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Lehrer schwafelt von »multikultureller Hölle«

Aber weil der AfD-Mann das nicht im Unterricht tat, kann ihn die Schulbehörde nicht maßregeln

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.
das ist die AfD: Von einer Corona-Diktatur sprechen, aber selbst Masken mit dem Parteilogo ausgeben.
das ist die AfD: Von einer Corona-Diktatur sprechen, aber selbst Masken mit dem Parteilogo ausgeben.

Öffentlich trommelt Thorsten Althaus, verbeamteter Lehrer im niedersächsischen Celle, gegen die Maskenpflicht. »Die Corona-Diktatur muss beendet werden«, trompetet der Oberstudienrat von Plakaten, mit denen er namens der AfD ein Ende der »Corona-Panik« fordert und sich, freundlich in die Kamera blickend, demonstrativ eine weiße Mund-Nase-Bedeckung vom Gesicht zieht. Der Historiker leitet bei den Rechtspopulisten im zweitgrößten Bundesland den »Fachausschuss Bildung«. In der 70 000 Einwohner zählenden Kreisstadt Celle, gut 40 Kilometer nordöstlich von Hannover zu finden, sind Althaus Schülerinnen und Schüler sowohl des Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasiums als auch des Hölty-Gymnasiums im Geschichtsunterricht anvertraut.

Vielen jener jungen Menschen stößt es sauer auf, was ihr Lehrer Althaus außerhalb der Schulmauern treibt: Politik im Sinne der AfD. Ärgernis dürfte den Jugendlichen dabei nicht allein das Geschimpfe gegen Anti-Corona-Maßnahmen sein, sondern weitaus mehr ein Gehetze, mit dem der Mann im September auf dem Landesparteitag der Rechtspopulisten zu erleben war. Ein Redebeitrag, von dem es mittlerweile einen im Internet verbreiteten Videoclip gibt. Thorsten Althaus schimpft darin: »Wenn ich aus meinem Büro auf den Pausenhof schaue, dann sehe ich dort unsere Schüler spielen. Und ich denke mir jedes Mal, verdammt noch mal, es darf nicht sein, dass wir unsere Jugend in die Hölle der multikulturellen Gesellschaft schicken.« Applaus von Gesinnungsgenossen brandet auf. Althaus ergänzt: »Wir müssen unser Land retten – es geht einzig und allein um unser Vaterland!«

Im Unterricht ist Thorsten Althaus bislang nicht mit solchen rechten Tiraden aufgetreten, wohl wissend, dass ihm das wahrscheinlich disziplinarrechtliche Schwierigkeiten beschert hätte. Dennoch sind nicht wenige Schülerinnen und Schüler entsetzt über das, was ihr Geschichtslehrer auf dem Parteitag abgesondert hat. Als Reaktion haben sie sie eine Kunstaktion gestartet: »Multikulti ist himmlisch« – dies Bekenntnis in bunter Kreide ziert jetzt den Schulhof des Hölty-Gymnasiums, und die Schülerschaften beider Gymnasien unterstreichen im Internet, wie wichtig ihnen das Leben in einer von Vielfalt geprägten Gesellschaft ist.

Nicht allein Schülerinnen und Schüler beziehen klare Position gegen die Äußerungen des Geschichtslehrers Althaus. So hat auch der ehemalige Leiter der mit dem Viktoria-Gymnasium partnerschaftlich verbundenen KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, Jens-Christian Wagner, seine Meinung kundgetan. Der mittlerweile den Gedenkort Buchenwald leitende Historiker sagte dem NDR: Mit seiner Gleichsetzung der Corona-Schutzmaßnahmen mit einer Diktatur habe Althaus bewiesen, »dass er ganz offensichtlich weder über Geschichtsbewusstsein noch über historisches Urteilsvermögen verfügt und damit nicht über die Grundvoraussetzungen, die ein Geschichtslehrer mitbringen sollte«.

Kann die Schulbehörde nun diesen Lehrer, was sein Reden außerhalb des Unterrichts betrifft, in die Schranken weisen? Offenbar nicht. Die zuständige Dienststelle verweist auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung. Bei seinem politischen Engagement sei Althaus als AfD-Mann aufgetreten, nicht als Lehrer, so die Behörde sinngemäß.
Vielleicht erledigt sich die Causa Althaus ja bei der nächsten Bundestagswahl. Der Mann aus Celle möchte Abgeordneter werden, sich von der AfD als Kandidat aufstellen lassen, so war zu erfahren.

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