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Carson geht weiter

Für Anne Carson gibt es keine festen Grenzen, nicht zwischen Poesie und Essay und nicht zwischen Antike und Moderne. Von Jakob Hayner

Von Jakob Hayner

Als dieses Jahr der sowohl mit ewigem Ruhm als auch üppigem Preisgeld verbundene Literaturnobelpreis vergeben wurde, fiel bei den kurz vor der Bekanntgabe üblichen Rate- und Wettspielchen auch der Name Anne Carson. Nicht, dass dieser dem deutschsprachigen Publikum so viel geläufiger gewesen wäre als die dann überraschend benannte Louise Glück. Carson wie Glück sind beide nordamerikanische Lyrikerinnen, was für die 1950 im kanadischen Toronto geborene Carson bei einem mehr oder weniger streng nach Quotierungen wie Erdteil, Geschlecht, Gattung und politische Haltung organisierten Verfahren bedeuten dürfte, auch in den nächsten Jahren kaum berücksichtigt zu werden. Lässt man den überschätzten Preistrubel einmal beiseite, lohnt es sich wirklich, Carson zu entdecken. Umso erfreulicher, das in den vergangenen Monaten gleich drei Werke von ihr auf Deutsch erschienen sind.

Die um Juni gehaltene Berliner Rede zur Poesie unter dem Titel » Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte« kann man getrost als eine knappe Einführung in ihr Werk nehmen. Irrtümer, so beginnt sie, dienen in der Dichtung zur Erkenntnis. Das sei das »wahre Irren der Poesie«, der Übergang vom Bekannten zum Unbekannten in der Sprache, auf dem einen die Metapher leitet. Carson bewegt sich wie geradezu traumwandlerisch in der antiken Literatur - sie studierte Griechisch und lehrt Altphilologie -, aber auch im literarischen Kanon der klassischen Moderne von Flaubert über Joseph Conrad bis Franz Kafka. Gerade die Selbstverständlichkeit, mit der sie Literatur- oder Philosophiegeschichte benutzt, rückt die Gegenstände auch an den Lesenden heran. Denn all die niedergeschriebenen Gedanken, die Zeugnisse der Sprache des Geistes, bilden gewissermaßen die natürliche Umgebung von Carson.

So fremd Carson das Ehrfürchtige oder Dünkelhafte ist, so wenig existieren in ihrem Werk die festen Grenzen zwischen Poesie und Essay oder Antike und Moderne. In der Gedichtsammlung »Irdischer Durst« finden sich höchst unterschiedliche gearbeitete Texte - von »Mimnermos: Die Hirnsexbilder« in Auseinandersetzung mit dem antiken Dichter über Streifzüge durch Städte und kurzen Aphorismen bis zu Langgedichten über Renaissancemalerei und philosophische Phänomenologie. Dass sich die Texte einfach erschließen würden, lässt sich dabei kaum behaupten. Die rhythmischen und sprachlichen Feinheiten werden oft erst zugänglich, wenn man sie wirken lässt. Doch auch das Widerstrebende und Schwerverständliche hat seinen Reiz - insbesondere wenn es wie bei Carson dienen soll, sich dem Unbekannten zu nähern. Der Wirklichkeit fragend zu begegnen, bewirkt das formal betont Uneinfache der Texte.

Als die beeindruckendste der Neuerscheinungen muss man »Der bittersüße Eros« preisen. Im Original bereits 1986 erschienen, stammt diese in der Sache zwar verzwickte, in der Sprache aber erfrischend jargonfreie Studie aus der heroischen Phase der Postmoderne, also aus Zeiten, als die Dekonstruktion noch sexy war. Carson beginnt bei Sappho und Sokrates und geht bis Virginia Woolf und Jacques Lacan, um zu erkunden, was das Begehren ausmacht. Der bittersüße oder - von der Reihenfolge her meist - süßbittere Eros ist Gegenstand zahlreicher Werke der Dichtkunst. Gemeint ist die Ambivalenz von Lust und Schmerz oder auch Liebe und Hass. Doch Carson geht noch weiter. Die Ambivalenz ist ihr wiederum Ausdruck dessen, dass man sich dem Unbekannten nähert - in sich und in anderen. Und das macht ein ausgesprochen gemischtes Gefühl, in dem Lust und Angst zusammenfinden.

Das Begehren öffnet einen Abgrund, es bestätigt nicht, sondern stellt infrage, es vervollständigt nicht, sondern schafft ein Wissen um den Mangel. An den Rändern des Bekannten schlägt die Einbildungskraft Funken, die nach Carson der Kern des Begehrens ist. Und des Denkens überhaupt. Die Poesie hat eine gewichtige Funktion, diesem Begehren im modernen Subjekt einen Ort und eine Sprache zu geben. Bei Carson greifen das Dichten und das Denken ineinander und wecken so die Ahnung, dass es jenseits dieser Trennung doch noch etwas zu gewinnen gäbe.

Über Haupt und Neben

Zu den Hauptsachen gehören Wind, das Böse, ein gutes Schlachtross, Präpositionen, unerschöpfliche Liebe,

die Art der Königswahl. Zu den Nebensachen zählen Schmutz, die Namen philosophischer Schulen,

in Stimmung sein oder ohne, Pünktlichkeit. Alles in allem gibt es mehr Nebensachen, als ich hier notiert habe, aber sie aufzulisten entmutigt. Wenn ich mir vorstelle, wie du das hier liest, möchte ich nicht,

dass es dich gefangen nimmt und du von deinem eigenen Leben abgetrennt wirst

durch einen glasbespickten Maschendrahtzaun,
grad wie Elektra.


Was ist Leben ohne Aphrodite

Indem er seine Leitfrage stellt, erscheint er als
unbändiger Hedonist.

Hinein in deinen Honigtöpfchenschaft mit ihrem Erz - sonst
Tod? denn ja

wie wonnig ist es in ihr zu schwimmen das verstohlene
Schwimmen
Von Männern und Frauen aber (nein) schon
härtet sich Nachthaut darüber (nein) schon Bandagen

Verkrustet mit Altmännergeruch (nein) schon
Schwarz geworden die Schale kein Freund kein Knabe keine Frau
keine Sonne (nein) keine (nein)
Sporen ( nein ) sobald
Gott kein schroffes Nichts seine Faust
um dich schließt.

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