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Per Chat zurück ins Erwerbsleben

Universität Ulm untersucht Möglichkeiten digitaler Unterstützung für ältere Arbeitslose

  • Von Dirk Farke
  • Lesedauer: 4 Min.
Langzeitarbeitslose können sich oft keinen Computer leisten.
Langzeitarbeitslose können sich oft keinen Computer leisten.

Als zu Beginn der 2000er Jahre die damalige rot-grüne Bundesregierung die Agenda 2010 einführte, waren zunehmende Verarmung und Verelendung die voraussehbaren Folgen für die Betroffenen. Wie außerordentlich schwierig es im Jahre 15 nach der Einführung von Hartz IV ist, die von jeglicher gesellschaftlicher Teilhabe endgültig Ausgegrenzten zurück in die Gesellschaft zu holen, belegt eine wissenschaftliche Studie, an der auch die Bundesagentur selbst beteiligt ist.

Am Institut für Business Analytics der Universität Ulm untersuchen Forscher seit Langem, wie sich Teilnehmer einer sogenannten Peergroup, also eine Gruppe Gleichgesinnter mit denselben Interessen und Bestrebungen, per digitalem Chat austauschen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Forschungsleiter Mathias Klier nennt als positive Beispiele die Themen Abnehmen, Erziehung und Gesundheit. In einem Vorprojekt mit der Bundesagentur für Arbeit habe man festgestellt, dass digitale Peer-Gruppen auch Jugendlichen bei der Arbeits-, Ausbildungs- und Studiensuche helfen.

Daraus, erklärt der Inhaber der Péter-Horvát-Stiftungsprofessur für Betriebswirtschaftslehre (BWL) gegenüber »nd«, sei die gemeinsame Idee für das Projekt DIGIPEG entstanden: Ein freiwilliges Angebot, den digitalen Peer-Gruppen-Austausch auch älteren Arbeitslosen über 50 zugänglich zu machen.

Der Chat in den Gruppen mit bis zu 30 Teilnehmern erfolgt anonym. Interessierte können sich eine bestimmte App auf ihr Smartphone oder ihren Laptop herunterladen und zu jeder Tages- und Nachtzeit miteinander kommunizieren, ohne Namen, Adressen oder andere private Informationen von sich preisgeben zu müssen. Ein Moderator oder eine Moderatorin von der Arbeitsagentur unterstützt bei Problemen oder beantwortet Fragen zu Fortbildungsmöglichkeiten, finanzieller Unterstützung und ähnlichem. Die Teilnehmer sollen von ihren gegenseitigen Erfahrungen profitieren, eine gemeinsame Motivation entwickeln oder Unterstützung erfahren, die anders schwer zu finden ist.

Alle Teilnehmer müssen jeweils zu Beginn und am Schluss des dreimonatigen Projektes einen Fragebogen ausfüllen. Die Wissenschaftler der Uni Ulm werten dann die Inhalte der anonymen Chats aus. Bisher haben an dem Projekt, das auch das baden-württembergische Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau mit knapp 200 000 Euro unterstützt, rund 500 »Kunden« aus 15 baden-württembergischen Arbeitsagenturen in 25 Chatgruppen teilgenommen, so eine wissenschaftliche Mitarbeiterin. Wirtschaftsmathematiker Mathias Klier zeigte sich gegenüber »nd« beeindruckt von den ersten Zwischenergebnissen: »Die Teilnehmer der digitalen Peer-Gruppen verbessern ihre Bewerbungsaktivitäten signifikant und werden häufiger zu Bewerbungsgesprächen eingeladen.«

Konkret stieg die mittlere Zahl an abgeschickten Bewerbungen unter den Teilnehmenden im Schnitt um 40 Prozent an, die Zahl an Bewerbungsgesprächen verdoppelte sich. Diese Entwicklung wurde wissenschaftlich unter Einbezug einer Kontrollgruppe analysiert, die für beide Größen eine konstante Entwicklung aufwies. »Somit konnten signifikant positive Effekte der digitalen Peer-Gruppen-Beratung nachgewiesen werden«, erläutert der Forschungsleiter.

In Zeiten der Pandemie mit geschlossenen Arbeitsagenturen und Jobcentern, in denen Langzeitarbeitslose nicht wie sonst in regelmäßigen Abständen zur Überprüfung ihrer Bewerbungsaktivitäten eingeladen werden können, liegt es nahe, die Chatmöglichkeiten auch Hartz IV Empfängern zu ermöglichen, dachten sich Forschung und Verwaltung. Die Resonanz hierauf hatten sie sich allerdings etwas anders vorgestellt. Ausgewählt wurde das Jobcenter Breisgau-Hochschwarzwald mit 240 registrierten Langzeitarbeitslosen über 50 Jahren. Wie Dagmar Manser, Geschäftsführerin des Jobcenters auf nd-Anfrage mitteilte, wurden alle infrage kommenden Personen angeschrieben, über das Projekt informiert und gebeten, sich zu beteiligen. »Ungefähr fünf«, so die Geschäftsführerin, waren letzten Endes dazu dann auch bereit. Man habe das Vorhaben dann auf vier weitere Jobcenter im Land ausweiten müssen, um überhaupt eine chatfähige Größe zusammenzubekommen.

So konnte man am 5. Oktober immerhin mit 13 Teilnehmenden beginnen, und bis Ende Oktober konnten noch einmal sechs weitere Personen zum Mitmachen überredet werden. Gefragt nach den Gründen sagte die Geschäftsführerin: »Die Benachrichtigungen erfolgten kurzfristig mit wenig Vorlauf. Insbesondere bei freiwilligen Maßnahmen gibt es immer sehr wenig Resonanz, vor allem bei denjenigen, die schon länger im Leistungsbezug sind. Hätte man die Möglichkeit gehabt, die Leute vorher noch einzuladen, wäre die Resonanz sicher größer gewesen«, ist sich Dagmar Manser sicher.

Etwas skeptischer in Bezug auf die Resonanz der Beteiligung von Hartz-IV-Empfänger und dem Gesamtprojekt gegenüber ist Inge Zeller, Beraterin der Freiburger Initiative gegen Arbeitslosigkeit. »Langzeitarbeitslose sind weitestgehend finanziell nicht dazu in der Lage, sich mit den notwendigen Geräten auszustatten, um an solchen Projekten teilzunehmen. Außerdem fehlt ihnen natürlich die Kenntnis und das Know How, um an digitalen Projekten zu partizipieren«, berichtete Inge Zeller aus der Praxis.

Mit Blick auf die zugesicherte Anonymität ruft die Beraterin zur Vorsicht auf. Zudem sei grundsätzlich nicht nur zu fragen, wie viele der Erwerbslosen vermehrt zu Vorstellungsgesprächen eingeladen würden, sondern auch, wie viele tatsächlich eingestellt werden und zu welchen Konditionen. Grundsätzlich werde die Bezahlung nämlich immer schlechter, je länger die Betroffenen keine neuen Stellen fänden.

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