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Schärfere Hygienekonzepte, mehr Schutzausrüstung

Nach einem großen Virusausbruch mit 14 Toten in einer Senioreneinrichtung im Bezirk Lichtenberg hat der rot-rot-grüne Senat neue Maßnahmen angekündigt

  • Von Martin Kröger
  • Lesedauer: 4 Min.
Corona in Plegeheimen: Schärfere Hygienekonzepte, mehr Schutzausrüstung

Nach den schweren Ausbrüchen mit dem Coronavirus in Pflegeeinrichtungen in Berlin hat der Senat die Infektionsordnung verschärft. »Wir haben beim Hygienekonzept nachgesteuert, im Nahbereich zu Pflegenden sind FFP2-Masken vorgeschrieben«, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Dienstag nach der Senatssitzung im Roten Rathaus. Die Bundesregierung würde rund 1000 der sogenannten FFP2-Masken, die Schutz vor Tröpfchen und Aerosolen bieten, pro Pflegeheim zur Verfügung stellen. Außerdem hat der Senat zusätzliche Bestimmungen verfügt, die das Pausen- und Freizeitverhalten von Menschen betreffen, die in der stationären Pflege arbeiten. So müssen auch während Pausen Abstände gewahrt bleiben.

Hintergrund der Verfügung sind die jüngsten Seuchenausbrüche. Allein in einer Einrichtung der Betreiberfirma Kursana gab es viele Todesfälle von Menschen zu beklagen, die an Covid-19 erkrankt waren. »14 positiv getestete Bewohner sind nach unserer Kenntnis leider verstorben«, teilte eine Sprecherin der Firma mit. »Nach wie vor sind 27 Bewohner sowie 17 Mitarbeiter positiv getestet«, hieß es am Montag. Rund 100 Menschen lebten aktuell in der Einrichtung. Bereits am vergangenen Freitag waren einige Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung in Krankenhäuser verlegt worden.

Wie es zu dem Massenausbruch kommen konnte, wird nun aufgearbeitet. So hat die Senatsverwaltung für Gesundheit, der auch die Heimaufsicht für die Pflegeheime in Berlin untersteht, bei dem ebenfalls zuständigen Gesundheitsamt im Bezirk Lichtenberg einen Bericht angefordert. »Darauf warte ich händeringend«, erklärte Gesundheitssenatorin Kalayci am Dienstag. Die SPD-Politikerin zeigte sich erstaunt darüber, dass in dem Pflegeheim offenbar vorhandene Schnelltests zur Feststellung des Coronavirus erst dann genutzt wurden, als es bereits zum Ausbruch gekommen war. »Es gibt ein Hygienekonzept, es gibt Schutzkleidung, dennoch gibt es Ausbrüche«, sagte Kalayci. Die Senatorin erklärte zudem, dass sie gehört habe, dass Beschäftigte mit Symptomen angehalten worden sein sollen, zur Arbeit zu gehen. »Das ist ein No-Go«, betonte Kalayci. Und: »Wenn das stimmt, dann ist das fahrlässig.« Berlins Gesundheitssenatorin nahm auch erneut die Heimbetreiber in die Pflicht: »Sie müssen die Hygienevorschriften streng kontrollieren.«

Auf Anfrage sagte eine Kursana-Sprecherin, man habe keine Kenntnis davon, »dass Mitarbeiter aufgefordert wurden, trotz grippeähnlicher oder anderer Symptome in die Einrichtung zu kommen«. Eine solche Aufforderung würde gegen die strikten Richtlinien des Pandemieplans verstoßen.

Dass die Heimaufsicht, die in der Verwaltung der Gesundheitssenatorin angesiedelt ist, eine Mitschuld an dem Ausbruch habe, wies Kalayci unterdessen zurück: »Die Heimaufsicht braucht einen Hinweis vom Bezirk.« Deshalb sei die Heimaufsicht nicht als Erstes verantwortlich, wenn es einen Ausbruch gibt. »Das macht alles das Gesundheitsamt vor Ort«, so Kalayci.

Der Bezirksbürgermeister von Lichtenberg, Michael Grunst (Linke), sagte zu »nd«, dass es eine enge Kooperation »auf der Arbeitsebene« zwischen dem Gesundheitsamt und der Senatsverwaltung gebe. Man werde die Senatorin nach der Vorlage des Berichts weiter informieren. Grunst sagte aber auch: »Es ist Aufgabe der Heimaufsicht, für eine saubere Pflege zu sorgen.«

Gesundheitssenatorin Kalayci verwies wiederum darauf, dass ihre Verwaltung bereits zu Beginn der Pandemie die Heimaufsicht »komplett umfunktioniert« habe. So sei die Sommerpause unter anderem dazu genutzt worden, um Kontrollen vor Ort durchzuführen. Überhaupt sei Berlin zu Beginn der Pandemie, anders als andere Bundesländer, von Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen weitgehend verschont geblieben, so Kalayci.

Nach Angaben der Senatsverwaltung für Gesundheit handelte es sich jedoch bei fast jedem dritten Todesfall, der in Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung in der Hauptstadt stand, um eine Bewohnerin oder einen Bewohner einer Einrichtung für ältere Menschen. Insgesamt seien 132 Personen in stationären Pflegeeinrichtungen seit Pandemiebeginn gestorben, hieß es. Laut dem aktuellen Corona-Lagebericht starben in der Hauptstadt bisher insgesamt 371 Menschen im Zusammenhang mit einer Infektion mit dem Coronavirus. Zu der Zahl der aktuell Infizierten im Pflegebereich gab es keine Daten. Seit Pandemiebeginn meldeten 183 stationäre Pflegeeinrichtungen laut Gesundheitsverwaltung in Berlin bestätigte Fälle. Insgesamt 1021 Bewohner seien positiv getestet worden – genesene, gestorbene und derzeit noch infizierte Menschen eingerechnet. Bei 603 Mitarbeitern dieser Einrichtungen waren bislang positive Tests zu verzeichnen.

Um diese Bereiche und die vulnerablen Gruppen künftig besser zu schützen, setzt der Senat auch auf Massenimpfungen. An sechs Standorten (Messehalle 11, Terminal C Ex-Flughafen Tegel, Hangar 4 Ex-Flughafen Tempelhof, Erika-Heß-Eisstadion in Mitte, Arena in Treptow-Köpenick, Velodrom in Pankow) sollen Impfzentren eingerichtet werden. Sie sollen ab Dezember einsatzbereit sein. Je nach Verfügbarkeit des Impfstoffes sollen in einer ersten Phase Risikogruppen und die Beschäftigten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen durchgeimpft werden – so sollen Ausbrüche wie in Lichtenberg in Zukunft verhindert werden.

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