Youssoufa Moukoko

Wachsen eines Wunderkindes

Der Dortmunder Youssoufa Moukoko ist schon mit 16 Jahren eine Fußballlegende

Von Daniel Theweleit

Eine züngelnde Flamme aus dem großen Kommunikationsbaukasten der Emojis - so bringt Youssoufa Moukoko in dieser Woche seine Freude auf das bevorstehende Fußballwochenende zum Ausdruck. Es soll nämlich einen neuen Lebensabschnitt einleiten. Und vielleicht auch die Ära eines großen Sportlers. Daneben postet er auf seinem viel beachteten Instagram-Account ein knappes »Can’t wait«. Endlich geht sie zu Ende, die Zeit des Wartens. Denn mit seinem 16. Geburtstag am Freitag darf Moukoko für das Profiteam von Borussia Dortmund spielen, mit einem Einsatz an diesem Sonnabend bei Hertha BSC wäre er der jüngste Fußballer, der jemals in der Bundesliga zum Einsatz kam. Aber dieser Rekord ist lediglich ein Nebenaspekt eines hoch spannenden Versuchs. Die halbe Fußballnation ist gespannt, wie dieser Kerl, fast noch ein Kind, sich im Männerfußball zurechtfinden wird. Denn Moukoko ist schon jetzt eine Legende, der aufregendste Spieler, den es im deutschen Juniorenfußball jemals gab.

Überall dort, wo er bisher erscheint, wirkt er, als verfüge er über geheimnisvolle Superkräfte. In der Saison 2017/2018 wird Moukoko als Zwölfjähriger in das U17-Team des BVB befördert - er schießt in 28 Partien 40 Tore. Es folgt ein Jahr mit 46 Treffern in 25 Partien. Im Alter von 14 steigt er in die U19 auf, wo er während seiner 20 Bundesligaeinsätze 34 Tore schießt. Seit dem Sommer trainiert er bei den Profis, schießt nebenher zehn Tore in vier U19-Partien. »Moukoko hat ein Talent, dem man nicht oft begegnet«, sagt Bundestrainer Joachim Löw.

Die Geschichte dieses Fußballers weckt Erinnerungen an den ganz jungen Lionel Messi, den der FC Barcelona im Alter von 14 Jahren aus Südamerika nach Spanien geholt hat. Aber nicht einmal über den argentinischen Weltstar werden so früh so viele Geschichten erzählt, geschrieben und gemunkelt. Über das »Wunderkind« mit dem kamerunischen Vater erscheinen die ersten Schlagzeilen, als er gerade mal 13 Jahre alt ist. »Was die Medien schreiben - ich lese das, aber ich mache mir keinen Druck«, behauptet der Hochbegabte in einem Film des klubeigenen TV-Senders. Äußern darf er sich nur in den Hausmedien des BVB. Welche Gedanken, Fantasien, Ängste und Regungen diese öffentliche Exponiertheit einer Jugend wirklich auslöst, bleibt dabei unklar.

Womöglich weiß Lars Ricken ein bisschen mehr. »Wir haben ihn erst mal abgeschottet«, erklärt der Direktor des Dortmunder Nachwuchsleistungszentrums in einem Interview im »Sportschau Club« der ARD. »Das, was er schon an Öffentlichkeit mitgenommen hat, was er auch schon alles über sich lesen musste, das müssen teilweise gestandene Profis nicht lesen.« Mit 14 Jahren schloss er einen Vertrag mit dem Sportartikelhersteller Nike ab, für den er angeblich bis zu zehn Millionen Euro erhalten soll. Der Deal produziert dicke Schlagzeilen im Boulevard. Spätestens seit diesem Moment sind der Druck und die Erwartungen enorm. Es tauchen Geschichten über eine Freundin auf, noch unangenehmer sind aber die Diskussionen um sein Alter.

Geboren wird Moukoko in Kameruns Hauptstadt Yaoundé, wo er bei seinen Großeltern aufwächst, bevor er als Neunjähriger von seinem in Hamburg lebenden Vater nach Deutschland geholt wird. Als er beginnt, in der Jugend des FC St. Pauli ein Tor nach dem anderen zu schießen, kursiert das Gerücht, dieses Talent sei in Wahrheit viel älter, seine Papiere seien gefälscht. Es wurde ermittelt und recherchiert. Juristisch ist der Fall seit 2016 aber geklärt: Das Standesamt Hamburg-Harburg hat den 20. November 2004 offiziell als Geburtstag beurkundet. Auf dem Platz ist die körperliche Überlegenheit, von der Moukoko in seinen ersten Jahren im Dortmunder Nachwuchsleistungszentrum profitiert, verschwunden. Während der Partien im U19-Team wirkt er als 15-Jähriger unter lauter Jungs, die mindestens zwei Jahre älter sind, eher schmächtig. Sein Gesicht hat noch kindliche Züge. Und dennoch bekommt keine Abwehr Youssoufa Moukoko unter Kontrolle.

Lucien Favre ist begeistert: »Es ist schön, ihn zu sehen«, sagt der Dortmunder Trainer. »Er ist Linksfuß, er ist Rechtsfuß, er hat ein Superpotenzial.« Dabei ist der deutsche U19-Nationalspieler auf dem Rasen erst mal gar nicht so auffällig, lauert irgendwo an der Abseitslinie herum, verschwindet manchmal fast. Moukoko ist kein Ronaldo, der ständig den Ball haben will; aber sobald sich das Spiel in die gefährlichen Bereiche hineinbewegt, taucht er auf, als könne er Räume finden, die für andere unsichtbar sind.

Seine Gegner treibt er damit zur Verzweiflung - was im vergangenen Oktober in Gelsenkirchen in einen Skandal mündet: Während einer U19-Partie beim FC Schalke, in der der Stürmer alle drei Tore zum 3:2-Sieg des BVB erzielt, wird er von Zuschauern rassistisch beleidigt. Anschließend schreibt er auf Instagram: »Ihr könnt mich hassen und beleidigen, aber ihr werdet mich niemals unterkriegen, denn was ich liebe, werde ich immer tun und das ist Fußball spielen und Tore schießen.« Eine Woche danach sinkt er nach einem Elfmetertor auf das linke Knie und streckt die recht Faust nach oben. Mit dieser Geste bekunden Sportler weltweit ihre Unterstützung für die »Black Lives Matter«-Bewegung. Mit Youssoufa Moukoko betritt ein junger Mann die Bundesligabühne, der nicht nur als Sportler interessant ist, sondern auch als Mensch.

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