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Die Solidarität könnte kippen

Die Corona-Pandemie stellt den Deutschen Handballbund und den Ligaverband vor neue Herausforderungen

  • Von Michael Wilkening, Mannheim
  • Lesedauer: 4 Min.
Lukas Nilsson von den Rhein-Neckar Löwen fällt nach einem Angriff kopfüber hinter die Bande.
Lukas Nilsson von den Rhein-Neckar Löwen fällt nach einem Angriff kopfüber hinter die Bande.

Martin Schwalb ist seit vielen Jahrzehnten ein Kind der Handball-Bundesliga. Er war als Spieler Torschützenkönig und Meister, als Trainer gewann er mit dem HSV Hamburg ebenfalls den Titel, ehe er einige Jahre als TV-Experte arbeitete. Im Februar 2020 feierte Schwalb bei den Rhein-Neckar Löwen ein Comeback als Trainer und erlebt seither eine verrückte Zeit. Der Umgang mit der Corona-Pandemie bestimmt seinen Alltag seither ebenso wie das Erstellen von Trainingsplänen und das Videostudium der Gegner. »Ich habe Angst, dass das mit reinschwappt, weil das immer Thema in der Kabine ist und die Jungs darüber reden«, sagte Schwalb Samstagabend. Die Löwen hatten zunächst mit einem 26:18-Sieg gegen den TBV Lemgo die Tabellenführung verteidigt, ehe es wieder mehr um das Corona-Virus als die Leistung des eigenen Teams ging - nervige Normalität in den vergangenen Wochen.

Die nackten Zahlen verdeutlichen, dass der Covid-19-Erreger die Handball-Bundesliga zuletzt mit voller Wucht getroffen hat. An den beiden zurückliegenden Spieltagen mussten neun von 20 Partien verlegt werden, für das kommende Wochenende sind schon jetzt zwei weitere Matches abgesagt. Nachdem die Handballer seit ihrem Saisonstart Anfang Oktober gut durch den Spielbetrieb in Zeiten einer Pandemie gekommen waren, häuften sich die Fälle der positiv getesteten Profis nach der Nationalmannschaftswoche merklich. Allein innerhalb des deutschen Teams traten vier Infektionen auf.

Kritiker hatten vor solch einer Entwicklung gewarnt und fühlen sich nun bestätigt. Nationalspieler Hendrik Pekeler hatte vor den Partien der deutschen Mannschaft gegen Bosnien und Herzegowina und in Estland den »Kieler Nachrichten« gesagt, er halte »die Nationalmannschaftswoche unter diesen Vorzeichen für kaum vertretbar«. Zuletzt untermauerte er seine Bedenken: »Wenn man die Meldungen sieht, dann bin ich der Meinung, dass es überhaupt nicht zu kritisch war, sondern eher vielleicht zu harmlos.«

Die Liga und der Deutsche Handballbund (DHB) suchen überwiegend gemeinsam Lösungen, um die zum Überleben der Klubs elementar wichtigen Fortführung des Spielbetriebs zu gewährleisten. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Interessen des Ligaverbandes (HBL) und des DHB in einigen Punkten nachvollziehbar auseinanderdriften. Das Streitobjekt ist die Weltmeisterschaft, die im Januar in Ägypten ausgetragen werden soll - und aus Sicht des Handball-Weltverbandes IHF und auch des deutschen Verbandes ausgetragen werden muss. Für internationale wie nationalen Verbände ist das jährlich stattfindende Großereignis überlebenswichtig, weil dort entscheidende Sponsoring-Einnahmen generiert werden. »Langsam kommt der Zeitpunkt, das Fass WM wieder aufzumachen«, erklärte Viktor Szylagi, Geschäftsführer von Branchenprimus THW Kiel. »Stand heute ist es undenkbar, dass man eine WM reibungslos absolvieren kann«, befand der Österreicher.

Die Vereine könnten mit einer WM-Absage zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Neben einer verringerten Infektionsgefahr würde der extrem dicht getaktete Spielplan durch die entstehende Lücke im Januar entzerrt, mögliche Nachholspiele in diesem Zeitraum stattfinden können. Vor diesem Hintergrund ist der Vorstoß von Szylagi und einiger Kollegen nachvollziehbar.

Nicht nur die DHB-Verantwortlichen wie Vizepräsident Bob Hanning sehen das anders, auch Andy Schmid ist für eine differenzierte Betrachtung. »Wenn es in Ägypten ein gutes Hygienekonzept gibt und dies auch umgesetzt wird, ist die WM nicht mit Quali-Länderspielen zu vergleichen«, sagt der Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen, der vielmehr die Durchführung der europäischen Vereinswettbewerbe kritisch sieht. »Ich halte es grundsätzlich für möglich, eine WM an einem Ort in einer Blase abzuhalten«, legte Schmid nach.

Für den Schweizer darf es in den kommenden Monaten nicht darum gehen, die Durchsetzung eigener Interessen zu forcieren. »Wir wussten alle, welche Risiken es birgt, wenn wir in einer Pandemie in den Spielbetrieb starten. Es wurde die ganze Zeit von Fairness und Zusammenhalt gesprochen und sobald es etwas Gegenwind gibt, gerät das in den Hintergrund«, monierte Schmid. Es gehe in erster Linie um das Überleben der Sportart und weniger darum, ob beispielsweise durch Spielverlegungen ein Wettbewerbsnachteil für einzelne Klubs entstehen kann. »Jetzt zeigt sich, ob wir wirklich solidarisch gemeinsam daran arbeiten, mit unserem Sport durch die Pandemie zu kommen«, erklärte der Schweizer.

Auf die sportliche Entwicklung hatte die Pandemie bislang keinen spürbaren Einfluss. Nach einem knappen Fünftel der Saison stehen mit den Rhein-Neckar Löwen, dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt drei Klubs an der Spitze, denen zugetraut werden kann, am Ende die Meisterschaft zu feiern. Am anderen Ende des Klassements haben sich bereits die Klubs eingefunden, die eine rauschende Party veranstalten werden, wenn sie den Abstieg vermeiden können. Zumindest dann, wenn das im kommenden Sommer wieder möglich sein sollte.

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