Quadratisch. Praktisch. Okay.

Die Instagram-Poetin Yrsa Daley-Ward kommt ohne Umweg zum Punkt, bleibt da dann aber oft stehen

Von Temye Tesfu

Sie sind die Walgesang-CDs unter den Gedichten. Die Rache von Autorinnen of Color am weißen Literaturbetrieb. Von der Netzhaut unter die Haut! Oder - aus dem Netz, ohne doppelten Boden. Die Rede ist von den gefühlsbetonten Poemen im Kachelformat, die online Hunderttausende Leser*innen finden und sich in gedruckter Form bisweilen millionenfach verkaufen. Leidenschaftlich scheiden sich die Geister an ihnen: Instagram-Gedichte.

Mit »In den Knochen« von Yrsa Daley-Ward veröffentlicht Blumenbar, also der Aufbau-Verlag als erstes Traditionshaus die Textsammlung einer Instapoetin in deutscher Übersetzung. Während sie im anglophonen Raum seit Jahren ein ernstzunehmendes Phänomen ist, spielt Instalyrik auf Deutsch bisher kaum ein Rolle. Ein Vergleich findet sich am ehesten 2014 und dem hiesigen Comeback poetischer Empfindsamkeit durch die virtuelle Hintertür, als ein Gedicht auf Youtube Jörg Pilawa und mit ihm halb Deutschland zu Tränen rührte. Mittlerweile hat Julia Engelmann ihren sechsten Gedichtband vorgelegt. Es ist ihr sechster Bestseller. Weit trägt der Vergleich natürlich nicht. Yrsa Daley-Ward ist Schwarz, queer, nigerianisch-jamaikanischer Herkunft und wuchs im Kleinstadtengland ihrer frommen Großeltern auf. Ihr Leben ist der Stoff, aus dem Melodramen sind. Depression, die Abwesenheit der Eltern, sexualisierte Gewalt. Sie hat mehr zu erzählen als Engelmann. Erzählt sie es auch besser?

Daley-Ward spricht mit der Abgeklärtheit des Hintersichgelassenhabens. Die oft tagebüchelnden Texte lesen sich dabei wie Selbsthilfetipps eines lyrischen Ichs an das Publikum und sich selbst. Es wäre spannender, wenn der Ratgeberduktus mit weniger didaktischem Ernst und mehr Formbewusstsein daherkäme, aber er erfüllt seinen Zweck, die schweren Themen mit einem nüchternen Sound zu unterlegen. Was ist es dann, das nach Kitsch schmeckt? Dass Allgemeingültigkeit mit Allgemeinplätzen verwechselt wird vielleicht, z.B. in »Wein«: »Zur Vernunft kommt man nie zu spät./ Siehe, dein Geist ist / gereift.«

Ein Gedicht wie das uneheliche Kind eines Glückskekses und einer Geburtstagskarte. Nach Kitsch schmecken könnte auch der Preis, mit dem eine zwanghafte Zugänglichkeit bezahlt wird: eine Sprache, die Redewendungen aneinanderreiht, statt die Rede, wie es der Schriftsteller Senthuran Varatharajah von Literatur fordert, zu wenden. Eine vorhersehbare Sprache. Überraschungen gibt es indes. So schmecken etwa die »Artischocken« im gleichnamigen Gedicht nach einem Bild, in dem Verlangen und Verzehr ineinander fallen. Hier wird ein Ausdruck gefunden für die Gewalt, die Liebe heißt. Jene stückweise Aneignung des Gegenübers, die seine Zerstörung bedeutet und gleichsam die Vergewisserung des Selbst. Ambiguität wie diese ist leider selten. Allzu oft bleibt die Autorin, die stets ohne Umweg zum Punkt kommt, an diesem stehen. Lässt quasi nichts unausgesprochen. Löst Spannung, wo sie aufkommt, der Eindeutigkeit halber auf - was eine sonderbare Leere im Weißraum hinterlässt, der sich in Lyrikbänden ja umbruchbedingt nicht mit dem Rand begnügt, sondern weit ins Seiteninnere drängt.

Es ließe sich dagegenhalten, dass die Autorin einen gesellschaftlichen Weißraum füllt. Dass sie und ihre Insta-Kolleginnen Menschen ansprechen, die die Gegenwartslyrik nicht erreicht, mit marginalisierten Perspektiven, die kaum stattfinden im Literaturbetrieb. Wenn sie im Titelgedicht die Nummern 1 bis 6 auflistet, die sie sexuell missbraucht haben, ist das gewiss als Akt der Verschwesterung zu verstehen. Empowernde Gebrauchslyrik also? In »Poesie« wird ihre Poetik der Bewältigung noch mal expliziter: »Du kommst mit blauen Flecken davon, / aber das hat Poesie.«

Das klingt nach Lob des Leidens, nach neoliberaler Durchhalteparole. Ist das noch Selbstermächtigung oder sind wir schon bei Christian Lindners dornigen Chancen? Dass Instalyrik als »Begleitmusik der zeitgemäßen Kollektive schlechtweg die Unterdrückung selber verherrlicht«, hätte Adorno vielleicht gehöhnt. Der hat übrigens eh schon alles, was dieser Strömung vorgeworfen wird, gesagt und zwar sehr viel beredter, obgleich er seinerzeit von Jazzmusik sprach. Klar ist: vorerst werden weder Jazz noch Instagrampoeme verschwinden. Können hunderttausende Follower*innen irren? Nein; das ist nicht die Frage. Die Frage ist eine von Habitus und Geschmack, weil die letztlich bestimmen, was wir als Kitsch empfinden. Weshalb sich die Kritiker*innen, die ein Phänomen, das sich dem kanonisierten Lyrikgeschmack entzieht, trotzdem an diesen Maßstäben messen, zu den Wachhunden des herrschenden Gouts machen. In ihrem Gebell gegen die vollendete Marktlogik von Instapoesie entlädt sich die geballte Wut über die Warenförmigkeit von Literatur an sich, in ihrem Winseln die Angst, dass die Lyrikmanufaktur abgelöst werden könnte vom Digitalfließband. Nicht alles muss Zwölftonmusik sein. Nicht alles muss sich für exegetische Tauchgänge eignen. In Badewannen ist das Wasser ebenfalls seicht - und das ist okay.

In den Knochen

Von Nr. 1,
der sagt:
»Nicht weinen, irgendwann gefällt’s dir schon«,

zu Nr. 2, der sich danach bedankt
und dir nicht mehr in die Augen sehen kann,

zu Nr. 3,
der dein Frühstück zahlt,
das Taxi nach Hause,
deiner Mutter die Miete,

zu Nr. 4,
der sagt:
»Aber du hast dich so gut angefühlt,
ich konnte einfach nicht aufhören«,

zu Nr. 5,
der sagt,

den eigenen Körper herzugeben ist nicht ohne,
aber du kannst das richtig gut,

zu Nr. 6,
der nach Zigaretten riecht
und sagt: »Komm schon, ich merk doch, dir gefällt das«,
bis zu jenen, denen es leidtut am Morgen,
ja, manchen tut es leid am Morgen danach,
und manchmal sagen sie zu dir,
du willst es doch auch,
und du glaubst es sogar.

Zum Glück schaffst du’s immer
zurück auf null
jedes Mal
zurück auf null.
Wie sonst vernäht man die Risse?

Wie sonst steht der Körper das durch?

Was weißt denn du schon

Wenn es nach dir geht,
haben Leute wie ich in solchen Läden
unter solchen Leuten nichts zu suchen.

Aber was weißt denn du schon.

Ganz ehrlich, die hellsten Sterne
sind nichts als Tonnen heißer Luft
und Diamanten entstehen nun mal
aus nichts als Staub und Stein und Schmetterlinge, vergiss das nicht, kriechen zu Beginn
auf winzigen Beinchen
durch den Dreck.

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