kante hat in der Gesundheitsbranche jahrelang gerade so funktioniert - wenn man zum Beispiel davon absieht, dass Patient*innen, die gesetzlich versichert sind, zwei bis drei Monate auf notwendige Facharzt- oder gar Operationstermine warten müssen. Doch jetzt ist das System an seiner Belastungsgrenze.

»Die Pandemie zeigt zum einen die enorme Leistungsbereitschaft und -fähigkeit der Pflegefachpersonen«, sagte der Präsident des Deutschen Pflegerats, Franz Wagner, zum Auftakt des Deutschen Pflegetags am Mittwoch. Nun erwarte die Branche, »dass das jenseits von Applaus und warmen Worten in politisches Handeln mündet«. Und selbst das Klatschen hat längst wieder aufgehört.

Immerhin: Ende Oktober einigten sich die Tarifparteien auf mehr Geld für Pflegekräfte. Ab März 2021 erhalten sie eine Pflegezulage von 70 Euro, ein Jahr später von 120 Euro. Auch in der Intensivmedizin, für Wechselschichten und in Betreuungseinrichtungen wie Altenheimen werden Zulagen erhöht. Ohne die Coronakrise wäre es dazu vermutlich nicht gekommen.

Außerdem geht es mit der Pflegereform voran, die Gesundheitsminister Jens Spahn plant. Diese Woche wurden erste Eckpunkte bekannt. Demnach sollen Versicherte höhere Beitrage zur Pflegeversicherung zahlen. Der Bund soll der Pflegeversicherung zudem einen dauerhaften Steuerzuschuss überweisen. Und die Löhne sollen sich verbessern. »Die Entlohnung entsprechend Tarif für ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen soll künftig Voraussetzung für die Zulassung zur Versorgung werden«, heißt es in dem Papier.

Pflegekräfte, mit denen »nd« gesprochen hat, begrüßen die Verbesserungen - fordern aber noch viel mehr. Drei von ihnen kommen hier zu Wort.

Es ist 5 vor 12

Ich wollte nach meinem Examen eigentlich erst einmal einen längeren Urlaub nehmen. Stattdessen wurde ich im April direkt auf einer Covid-Station eingesetzt. Wir hatten zwei getrennte Bereiche für positiv getestete Patient*innen und Verdachtsfälle. Die Patient*innen waren meist eher kurz bei uns – entweder wurden sie schnell wieder entlassen oder auf die Intensivstation überwiesen. Manche sind auch gestorben. Bei uns war die Versorgung gesichert, aber ich habe mehrere Versorgungsengpässe an anderen Stellen wahrgenommen: Wir konnten die Patient*innen nicht in Pflegeeinrichtungen entlassen, weil es keine Plätze gab – also blieben sie bei uns. Das ist aber eigentlich nicht so gedacht.

Daria Neumann, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Mitglied des »Walk of Care«
Daria Neumann, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Mitglied des »Walk of Care«

Zur Zeit bin ich in der Gastroenterologie. Dass es jetzt wieder schlimmer wird mit Corona, merkt man auch bei uns: Einige Kolleg*innen sind in Quarantäne, jede*n Patient*in müssen wir auf Covid testen. Dazu kommt, dass wir unsere Abläufe ändern mussten. Zum Beispiel können wir nicht mehr zusammen frühstücken, weil der Raum nach den Hygienemaßgaben zu klein ist. Dadurch streckt sich das Frühstück insgesamt über drei Stunden, was unsere Abläufe behindert.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie finde ich richtig. Wir laufen sonst Gefahr, dass die Betten für Covid-Patient*innen nicht ausreichen. Aktuell ist unsere Station zur Hälfte belegt, aber das kann sich schnell ändern. Notwendig wären aus meiner Sicht mehr Kontrollen in öffentlichen Verkehrsmitteln, dass die Masken getragen werden. So, wie es jetzt ist, habe ich Sorge, die Menschen anzustecken, die ich pflege.

Was spürbar nachgelassen hat, ist die Anerkennung unserer Arbeit. Zu Beginn der Pandemie hat mir mein Bäcker immer Brötchen geschenkt, weil er wusste, dass ich Pflegekraft bin. Wir konnten auch kostenlos mit dem Berlkönig nach Hause fahren. Und das Adlon hatte ein Kontingent von Betten für Pflegende. Das gibt es jetzt alles nicht mehr. Wir sind wieder aus dem Fokus geraten. Ich hoffe, dass bald der Impfstoff kommt und ich mich dann wieder sicherer fühlen kann. Dass es ab nächstem Jahr mehr Lohn geben soll, ist ein Anfang. Es muss aber auch über die Arbeitszeit geredet werden. Oft müssen Doppel-Schichten gemacht werden. Es ist 5 vor 12 – genau wie beim Klimawandel wird das nicht ernst genug genommen.
Protokoll: Johanna Treblin

Wie Kanonenfutter

Die Maßnahmen und Beschränkungen zur Corona-Eindämmung halte ich für sinnvoll, sie hätten aber früher kommen müssen. In letzter Zeit füllen sich unsere Krankenbetten, sowohl auf den Normalstationen mit Covid-Patienten, wie auch im Intensivbereich. Aber anders als im Frühjahr läuft zusätzlich der normale Betrieb weiter. Bei uns wurde erst letzte Woche Freitag angefangen, planbare Operationen zu reduzieren. Es gab Fälle, wo geplante Operationen durchgeführt wurden, obwohl noch kein Testergebnis vom Patienten da war. Die Möglichkeit sich anzustecken ist größer, es gibt einige Fälle beim Personal, die in Quarantäne müssen und sich auch anstecken. Bei Notfallpatienten werden zwar Tests gemacht, aber das sind normale Abstriche – von Schnelltests habe ich noch gar nichts gesehen, wobei das ja sinnvoll wäre.

Silvia Habekost, Krankenpflegerin in der Anästhesie
Silvia Habekost, Krankenpflegerin in der Anästhesie

Klar schützen wir uns immer, aber es macht natürlich einen Unterschied, ob wir wissen, dass jemand mit Corona infiziert ist, oder nicht. Aktuell nervt es! Wir haben den ganzen Sommer Zeit gehabt Pläne zu entwickeln, die ausgefallen Operationen vom Frühjahr nachzuholen, das wurde nicht gemacht. Weil die Krankenhäuser Geld dafür bekommen haben, Betten frei zu halten. Die Fallpauschalen hätten gleich zu Beginn ausgesetzt werden müssen. Und damit hätten die Krankenhäuser die Sicherheit gehabt, dass die anfallenden Kosten refinanziert werden.

Im Sommer, als die Lage entspannter war, hat man nicht das gemacht, was sinnvoll gewesen wäre. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Mit uns Pflegekräften wird umgegangen, als wären wir beim Militär, wir fühlen uns wie Kanonenfutter. Da werden Entscheidungen getroffen, ohne uns einzubeziehen. Und in dieser Situation gibt es immer noch Leute, die Corona nicht ernst nehmen. Wenn ich Bilder sehe, wie auf der Demo in Leipzig, bin ich der Meinung, die Menschen sollten unterschreiben, dass sie bei einer Infektion auch keine Behandlung kriegen. Dass diese Demonstration so zugelassen wurde, ist unmöglich. Das Demonstrationsrecht soll nicht eingeschränkt werden, aber wer sich nicht an Abstands- und Maskenregeln hält, hätte nicht in die Innenstadt gelassen werden dürfen!
Protokoll: Lisa Ecke

Den Egoismus ablegen

Man darf nicht mehr ins Kino, nicht mehr ins Theater, aber bei Ikea ist volle Hütte. Eigentlich bin ich der Meinung, dass die Coronamaßnahmen nicht ausreichen. Aber ich verstehe auch die Gründe dahinter, warum man jetzt nicht auch alle Geschäfte zugemacht hat. Die Läden sind voll, auch die öffentlichen Verkehrsmittel. Ich glaube, da wird das Virus auch viel verteilt. Über die Demonstration in Leipzig letzte Woche müssen wir nicht reden, das war ein absolutes No-Go. Das kann man doch den Leuten nicht erklären, dass sie einerseits nicht mehr ins Theater dürfen, aber andererseits Demos erlaubt sind, wo keine Maskenpflicht durchgesetzt werden kann. Da muss man strenger gegen vorgehen.

Anja Voigt, Krankenpflegerin auf einer Intensivstation
Anja Voigt, Krankenpflegerin auf einer Intensivstation

Aber es ist jetzt auch jeder persönlich gefragt, Abstand zu halten und wo das nicht möglich ist, eine Maske zu tragen. Das kann man nicht allein der Politik überlassen. Wenn ich das in meinem privaten Umfeld nicht ernst nehme, dann wird nichts besser. Wir müssen unseren Egoismus ablegen, der gesunde Menschenverstand ist jetzt gefragt. Der aktuelle Lockdown hat keinen Einfluss auf meinen Alltag, ich habe mich vorher schon entsprechend verhalten. Und im Moment kommen die Maßnahmen, zumindest in meiner Klinik, auch nicht an. Wir haben weiter steigende Zahlen. Gut, die Experten sagen, es dauert eine Weile, bis die Maßnahmen sich auswirken, aber ich sehe das noch nicht. Ich denke, dass es schlimmer wird. Wir haben zu wenig Personal, es ist jetzt schon knapp, und ich glaube, die Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, werden weiter zunehmen. Ich weiß nicht, wie es dann aussehen wird. Lange gab es die Idee, wenn etwa in Berlin die Betten knapp werden, dass man dann in andere Bundesländer verlegt. Diese Option besteht nicht mehr, weil überall die Fallzahlen steigen.

Im Frühjahr gab es Kollegen aus anderen Bereichen, die auf den Intensivstationen ausgeholfen haben. Die hätten man über den Sommer schulen können, falls sie jetzt noch mal helfen müssen. Was ich unter meinen Kollegen merke ist auch, dass wir deutlich erschöpfter sind als im Frühling. Wir können mitunter nicht mehr. Wenn ich Leute sagen hören, »So schlimm ist es doch gar nicht mit Corona, immer diese Panikmache«, dann entgegne ich: Ich will keine Panik verbreiten, wir haben hier schon ein gutes Gesundheitssystem. Aber die Situation ist angespannt.
Protokoll: Lisa Ecke

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