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Billy Childish: Skulls and Femur, 2019 © Billy Childish
Billy Childish

Werden die Wölfe heulen?

Totenschädel, Wölfe, Nackte, Seilzieher und ein Nervenzusammenbruch: Eine Ausstellung des Künstlers Billy Childish in Berlin

Von Berthold Seliger

Seit mehr als 40 Jahren macht der britische Musiker und Künstler »Wild« Billy Childish die europäische Musikszene unsicher. Unzählige Alben hat er veröffentlicht, unter seinem Namen oder mit seinen Bands The Milkshakes, Thee Mighty Caesars, den legendären Thee Headcoats oder The Buff Medways. Er hat Alben von Holly Golightly oder den Goldenen Zitronen produziert und betreibt das Label Hangman Records. Der »Last Punk Standing« also, wie ein letztes Jahr erschienenes Studioalbum betitelt ist? Nein, der Song sei eigentlich als Frage gemeint, sagt Billy Childish, »Who’ll be the Last Punk Standing«, aber es habe verkürzt eben besser ausgesehen. Letztlich sei das Leben wie ein unerklärliches Rad, und genau darüber sollte es ein oder zwei Popsongs geben: »Es geht um die Zeit, und darum, dass das Wissen ausstirbt. Wir lernen von der Geschichte, dass wir von der Geschichte nichts lernen.«

»Popsongs«, Mister Childish, really? Wohl doch eher die Billy-Childish-übliche bunte Mischung aus Garage Rock, Sixties Beat, Punk und rauem Blues, die sich jeder Kommerzialität verweigert - »we generally don’t promote things …« Klar, denn ein Künstler wie Billy Childish ist nun mal größer als alles, was die längst übel riechende Musikindustrie und der herrschende Reigen von Album-Promotion-Tournee-Album-Promotion usw. so hergibt. Eigentlich, sagte der Künstler mal in einem Interview, sei er sowieso eher ein Hippie als ein Punkrocker. Wie auch immer: Wer bleibt am Ende denn schon übrig, um die Essenz dessen weiterzutragen, worum es bei »Punk« mal ging, nämlich »home-made, please-yourself music«.

Doch Billy Childish ist nicht nur einer der bedeutendsten Musiker unserer Tage, er ist auch Poet, Schriftsteller und - Maler! Seine Fans kennen die Holzschnitte, die auf frühen Alben als Cover zu finden sind und die er auch schon mal bei seinen Konzerten verkaufte. In den letzten zwölf Jahren hat jedoch auch seine Karriere als Maler beträchtlich an Fahrt aufgenommen; zahlreiche Einzelausstellungen in Großbritannien, Deutschland und den USA und die Teilnahme an Gruppenausstellungen etwa in der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD oder dem Mumok Wien legen Zeugnis davon ab. Gerade wurde bei der Galerie Neugerriemschneider in Berlin eine Ausstellung mit neuen Werken eröffnet: »skulls wolfs nudes rope pullers and a nervous breakdown« (Totenschädel, Wölfe, Nackte, Seilzieher und ein Nervenzusammenbruch) ist der Titel. Und man kann so manche Überraschung erleben, auch wenn man mit Childishs Malerei vertraut ist. Eine ganze Serie beschäftigt sich mit großformatigen Gemälden, die Arbeiter bei ihrem Tun darstellen: Grabende, Seilzieher, Hafenarbeiter, Deckhelfer und Werftarbeiter. Meistens ziehen sie an schweren Tauen, teilweise barfuß, und stemmen sich der Welt entgegen. Nein, sie ziehen förmlich ein endlos scheinendes Seil ins Nichts. Die Farben dunkel, und in den Gemälden viel Bewegung. Zwei Männer mit Schaufeln beim Anfachen eines Feuers in »Men Tending Fire« oder in »Clearing Path« ein Mann beim Räumen des Weges, der van-Gogh-artige Wellen treibt. Und schließlich ein kleineres Format, (»Rope Puller and Sunset«), hier sind nur die schweren Arbeiterhände zu sehen, die das Tau nicht loslassen, und im Hintergrund, hell, ein Sonnenuntergang.

Der Raum mit den mal vage an Ilja Repins »Wolgatreidler«, mal an Edvard Munchs »Arbeiter im Schnee« erinnernden Arbeiter- und Arbeitsdarstellungen dürfte einer der wichtigsten und interessantesten Kunstsäle sein, die man derzeit in Berlin zu sehen bekommt.

Ein weiterer kleiner Raum mit vier merkwürdigen Gemälden fungiert wie eine Art Privatkabinett des Billy Childish - der Künstler nackt mit Schwanz (und mit Hut) auf der einen Seite, auf der anderen drei Totenschädel als ein ganz besonderes Vanitas-Stillleben des Künstlers sowie ein erschütterndes »Selbstporträt mit Pein«, in dem wir ein Zerrbild seiner selbst erleben - gemalt 2018, zu der Zeit eines schweren Zusammenbruchs, des Nervous Breakdown aus dem Ausstellungstitel. Darunter eine historische Holzbank, die zum Hinsetzen einlädt, und zwei vom Künstler bemalte Terrakotta-Blumentöpfe, die an seine unlängst verstorbene Mutter erinnern. Ein irritierendes Arrangement, ein Raum, der noch lange und schwer in einem arbeitet, ein ganz eigenes Memento mori: »i celebrated that / which had become / busted / irrelevant / and forgotten«, schreibt Childish in seinem Gedicht »tho / they wanted the devil / i sang / of god«, das im Katalog abgedruckt ist.

Und dann eine weitere Überraschung im Kosmos des Billy Childish: Wölfe! Großformatige Nacht- und Traumlandschaften mit Wölfen! Sie stehen im Wald oder auf einer Lichtung, leicht surreal, beim »White Wolf« fällt das Licht auf den Boden, auf dem der weiße Wolf steht, wenn er uns anblickt, dahinter ist der Wald schwarz, ein Urwald, und beides, der schwarze, bedrohliche Wald wie der weiße, unheimliche Wolf im Vordergrund weisen auf unser Unterbewusstsein: »Jede Bedeutung oder psychologische Dimension, die hervortritt, entstammt dem kollektiven Unterbewussten. Das Unterbewusste möchte grüßen und miteinbezogen werden. Auf diese Weise entsteht das Bild«, schreibt Childish zu dieser von ihm selbst arrangierten Ausstellung. Werden die Wölfe heulen? Sicher. Und zwar die Lieder des Billy Childish, des »Wild« Billy Childish. Zur Ausstellung hat er auch, klar, ein neues Album herausgegeben, »The New and Improved Bob Dylan«, die erste LP auf seinen Hangman Records seit 19 Jahren.

Wir dürfen den Blickkontakt zu den Wölfen nicht verlieren.

»Billy Childish - skulls wolfs rudes rope pullers and a nervous breakdown«, bis 9.1.2021 in der Galerie Neugerriemschneider, Linienstrasse 155, Berlin. Die Ausstellung ist auch während des aktuellen Teil-Shutdowns geöffnet.

Der empfehlenswerte Katalog kostet in der Ausstellung 35 Euro.

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