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Kein Fall für die Pyjama-Party

POP-RICHTFEST: Nadia Shehadeh über Online-Konzerte und Festivals in Coronazeiten

  • Von Nadia Shehadeh
  • Lesedauer: 4 Min.
Vielleicht sollte man sich nicht unbedingt einen Schlafanzug anziehen, wenn das Ziel ist, sich stundenlang für einen Live-Stream wachzuhalten.
Vielleicht sollte man sich nicht unbedingt einen Schlafanzug anziehen, wenn das Ziel ist, sich stundenlang für einen Live-Stream wachzuhalten.

Wenn ich mich an die Musik-Festivals von »früher« erinnere, dann erinnere ich mich daran, wie ich weite Anreisen in Kauf nahm, auf abenteuerlichen Zeltplätzen campierte und zusah, wie Bierbecher zum Spülen durch eine Plörre Schmierwasser gezogen wurden. Als Musikredakteurin genoss ich später mehr Privilegien: ausgewählte Presse-Zeltplätze und ganztägig heißen Tee und Kaffee im Media-Backstage zum Beispiel, manchmal gar Übernachtungen im Hotel. Zudem tauchten die ersten »Komfort-Festivals« auf der Bildfläche auf. Ich hatte große Hoffnungen, was das Konzert-Jahr 2020 betraf. Dann kam Corona. Und ich blieb zuhause.

Alsbald erschienen aber dann die ersten Online-Konzerte in meinem Internet-Stream auf und versprachen, den Liebhaber*innen von Live-Musik das schlimme Jahr 2020 wenigstens etwas zu versüßen. Tickets wurden zu wirklich guten Preisen gehandelt, und nachdem ich überschlug, wieviel ich sonst für Anreise, Verköstigung und Merch-Impulskäufe gelatzt hatte, musste ich zugeben: Die Kurse waren nicht schlecht.

Dann gewann ich fürs dritte November-Wochenende ein Ticket für ein ganzes Festival, live übertragen aus Reykjavik. Ich war selig, zog zur Feier des Tages meinen kuscheligsten Schlafanzug an, mixte mir einen Bubble-Tea und informierte mein soziales Nahfeld über mein Abendprogramm. »Aha, Homeoffice-Konzerte also«, wurde ich belächelt, aber da hörte ich schon gar nicht mehr richtig hin, denn ehe ich mich versah, musste ich mir auf einmal eine App herunterladen, mein »device of choice« freischalten, mir dafür komplizierte Codes aufs Handy schicken lassen und meine Email-Adresse bestätigen. Es war höchst kompliziert, auch ein bisschen stressig, und es war klar: Straff angetrunken könnte man solche Herausforderungen auf jeden Fall nicht bewältigen! Nachdem ich mich durch das Bollwerk komplexer Technik geklickt hatte, landete ich auf einem schnöden Youtube-Stream. Mir fiel ein, dass Youtube-Optik meiner Bildschirm-verseuchten-Neurologie zu später Stunde klar signalisiert: »Prima, gleich darf geschlafen werden!«

Ich musste mich also hinsetzen – auch, um nicht an meinen Boba-Perlen im Bubble Tea zu ersticken. Die erste Band, Hjaltalín, erschien auf der Bühne und der erste Track (»Baronesse«), den sie anstimmten, war einer, den ich vor anderthalb Jahren mal in Dauerschleife gehört habe. Vier Minuten lang war ich verzückt, vom Rest des Konzerts ebenso, aber mein Hirn wunderte sich langsam, warum es nicht wie sonst zwischendurch beim Fernsehgucken dieses eine Gartenspiel auf dem Handy zocken durfte. Mir fehlten außerdem Freund*innen, denen ich sonst bei Live-Konzerten zurufen würde: OH MEIN GOTT, IST DAS SCHÖN! »OH MEIN GOTT, IST DAS SCHÖN!«, schrieb ich dann einer Freundin, die ebenfalls das Festival am Bildschirm verfolgte. In der Küche piepste die Spülmaschine, mein Handy klingelte. »Nicht jetzt!«, fluchte ich innerlich, denn ich war mittlerweile beim Live-Set von Emiliana Torrini & Friends angekommen, aber die Außenreize des Alltags reißen zuhause nun mal nicht ab, egal, wie schön das Bildschirmprogramm ist. Mein Schlafanzug war immer noch kuschelig, ich war todmüde. Ólafur Arnalds tauchte dann auf der Bildfläche auf und zu seinen milden Klängen plätscherte ich langsam in den Tiefschlaf.

Am nächsten Morgen wachte ich entspannt auf – ganz so, als wäre nichts gewesen. Und so war es ja auch fast, ein Lockdown-Abend wie jeder andere, ich war ein bisschen beseelt und beschwingt, aber keineswegs ÜBERWÄLTIGT. Es gab keinen Kater und man wachte im eigenen Bett auf. Es gab aber vor allem keine Erinnerung an ein Publikum, in dem man zu Stimmungszwecken hätte untergehen können.

Es war ein bisschen so wie jeder andere Abend vorm Bildschirm, nur dass es auf jeden Fall auf der Bühne stilsicherer zuging und man nicht komplett das Gefühl hatte, sich berieseln zu lassen. Das alles sollte man wissen, bevor man finanzielle und vor allem technische Mühen auf sich nimmt, um Live-Shows via Stream zu genießen. Und vielleicht sollte man sich nicht unbedingt einen Schlafanzug anziehen, wenn das Ziel ist, sich stundenlang wachzuhalten. Den trägt man bei richtigen Konzerten schließlich auch nicht, und das hat, wie ich im Halbschlaf gelernt habe, auch seine Gründe.

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