Werbung

Jeder fünfte Berliner ist arm

Coronakrise in der Hauptstadt trifft Kinder und Prekäre am heftigsten

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Jüngsten trifft es am härtesten: Mindestens 27 Prozent, das heißt 161 000 Berliner Kinder und Jugendliche leben in Armut. »Das finden wir am krassesten und es besorgt uns besonders«, sagt Hermann Pfahler am Montag zu »nd«. »Wir müssen unsere Zukunft besser behüten«, meint Pfahler, der jahrzehntelang in der Wohnungslosenhilfe in Berlin tätig war.

Er ist seit 2011 Sprecher der Landesarmutskonferenz Berlin (LAK), zusammen mit Barbara Eschen, der Direktorin des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Pfahler bereitet sich gerade auf die Online-Mitgliederversammlung der LAK vor, die am Montagnachmittag beginnt. 60 Organisationen, darunter große Sozialträger wie das Deutsche Rote Kreuz, die Caritas, die Arbeiterwohlfahrt, die Diakonie und die Volkssolidarität, aber auch kleinere wie das Berliner Arbeitslosenzentrum oder der Verein »Obdachlose machen mobil« beraten in der LAK seit 2009 Strategien, wie die wachsende Armut in der Hauptstadt bekämpft werden kann. In diesem Jahr ist das angesichts der Coronakrise umso wichtiger.

Armut in der Hauptstadt nimmt zu

Menschen leben auf unterschiedliche Weise in Armut, aber klar ist: Mindestens 750 000 Berliner*innen sind davon betroffen, die Dunkelziffer ist noch höher. Nach Armen muss man in der Hauptstadt nicht lange suchen: Viele alte Menschen, Alleinerziehende, Arbeitslose, prekär Beschäftigte, aber auch Menschen mit Behinderungen, Geflüchtete und eben viele Kinder wissen nicht, was es heißt, das Geld für Miete, Essen, Kleidung, medizinische Versorgung sowie Bildung und Kultur jederzeit und unbeschränkt zur Verfügung zu haben. Ganz im Gegenteil, vielen mangelt es trotz - oder gerade wegen - des Bezugs von sozialen Leistungen an der Gewissheit, auch in der zweiten Monatshälfte noch genug zu essen zu haben. Dass die Coronakrise das noch weiter verschärft, ist zu befürchten.

Nach dem jüngste Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, der am vergangenen Freitag veröffentlicht wurde, liegt die Armutsgefährdungsquote in Berlin deutlich über dem Bundesdurchschnitt. 2019 waren in der Hauptstadt 19,3 Prozent der Menschen von Armut bedroht, ein Zuwachs um 13,5 Prozent gegenüber 2006. Schlechter schneiden nur Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ab (»nd« berichtete). Das deutschlandweite Mittel lag bei 15,9 Prozent. Das sind 13,2 Millionen armutsgefährdete Menschen - der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Das Land mit der niedrigsten Armutsquote ist laut der Studie Bayern (11,9 Prozent). Basis der Studie waren unter anderem Daten des Statistischen Bundesamtes. Armut wird in Deutschland über das Haushaltseinkommen und die daraus folgenden Möglichkeiten zu gesellschaftlicher Teilhabe definiert. Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet.

Kinder und Familien brauchen Platz

Aus der Sicht von LAK-Sprecher Pfahler ist Armut nicht ausschließlich ein Problem des Geldes. Auch Ausgrenzung, wie sie beispielsweise viele Menschen mit Migrationshintergrund tagtäglich erleben, spiele eine Rolle, erklärt der Sozialberater. Er hat konkrete Vorschläge, wie das Land Berlin verhindern könnte, dass sich die Situation noch weiter verschärft: »Es darf nicht mehr zwangsgeräumt werden«, fordert Pfahler. »Familien brauchen Wohnungen, und es muss verboten werden, dass Kinder in Unterkünften nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz untergebracht werden.«

»Es ist beschämend, dass Berlin im Bundes-Armutsbericht den vierten Platz einnimmt«, ergänzt Pfahlers Sprecher-Kollegin Barbara Eschen auf nd-Anfrage. »Wir wünschen uns von der Landespolitik, dass noch in dieser Legislaturperiode das Familienfördergesetz verabschiedet wird - als ein Beitrag, um auch armen Familien die soziale Teilhabe zu ermöglichen.« Die Landesarmutskonferenz erwarte darüber hinaus, »dass Armutsbekämpfung grundsätzlich in allen Politikfeldern eine wesentliche Rolle spielt, also in der Stadtentwicklung, Wirtschafts-, Jugend-, Sozial- und Gesundheitspolitik«, so Eschen weiter.

Auch Ursula Engelen-Kefer, Landesvorsitzende des Sozialverbands Deutschland, sieht die gesellschaftlich Benachteiligten als »Opferlämmer der Pandemie«, wenn nicht verhindert werde, dass die soziale Sicherung im Alter sowie bei Krankheit, Pflege, Behinderung und Arbeitslosigkeit weiter abgebaut wird.

Corona-Ausgleich für arme Menschen

Im Namen der Berliner Sozial- und Wohlfahrtsverbände des Sozialgipfels fordert sie, die Grundsicherung zu erhöhen und an Hartz-IV-Empfänger*innen einen »Corona-Ausgleich« von 100 Euro im Monat zu zahlen. Darüber hinaus bräuchten die Beschäftigten in den Gesundheits-, Pflege- und Versorgungsberufen »anständige Löhne und humane Arbeitsbedingungen«. Unabdingbare Voraussetzung sei hier die umgehende Aufstockung von Personal. Geflüchteten Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften leben müssten, sei dringend bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung zu stellen, »auch um ihr erhöhtes Infektionsrisiko zu verringern«.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, bescheinigt der Bundesregierung anlässlich des neuesten Armutsbericht »armutspolitische Ignoranz«, ja, eine »bewusste Verweigerung«. Bedrückend sei, so Schneider weiter, dass die Armutsquote bei den ohnehin seit Jahren abgehängten Gruppen von 2018 auf 2019 erneut zugenommen hat.

Beim Berliner Ableger des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, in dem über 800 Vereine Mitglied sind, sieht man das ähnlich. »Gegen Armut hilft vor allem Bildung«, meint Gabriele Schlimper, Geschäftsführerin des Landesverbands. Durchlässige Bildungssysteme und die Chance auf lebenslanges Lernen für alle verhinderten Brüche in Erwerbsbiografien und ermöglichten Quereinstiege in neue Berufe. So können Menschen aktiv vor Armut bewahrt werden. »Wir erwarten von der rot-rot-grünen Regierung, dass - neben kurzfristigen Hilfsprogrammen - auch langfristige Unterstützungsangebote geschaffen werden.« Zuverlässige Bildungs- und Betreuungsangebote in Schulen und Kitas seien unerlässlich, damit die Eltern arbeiten können und die Kinder nicht gesellschaftlich abgehängt werden. Wichtig sei aber vor allem die gezielte Unterstützung einkommensschwacher Haushalte, die in der Krise besonders von Armut bedroht sind.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln