Verbirkt euch!

Melancholie als Therapeutik: »Plötzlich alles da« von Dorothea Grünzweig. Von Björn Hayer

Von Björn Hayer

Die Romantik stirbt nie, sie bleibt ewiger Sehnsuchtsraum, ewige Kulisse für Träume, Wanderschaft und die Suche nach dem Echten und Wahren. Während sich allerdings die wenigsten deutschsprachigen Lyriker*innen trauen, sich ganz offenherzig dem mal feierlichen, mal traurigen Ton, der sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierte, hinzugeben, um ja nicht unter Kitschverdacht zu geraten, lässt sich Dorothea Grünzweig nicht abschrecken. Ihr eröffnet Poesie die Möglichkeit zur Überwindung der schon von Eichendorff & Co. beklagten großen Entfremdung des Menschen in der Moderne. Der erste Text ihres Bandes »Plötzlich alles da« gibt das visionäre Gegenprogramm ihrer Dichtung vor: »die ganze erdenkleie unseres daseins vor all dem verbindet uns / mit diesen tieren unser streben nach wunschlosem frieden der / jeden augenblick in stücke springen kann«.

Dass in diesen von Sentiment und Innigkeit geprägten Miniaturen nicht alles naive Harmoniedeklaration ist, zeigt sich nicht nur im fragilen Frieden, sondern mithin in den für ihre Lyrik typischen größeren Lücken in den Versen. Immer wieder werden Idyllen aufgerufen, die bedroht sind. Eine Insel wird von einem fremden Menschen angezündet und kann gerade noch vor dem Schlimmsten bewahrt werden. Omnipräsent sind Leid und Schmerz: Kranke, eingesperrte Tiere, verlassene Ehefrauen - sie alle tragen die Last des schweren Daseins. Und die Poesie, die gar als »pietà« benannt wird, trägt mit. Wie Maria, die ihren toten Sohn Jesus im Arm hält, so gewähren auch die Texte der 1952 im württembergischen Korntal geborenen Dichterin den Figuren und Leser*innen Halt. Es gilt das Bekenntnis zur Schwermut und die Devise zu »trauern was in den eigenen kräften steht«. Denn »nur / so kann sich ein Mittel finden das was ihn auslöst zu bezwingen / und sei es in einem einstigen fernen einem traumverlorenen land«.

Woran Grünzweig anknüpft, ist eine inzwischen weit zurückliegende Traditionslinie in der deutschsprachigen Dichtung, an die Melancholielyrik. Verstärkt seit dem 18. Jahrhundert wird die Schwermut immer wieder als Muse beschworen, eilfertig, um den Genius zu inspirieren. Sie vermittelt Tiefe und Einsicht, lässt den von ihr erfassten Geist, wie etwa das Zahlenquadrat auf Dürers berühmten Kupferstich »Melencolia I« zeigt, auf Ordnung in einem chaotischen Dasein hoffen. Erst im Laufe zweier Weltkriege wird sich die Schwermut mehr und mehr verdunkeln, bei Paul Celan etwa zu einer sinnlosen Traurigkeit mutieren. Was sich jedoch durch alle Epochen beständig hält, ist die Idee der Melancholie als Therapeutik. Sie lässt sich demnach bewältigen: im Schreiben und auch im Lesen. Die Sprache fängt auf und ab.

Nicht zuletzt an diesen Grundgedanken knüpft Grünzweig an. Sie löst ihre Subjekte förmlich auf, beschreibt, wie ihre gestorbene Mutter in das All eingeht und ihr Ich gleichsam auf dem Weg in die »weiße landschaft« verschwindet. Das Nichts ist hier nicht das Ende. Es markiert, beinah buddhistisch, einen neuen Anfang. Die Physis hinter sich zu lassen, bedeutet, dass man etwa »endlich endlich durchfeiert [wird] von licht«. Bestenfalls folgt aus dieser aus dem Schmerz initiierten Entwicklung eine Verwandlung. Man kann »verbirkt verespt verahornt werden«. Solche Wortneuschöpfungen veranschaulichen den hohen Wert der Natur in Grünzweigs Gedichten. Man merkt ihnen an, wie sehr sie von der Weite Südfinnlands, wo sie seit 1998 lebt, durchdrungen sind. Sie entstammen der Feder einer Verehrerin, einer, die das satte Grün genauso bewundert wie die langen Winter. Dieses Back-to-the-Roots-Programm verspricht eine wohltuende, feinherbe Lektüre. Dass die Lyrikerin an manchen Stellen den Bogen beim allzu bedächtigen Einfühlen in Flora und Fauna etwas überspannt, gehört jedoch auch zur Wahrheit. Das Pathos birgt auf seiner Schattenseite eben doch häufig Esoterik und Überzeichnung, wie Sätze wie dieser belegen: »wenn die sprache […] / grenzzäume / überwindet ergießt sie sich auf die namenlosen / vor blöße schon spröden farbarmen dinge dann / wirft die hinkende seele ihre krücken von sich / ist genesen«. Ein bisschen weniger von der poetischen Heilungsdosis hätte es sicherlich auch getan. Nichtsdestotrotz sind Grünzweigs Texte berührende Zeugnisse der Innerlichkeit, ein Lobgesang auf Subjektivität und die Verzauberung durch bildreiche Sprachkunst. Also: gehen wir hinein in die Gefilde, die Schönheit und Schmerz in einer filigranen Synthese vereinen.

naava

je klarer und unbehelligter von sauren bildern der
schädigenden bilderflut desto mehr naava bartflechten
wachsen im haus die sich auch betbartflechten nennen
rukous naava und ihre artverwandten runous- und
rakkausnaava wachsen gedicht- und liebesbartflechten

runous- rukous- rakkausnaava winden sich ineinander
sie hängen als tropfen und herzen an fenstern wänden
und decken zusammengerollt in sich gekehrt oder uns
zugewandt aufgeschlagen und grünpflanzen die
tanzen suchen ihre nähe umfangen sie werden zu
rukous- runous- rakkausranken in jeder beziehung
ein dichter zusammenhalt durch den wir nicht fallen können

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