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Heimleitung ist abgesetzt

Corona-Ausbruch in Lichtenberger Altenheim hat Konsequenzen

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.
Sanitäter schieben eine Bahre aus der Kursana-Einrichtung.
Sanitäter schieben eine Bahre aus der Kursana-Einrichtung.

Nach dem tödlichen Corona-Ausbruch in einem Pflegeheim in Berlin-Lichtenberg wird die Heimleitung laut Gesundheitssenatorin abgesetzt. Dilek Kalayci (SPD) erklärte dies in einer Fragestunde im Abgeordnetenhaus am Donnerstag. Bis Freitagnachmittag würden vom Träger neue Personalvorschläge für die Position erwartet. Sollte dies nicht erfolgen, werde über weitere Maßnahmen nachgedacht.

Am Mittwochabend hatte das Lichtenberger Bezirksamt über einen Bericht des bezirklichen Pandemiestabs berichtet. Danach sei das Heim den Nachbesserungen, die der Amtsarzt bereits Anfang Oktober mit Blick auf Kontakte und Hygiene gefordert hatte, nicht in ausreichendem Maße nachgekommen, sagte eine Sprecherin. Man vermute, dass Personal für die breite Ansteckung verantwortlich sei, sagte die Sprecherin des Bezirksamts. Sicher sei es aber noch nicht. Nach dem Bericht war der Lichtenberger Amtsarzt seit Anfang Oktober mehrfach in dem Pflegeheim Kursana Domizil in der Gensinger Straße in Lichtenberg, das zur Dussmann-Gruppe gehört. Er hatte unter anderem am 8. Oktober Abstriche der Bewohner*innen und des Personals angeordnet. Für Mitarbeiter*innen mit direktem Kontakt zu erkrankten Bewohner*innen wurde Quarantäne verhängt.

Das Gesundheitsamt habe das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit Berlin auch über Versäumnisse beim Arbeitsschutz informiert und vom Betreiber das Hygienekonzept und -handbuch gefordert, heißt es im Bericht. Am 29. Oktober 2020 seien dann alle Bewohner*innen und das gesamte Personal getestet worden. Am 5. November habe der Amtsarzt das Heim erneut besucht und Verbesserungen bei der Einhaltung des Hygieneplans angeordnet. Erst am 13. November 2020 informierte das Pflegeheim über 44 positive Testfälle bei Beschäftigten und Bewohner*innen. Zu diesem Zeitpunkt waren insgesamt zwölf von Letzteren mit positivem Testergebnis, die in Krankenhäuser verlegt worden waren, verstorben. Aktuell sind 30 infizierte Bewohner*innen bekannt, dazu 17 infizierte Mitarbeiter*innen in Quarantäne.

Dilek Kalayci hatte zuletzt am Dienstag gesagt, nach ihrer Einschätzung könnten menschliches Versagen und Betreiber, die das Thema Hygiene nicht richtig ernst nähmen, zu solchen Ausbrüchen führen.

Ein sogenannter Insider hatte laut dpa einen Einblick gegeben, was Versäumnisse in Alten- und Pflegeheimen konkret bedeuten können: miserable Ausbildung des Personals, Missachtung von Hygieneregeln, mangelnde Kontrolle der Einhaltung der Regeln durch die Verantwortlichen des Heims, mangelhafte Unterweisung des externen Personals wie Reinigungskräften sowie fehlende Deutschkenntnisse bei Personal aus dem Ausland. In Lichtenberg seien Schutzmasken trotz entsprechender Vorgaben nicht getragen worden, sagte er. Der Betreiber habe sich schuldig gemacht. Das könne überall sonst auch so passieren.

»Derart pauschale Vorwürfe möchten wir nicht kommentieren«, sagte die Kursana-Sprecherin dazu am Mittwochabend. »Selbstverständlich gehen wir allen konkreten Hinweisen nach.« Kursana habe sehr hohe Sicherheitsstandards und gute Hygienekonzepte, die aber in Zeiten einer solch weitreichenden Pandemie nicht verhindern könnten, dass die Corona-Infektionsketten auch Seniorenbetreuungseinrichtungen erreichen. »Speziell unter den winterlichen Bedingungen mit gegenüber dem Frühjahr deutlich gestiegenen täglichen Fallzahlen bei Neuinfektionen, die sich verfünffacht haben«, ergänzte die Sprecherin. »Erteilte Auflagen werden wir selbstverständlich umsetzen.« Ein Teil der verbliebenen Bewohner*innen des Heims wurde laut der Sprecherin bis inklusive Dienstag in andere Häuser verlegt. Ebenfalls wurden am Dienstag erneut alle Beschäftigten und Bewohner*innen getestet.

Auch im Bericht des Bezirksamts heißt es: »Der Pandemiestab geht davon aus, dass die Hygienemaßnahmen und erteilten Auflagen umgesetzt werden und der Betreiber engmaschige Kontrollen und Belehrungen des Hygienemanagements vornimmt.«

Zu sagen ist allerdings ebenfalls, dass die lokale Teststrategie vom bezirklichen Gesundheitsamt festlegt wird. Warum mehr als zwei Wochen vergangen sind, bis die Testergebnisse für Pflegebeschäftigte und Bewohner*innen der Einrichtung vorlagen, muss geklärt werden - auch im Hinblick darauf, zukünftige Ausbrüche zu verhindern und in solchen Fällen schneller zu agieren.

Laut der Gesundheitsverwaltung gab es seit Pandemiebeginn in 189 stationären Pflegeeinrichtungen in Berlin Corona-Fälle. Positiv getestet wurden insgesamt 1143 Bewohner*innen sowie 635 Mitarbeiter*innen. Rund ein Drittel der Menschen, die in Berlin seit Pandemiebeginn mit oder an einer Coronavirus-Infektion verstorben sind, waren Bewohner*innen von Pflegeheimen. Mit Agenturen

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