Die Friedrich-Engels-Statue des chinesischen Künstlers Zeng Chenggangin in Wuppertal.
Friedrich Engels

Ein überzeugter Europäer

Wuppertal ehrt Friedrich Engels zum 200. mit einem gehaltvollen Band.

Von Hermann Klenner

Die im Bergischen Land Nordrhein-Westfalens wunderschön gelegene Stadt Wuppertal weiß, was sie ihrem berühmtesten Sohn schuldig ist. Jedenfalls hat sie durch ihren »Beigeordneten für Kultur und Sport & Sicherheit und Ordnung« sowie zwei Kuratoren dafür Sorge getragen, dass 200 Jahre nach dessen Geburt ein in jeder Beziehung stattlicher Sammelband von 23 Autoren sehr unterschiedlicher Provenienz und Position über Friedrich Engels publiziert werden konnte. Leider ohne Personen- und Sachregister.

Es handelt sich weder um Lobhudelei noch um Lokalpatriotismus. Nicht einmal dieses praktizierenden Kapitalisten und theoretisierenden Kommunisten Engels heimatliche Resonanz in den örtlichen Presseorganen der letzten Jahrzehnte oder in den »braunen« Jahren wird geboten. Es sind durchgängig ernsthafte Betrachtungen und Untersuchungen von inhaltlicher wie formaler Reichhaltigkeit. In diesen wird die Lebens- und Gedankengeschichte des im damalig preußischen Barmen geborenen Engels dargestellt oder auch problematisiert. Schließlich handelt es sich nicht nur um einen überzeugten Europäer und Beherrscher von sieben Sprachen in Wort und Schrift, sondern auch um einen der ersten bewusst soziologisch vorgehenden Wissenschaftler deutscher Zunge, dessen damalige Auffassungen zur Natur-, Geschlechter-, Wohnungs- und Religionsfrage von ungebrochener Aktualität sind.

Nicht zuletzt ist er ja auch Mitautor des im Februar 1848 in London auf 23 Seiten publizierten »Manifests der Kommunistischen Partei«, eines der international meistgedruckten Pamphlete der Weltliteratur. Und nicht Marx, sondern Engels war es, der Ende 1847 mit seinen »Grundsätzen des Kommunismus« die Vorläuferskizze zum »Manifest« in Form eines Katechismus ausgearbeitet hatte. Dass sein und seines Freundes literarische Hinterlassenschaft an die 100 Bände im Lexikonformat füllt und immer noch nicht vollständig veröffentlicht ist, sucht seinesgleichen.

Auf des 19-jährigen Engels »Briefe aus Wuppertal«, diesem - wie er es anpreist - »weltberühmten Thal«, greifen mehrere Autoren zurück, und nicht nur, weil es sein publizierter Erstling war. Sie wurden (anonym) im März 1839 veröffentlicht, also 90 Jahre bevor (!) die Stadt Wuppertal ihren Namen bekam. Barmen wurde nämlich erst 1929 mit Elberfeld und einigen anderen Orten vereinigt und erhielt im Ergebnis einer Bürgerbefragung ein Jahr später den Namen Wuppertal. Engels »Briefe aus dem Wupperthal« wurden übrigens wegen ihrer Brandmarkung des »schrecklichen Elends unter den niederen Klassen, besonders den Fabrikarbeitern im im Wupperthal« sowie des Elberfeldes »Pietismus und Mystizismus, der ... dem papistischen Sinn wenig nachsteht«, von einem Redakteur der »Elberfelder Zeitung« sofort scharf angegriffen, was Engels natürlich nicht unbeantwortet ließ.

Das Reizvolle dieses Bandes besteht besonders darin, dass - auf den Inhalt und die Bedeutung der verschiedenen Originaltexte sowie deren Würdigung bezogen - nicht nur unterschiedliche, sondern auch gegensätzliche, sogar extrem entgegengesetzte Meinungen vertreten worden sind. Schade, dass Mitglieder der Wuppertaler Marx-Engels-Stiftung nicht zu Wort gekommen sind.

Einige Autoren bekennen sich als heutige Anhänger der damaligen Gesellschaftstheorie von Engels oder beschränken sich auf eine rein historische Betrachtung. Ausnahms- und entgegengesetzterweise wird die US-amerikanische evangelikale Massenhysterie, mit der Babycaust und Holocaust hemmungslos gleichgesetzt werden, ebenso offen attackiert wie des notorischen Chauvinisten Trump Kriegsgefährlichkeit. Andere Autoren möchten Engels freilich durch neuere Wissenschaftler ergänzt und erheblich verändert ins 21. Jahrhundert holen. Einige glauben, ihn besser zu verstehen, als er sich selbst verstanden hat, und wieder andere wissen mit seinen Gedanken nichts anzufangen. Einige würdigen seine nebst Marxens Gedankengänge als Gesamtkunstwerk, und noch andere wollen ihn aus einer »ideologischen Zwangsvergemeinschaftung« mit Karl Marx herauslösen oder nehmen ihn vor Lenin in Schutz.

Es gibt populäre Argumentationen, ebenso wie streng wissenschaftliche, teils in eher essayistischer Form. Auch ein Musiker und Komponist mischt auf seine Weise mit. Unter den Autoren sind Wissenschaftler verschiedener Disziplinen - selbst neoliberale Marktwirtschaftler, die »Vergesellschaftung« zu einer Worthülse und die Gegensatzerkenntnis von Kapitalismus und Kommunismus zu einem Rückfall ins mittelalterliche Denken erklären, haben sich als Autoren werben lassen. Einige kommen quellenmäßig mit Sekundärliteratur aus, während andere sich auf ganze Bibliotheken als ihre Quellen berufen. Ein Beitrag hat sogar die Gestalt eines Briefwechsels zwischen den Autoren.

Nicht unerwähnt bleibt verständlicherweise das Engels betreffende »Steinerne Gedenken« samt damit verbundener Querelen: Im Auftrag der Stadt Wuppertal war 1958 innerhalb des historischen Zentrums von Barmen im ehemaligen Privatgarten der Familie Engels, dem sogenannten Engels-Garten, ein Gedenkstein aufgestellt worden. In dessen Nähe findet sich, ebenfalls im Stadtauftrag, die 1981 in Anwesenheit des nordrhein-westfälischen SPD-Ministerpräsidenten und des Wuppertaler Oberbürgermeisters, aber bei Abwesenheit der CDU-Funktionsträger enthüllte Marmorskulptur des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka, die wegen ihrer visuellen Gedankenschwere sowie ihres Namens »Die starke Linke« arg umstritten ist. Die 2014 wenige Meter davon entfernt eingeweihte überlebensgroße Statue von Engels (ohne Sockel, aber mit roten Schuhen) des chinesischen Bildhauers Zeng Chenggang wurde Wuppertal mit Zustimmung der CDU-SPD-Koalition des Rates der Stadt von der Volksrepublik China geschenkt - aber genau deswegen wird sie vielfach und bis heute abgelehnt.

Die inhaltliche Reichhaltigkeit dieses Engels-Bandes bedeutet kein Miteinander von Autoren, sondern ein Nebeneinander, nur zu oft gar ein Gegeneinander. Die Argumentationsfreiheit hat ihren Preis, aber auch ihren Wert.

Rainer Lucas/Reinhard Pfriem/Dieter Westhoff (Hg.): Arbeiten am Widerspruch. Friedrich Engels zum 200. Geburtstag. Metropolis, 596 S., geb., 48 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung