Werbung

Vergiftetes Klima im Nationalpark

Im Kongo treffen Umweltschützer auf eine wachsende, arme Bevölkerung

  • Von Judith Raupp, Bukavu
  • Lesedauer: 7 Min.

»Ich werde nicht aufhören, für das Klima zu kämpfen, denn es ist ein Kampf auf Leben und Tod«. Diesen Satz hat die schwedische Aktivistin Greta Thunberg bei einem Besuch in Berlin gesagt. Tausende Menschen haben ihr zugejubelt.

Weit weg von Europa, im Dorf Buyungule, jubelt niemand, und es geht eher um Tod als um Leben. »Wir verkümmern«, klagt Cizungu Mavuna. Er ist der Chef der Batwa. So nennen sich die Pygmäen in der Provinz Süd Kivu in der Demokratischen Republik Kongo. Mavuna hockt mit Männern in einer Hütte aus Lehm und Ästen um ein Feuer. Die Alten unter den Batwa schwärmen vom Jagen im Wald, von Champignons, Kräutern und Honig im Überfluss. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Seit Wissenschaftler vor dem Klimawandel warnen, investiert die Weltgemeinschaft einiges Geld, um die Tropenwälder zu retten. So finanziert zum Beispiel die deutsche Entwicklungsbank Kfw seit 20 Jahren im zentralen Afrika Naturschutzprojekte mit 243 Millionen Euro, darunter auch den Nationalpark Kahuzi Biéga im Ostkongo.

Dort lebten die Batwa, bis sie Mitte der Siebziger Jahre verjagt wurden. Sie standen nach Ansicht der kongolesischen Regierung dem Naturschutz im Weg. Auf den 6000 Quadratkilometern mit den üppigen Bäumen und den bedrohten Flachlandgorillas sollten keine Menschen mehr wohnen. Die Pygmäen vegetieren seither am Rande des Nationalparks in Dörfern wie Buyungule.

»Gerade haben Bauern wieder einen von uns erschlagen, weil er Kohl vom Feld geklaut hat«, klagt Batwa-Chef Mavuna, während er an Hütten vorbei führt, die eher Ställen gleichen als Unterkünften für Menschen. Kleine Kinder liegen im Dreck, die Kleider sind schmutzig und zerrissen. Ein Betrunkener pöbelt. Eine Frau versucht, Feuer in Gang zu bringen, damit sie die einzige Mahlzeit am Tag kochen kann. Wie andere Anrainer wildern manche Batwa im Nationalpark oder fällen heimlich Bäume, um Holzkohle fürs Kochen herzustellen.

»Die schiere Not treibt sie an«, entschuldigt Anwalt Innocent Ntakobanjira den Gesetzesbruch. Er vertritt die Batwa. Sie haben den Staat verklagt, als sie vertrieben wurden. Seit fünf Jahren liegt der Fall bei der Afrikanischen Kommission der Menschenrechte und der Rechte der Völker mit Sitz in Gambia.

Ntakobanjira blickt in der Stadt Bukavu von seinem Büro aus auf einen Hinterhof, wo Unterhosen und Röcke auf der Leine hängen, Kinder spielen und Frauen lachen. Er deutet auf eine Karte des Kahuzi-Biéga-Parks, 35 Kilometer außerhalb der Stadt, und zeigt mit dem Finger auf einige Punkte. »Hier überall regiert die Gewalt«, erzählt er. Ranger erschießen Batwa, Batwa töten Ranger. Beide Seiten bezichtigen sich schlimmster Verbrechen.

Der Kahuzi-Biéga-Park ist nur ein Beispiel für den Streit zwischen Umweltschützern und einer wachsenden, armen Bevölkerung, die immer mehr Holzkohle und Felder braucht. Im Kongobecken geraten Bauern, Hirten, Jäger und Sammler mit Parkwächtern aneinander - trotz aller Dialoge und sozialer Projekte, die westliche Regierungen bezahlen.

Einen besonders gravierenden Fall hat die britische Rainforest Foundation dokumentiert. Sie beschuldigt Wächter des kongolesischen Salonga-Parks der Vergewaltigung, des Mordes und der Folter. Der World Wildlife Fund (WWF) verwaltet den Park gemeinsam mit dem staatlichen Naturschutzinstitut des Kongo ICCN. Seit zwei Jahren untersucht der WWF die Vorfälle, veröffentlicht aber keine Ergebnisse.

Die Vorwürfe haben das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) aufgeschreckt, sodass es Anfang des Jahres die Hilfe für das ICCN, und damit für alle Nationalparks, eingefroren hat. Das ICCN verwaltet sämtliche Naturschutzgebiete im Kongo, auch den Kahuzi-Biéga-Park. Dessen Direktor De-Dieu Bya‘ombe blättert schlecht gelaunt leere Post-it-Zettel auf seinem Schreibtisch um und ist genervt. »Nur wegen der Salonga-Affäre« habe die Kfw das Geld bis auf wenige Zahlungen gestrichen, klagt er. Schuld sind nach seiner Meinung einzig die anderen, obwohl auch seine Ranger immer wieder mit Anwohnern des Parks in tödlichen Streit geraten. Bya‘ombe versichert, dass er den Pygmäen gerne helfen würde. Schließlich sind ihnen seit langem Land, Häuser und Arbeit versprochen. Aber nun fehlten die Mittel, just in einem Moment, in dem man den Dialog mit den Batwa gesucht habe, moniert der Direktor.

Bya‘ombe managt den Park nicht allein. Ein Berater der deutschen GFA Consulting steht ihm zur Seite. Trotzdem nimmt der Streit mit den Batwa an Schärfe zu. Vor kurzem bezichtigte der Sprecher des Parks eine lokale und eine internationale Organisation, die sich für die Batwa einsetzen, zur Gewalt aufzurufen. Man müsse sich gar fragen, ob diese Organisationen Waffen lieferten. Beweise blieb der Sprecher schuldig.

Die Aktivisten bezeichnen die Vorwürfe als haltlos, sehen gar ihr Leben in Gefahr. Denn in einem Land, wo Korruption und Gewalt, Armut und Manipulation herrschen, werden potenzielle Gegner schnell aus dem Weg geräumt.

Das vergiftete Klima im Kahuzi-Biéga-Park geht nach Ansicht des entwicklungspolitischen Sprechers der Grünen-Bundestagsfraktion, Uwe Kekeritz, und der Obfrau im Entwicklungsausschuss für Die Linke, Eva-Maria Schreiber, auch das BMZ als Geldgeber etwas an. Sie werden nächste Woche im Ministerium ein Gespräch über den Kahuzi- Biéga-Park führen. Unter anderem fordern die Abgeordneten, das ICCN müsse glaubhaft beweisen, wie es Gewalt verhindern wolle, bevor das BMZ erneut Geld überweise.

Batwa-Chef Mavuna hat inzwischen seine Leute auf dem Dorfplatz versammelt. Sie wollen nicht über den Streit mit dem Park reden. »Das gibt nur Ärger«, fürchtet Mavuna. Die Batwa wollen lieber erzählen, was sie sich wünschen. Ein Jugendlicher will Ausbildung und Arbeit. Eine Frau will nach Dubai reisen, um Waren zu kaufen und im Kongo ein Geschäft zu eröffnen. Die meisten wollen Häuser aus Stein, Felder, Schulen und eine Krankenstation. Vom Leben im Wald, wie es früher war, spricht niemand.

Den Einheimischen zuhören, das rät Joe Eisen, Direktor der Rainforest Foundation in Großbritannien. Er hält es grundsätzlich für eine falsche Strategie, Nationalparks über die Köpfe der Bevölkerung hinweg auszuweisen und die Menschen mit Waffengewalt draußen zu halten. »Damit verhindern wir nicht, dass illegal abgeholzt wird. Das schützt weder den Tropenwald noch das Klima«, sagt er am Telefon.

Eisen plädiert für gemeinschaftlich verwaltete Zonen, wo die Anrainer untereinander aushandeln, welche Flächen für Bauern, welche für Sammler und Jäger reserviert sind, und welche unangetastet bleiben. Solche Projekte laufen bereits in verschiedenen Ländern.

Kambale Buthelezi arbeitet für eine Menschenrechtsorganisation und richtet gerade einen solchen Gemeindewald am Rande des Virunga Nationalparks ein, einige 100 Kilometer nördlich des Kahuzi-Biéga-Parks. Es sei nicht immer einfach, erzählt er. Die Menschen haben verschiedene Interessen. Aber er ist trotzdem überzeugt, dass der Ansatz der richtige ist, um Konflikte zu lösen.

Der Kahuzi-Biéga-Park versucht es anders. Während Ranger mit Gewehren vor dem Hauptsitz sitzen und plaudern, sendet gegenüber das Radio Gorilla. Es soll die Batwa und den Park einander näher bringen. »Aber einige Pygmäen bedrohen uns. Sie bezweifeln unsere Unabhängigkeit, weil die Redaktion im Park ist«, erzählt eine Journalistin, deren Name anonym bleiben soll. Die Redaktion müsse zudem aufpassen, die Parkverwaltung nicht zu brüskieren. »Wir sitzen zwischen allen Stühlen«, erzählt sie.

Ranger Juvenale Munganga schüttelt über all den Ärger frustriert den Kopf. Er arbeitet seit 16 Jahren für den Park, kennt jeden Baum, jedes Tier und zeigt Knochen von Elefanten und Affen. Er lächelt tapfer, aber er hat Sorgen. Seit die Kfw das Geld nicht mehr schickt, erhält Munganga nur noch den halben Lohn, weil der Zuschuss zum mickrigen staatlichen Gehalt des ICCN fehlt. Seine acht Kinder wurden von der Schule und der Universität gejagt. Er kann die Gebühren nicht mehr bezahlen. Essen wird rationiert. Er will zwar nicht klagen, aber etwas beschäftigt ihn: »Wir plagen uns alle, weil die Welt das Klima retten will. Aber niemand hier kann leben.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln