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Verbrechen und Leidenschaft

Milieustudien einer Gesellschaft im Umbruch: Die Gerichtsreportagen der Journalistin und Schriftstellerin Gabriele Tergit sezieren das soziale Gefüge der Weimarer Republik - nun sind sie in neuer Ausgabe erschienen

  • Von Thomas Wagner
  • Lesedauer: 6 Min.
Gabriele Tergit, die erste Gerichtsreporterin Deutschlands, dargestellt in einem Werk der Künstlerin und Illustratorin Doro Petersen.
Gabriele Tergit, die erste Gerichtsreporterin Deutschlands, dargestellt in einem Werk der Künstlerin und Illustratorin Doro Petersen.

Im Oktober 1926 machte ein gewisser Ritter von B. eine Eingabe an das Justizministerium und den Kammergerichtspräsidenten. Der 75-Jährige hatte seinen Ehescheidungsprozess verloren, konnte sich damit aber nicht abfinden und verkündete anschließend, das Urteil sei von einem »jüdischen Demokraten gegen einen deutschen Aristokraten« gefällt worden. Das wiederum ließ die Justiz nicht auf sich sitzen, und der Adlige hätte sich eigentlich wegen Beleidigung und übler Nachrede vor Gericht verantworten sollen. Doch ihm fiel ein Weg ein, das Verfahren in eine ihm gemäße Bahn zu lenken. Er beschuldigte den Vorsitzenden der zuständigen Kammer in Berlin-Moabit sowie den für den Prozess vorgesehen Beisitzer, voreingenommen zu sein - wegen ihrer jüdischen Herkunft.

Im Ministerium sorgte der Fall für einiges Hin und Her. Schließlich befand der Vorsitzende der Beschlusskammer, der Vorwurf des Aristokraten sei durchaus berechtigt. »Der Prozess gegen B.«, heißt es im Prozessbericht des »Berliner Tageblatt«, »fand nun vor einer neu zusammengestellten Kammer statt, deren Vorsitzender allerdings erklärt haben soll, dass auch er nicht für Rassenreinheit garantieren könne, da von seinem Großvater her vermutlich jüdisches Blut in seinen Adern sei. Doch diesmal fand Landgerichtsdirektor M. das Blut, da in dritter Generation, schon genügend gesäubert.« Der Ehescheidungsprozess sei schließlich in zweiter Instanz zugunsten des Aristokraten entschieden worden, resümiert die Autorin des Artikels, die selbst jüdischer Abstammung ist. Sie heißt Gabriele Tergit.

Der Name ist ein Pseudonym. Die 1894 als Tochter des Unternehmers Siegfried Hirschmann, dem Gründer der Deutschen Kabelwerke, geborene Journalistin hatte zunächst den Namen Elise bekommen. Ihre Kindheit verbrachte das Mädchen in Friedrichshain, dem proletarischen Osten Berlins. Anders als es für ein Mädchen bürgerlicher Herkunft üblich war, spielte sie mit den Kindern sogenannter einfacher Leute auf der Straße und in dunklen Hinterhöfen. Früh lernte sie die beengten Wohnverhältnisse von Arbeiterfamilien kennen, die in bitterer Armut auf engstem Raum in feuchten, teilweise nur wenig beheizten Zimmern zusammenlebten. Häusliche Gewalt war dort an der Tagesordnung.

Als sie im Alter von 14 Jahren mit ihrer Familie in das von wohlhabenden Schichten geprägte Tiergartenviertel zog, standen ihr die Klassenunterschiede krass vor Augen. Ihre Schulausbildung absolvierte die Heranwachsende in der neugegründeten Sozialen Frauenschule, in der Alice Salomon und Gertrud Bäumer unterrichteten. Dort lernte sie, dass auch Frauen aus sozial benachteiligten Schichten weitaus mehr an beruflicher Bildung zustand, als ihnen die patriarchale Gesellschaft zugestehen wollte. Die junge Frau begann sich für den Journalismus zu interessieren, was in der Familie auf wenig Gegenliebe stieß, aber sie setzte sich gegenüber den Eltern mit ihrem Wunsch, zu studieren, um für den Beruf besser gewappnet zu sein, durch. Seit Mitte der 20er Jahre trat sie dann als Verfasserin von Gerichtsreportagen in Erscheinung, die zunächst im »Berliner Börsen-Courier« gedruckt wurden. Schließlich wurde sie vom linksliberal ausgerichteten »Berliner Tageblatt« als Redakteurin eingestellt. Die Zeitung erschien zu dieser Zeit zweimal am Tag, außer montags, in einer Auflage von 160 000 Exemplaren.

Eine Auswahl der Gerichtsreportagen und Prozessberichte, mit denen Tergit bald zu einer der bekanntesten Journalistinnen der Weimarer Republik werden sollte, hat Nicole Henneberg für den Band »Vom Frühling und von der Einsamkeit« zusammengestellt und mit einem kundigen Nachwort versehen. Sie ermöglichen einen tiefen Einblick in das von Klassenkonflikten und vielfältigen Kämpfen um Emanzipation geprägte Großstadtleben in der Weimarer Republik. Tergits knapp gefasste Texte lesen sich wie präzise Milieustudien einer Gesellschaft im Umbruch. Wir begegnen Männern in Frauenkleidern, die auf der Friedrichstraße nächtens Würstchen essen, einem bemitleidenswerten Hochstapler und einer Frau, die einen 13-jährigen Jungen verführt. Da gibt es Kriegsversehrte, die sich in den Inflationsjahren vom Zigarettenkauf zunächst gut ernähren können, als aber das Geschäft einbricht, keinen anderen Ausweg sehen, als kriminell zu werden.

Wir lernen verarmte russische Adlige kennen, die 1920 vor der Revolution in ihrer Heimat nach Berlin geflüchtet waren und nun aus lauter Not Falschgeld in Umlauf bringen. Wir begegnen dem in Sittlichkeitsangelegenheiten zu Rate gezogenen Sachverständigen Magnus Hirschfeld und wir erfahren, wie das im Ersten Weltkrieg zunächst als Gegenmittel gegen das Morphium gebrauchte Kokain eine Volksdroge wurde, nachdem die Heeresbestände 1918 verschleudert worden waren. Und nicht zuletzt macht uns die Autorin zu Zeugen der zunehmend gewaltsamen politischen Auseinandersetzungen zwischen rechts und links - etwa im Fall des für einen Beteiligten tödlichen Zusammenstoßes zwischen Jungkommunisten aus dem Berliner Wedding und rechtsgerichteten Pfadfindern.

Vor Gericht, bei den gut informierten Zeitungskollegen und durch eigene Recherchen fand Tergit den Stoff für ihre Romane »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« und »Effingers«, die sie beim zeitgenössischen Publikum auch als Schriftstellerin bekanntmachten und die heute mit den Werken Hans Falladas und Erich Kästners verglichen werden. Schon früh geriet die Journalistin, die aus ihrer Ablehnung paramilitärischer Verbände nie einen Hehl machte, ins Visier der Nazis. Die direkte Konfrontation war unvermeidlich. Am 4. März 1933, in der Nacht ihres 39. Geburtstags und am Vorabend der Reichstagswahl, war es dann soweit. SA-Männer vom Stoßtrupp 33 standen vor der Tür der Familienwohnung in der Nähe des S-Bahnhofs Tiergarten. Der augenblicklichen Verhaftung entging Tergit nur, weil sich der Kollege einer rechtsgerichteten Zeitung sowie der ebenfalls rechte Polizeipräsident für sie einsetzen. Zum Aufatmen blieb jedoch keine Zeit.

Aus ihrer langjährigen Praxis als Reporterin wusste sie, dass sie es bei den Gefolgsleuten Adolf Hitlers mit einer rücksichtslosen Verbrecherbande zu tun hatte und kehrte Deutschland gemeinsam mit ihrem Ehemann schon am folgenden Tag den Rücken. Ihre Flucht führte sie zunächst in die Tschechoslowakei, von dort nach Palästina und schließlich nach London, wo sie eine dauerhafte Bleibe fanden. Fast 25 Jahre lang, von 1957 bis 1981, arbeitete die Schriftstellerin, deren Werk ab den 70er Jahren wiederentdeckt wurde, als Sekretärin des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Im Jahre 1949 war sie noch einmal zu ihrer alten Tätigkeit als Prozessbeobachterin zurückgekehrt. Vor Gericht stand der berühmte Regisseur Veit Harlan, der sich wegen seines antisemitischen Propagandafilms »Jud Süß« verantworten sollte. Harlan sagte, er habe das von Goebbels stammende Drehbuch zu ändern und zu mildern versucht. In seiner Sicht hatte er den Film so künstlerisch gestaltet, dass aus einem Propagandafilm ein Kunstwerk geworden sei. Tergit ließ das nicht gelten. Sein Beispiel steht in ihren Augen für das Versagen der deutschen Intellektuellen, indem sie eifrig mitwirkten. »Nur gute Kunst«, schreibt sie, »ist Propaganda.« Die richtige Form des Widerstands wäre in ihren Augen die Sabotage gewesen: »Mist schreiben. Filme drehen, dass die Kinos leer gewesen wären. Alle Tempi verzerren. Alle Einsätze verhauen, so dass sich keiner mehr die ›Neunte‹ hätte anhören mögen. Das ist echter Widerstand.«

Gabriele Tergit: Vom Frühling und von der Einsamkeit. Reportagen aus den Gerichten. Schöffling & Co., 368 S., geb., 28 €

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