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Wieder liegen geblieben

Der Wanderzirkus Salino ist ständig auf einer Odyssee - aber diesmal bestimmt er nicht, wohin die Reise geht

  • Von Stefan Otto
  • Lesedauer: 7 Min.

Drei Männer spielen auf dem Schotterplatz Fußball. Übermütig wie herumtollende Kinder. Dustin Urban, ein Muskelprotz, nimmt den signalfarbenen Ball in die Hand und schießt ihn in die Höhe, zehn Meter kerzengerade nach oben, vielleicht auch zwölf. Dann steigen die drei in einen schwarzen Mercedes mit Auricher Kennzeichen und fahren los. Ihre Mutter bleibt zurück im Wohnwagen. Carola Urban passt auf ihre blinde Nichte auf, die einen Säugling auf dem Schoß hat. »Die Jungs holen Futter. Jetzt ist keiner mehr da.« Draußen auf dem verwaisten Gelände kläfft ein halbes Dutzend Hunde.

Der Zirkus Salino war auf dem Schützenplatz in Duderstadt am südlichen Harzvorland gestrandet, als gerade der Frühling begann. Jetzt ist es Anfang September, und er hat sein Quartier noch immer auf dem geschotterten Platz am Ortsrand. Die Stadtverwaltung hat der 13-köpfigen Familie erlaubt zu bleiben. In den offenen Stallzelten dösen Kamele, Lamas und Pferde. Etwas weiter stehen Wohnwagen.

Herzstück des Quartiers mit den cremefarbenen Trailern ist der geräumige Küchenwagen. Carola Urban schenkt Cola ein und erzählt von den anfallenden Arbeiten beim Zirkus. »Zu tun gibt es immer genug. Auch wenn wir keine Aufführungen haben. Der Fuhrpark muss gewartet werden und die Tiere versorgt sein. Alle müssen mit anpacken.« Natürlich trainieren ihre Kinder, die Artisten, weiter. »Jonglieren brauchen sie nicht mehr groß üben. Das ist wie Fahrradfahren, das verlernst du nicht«, sagt sie. »Aber sie müssen fit bleiben und sich weich machen.« Sie wird vom Telefon unterbrochen und erklärt dem Anrufer etwas barsch, dass sie gerade keine Zeit habe. Carola Urban ist eine energische Person, Mitte fünfzig, die den Familienzirkus beisammen hält. Bei den Aufführungen führt sie durch die Show und kündigt die Artisten an.

Bürgermeister als Ratgeber

Thorsten Feike blättert im Kalender. Er weiß noch, wie der Zirkus im März von einem Tag auf den anderen keine Aufführungen mehr geben durfte. »Die Urbans hatten schon 600 Euro für die Platzmiete bezahlt und 750 Euro Kaution hinterlegt. Da haben wir beschlossen, ihnen die Gelder zu erstatten.« Der Bürgermeister von Duderstadt erinnert sich, wie er mit der Zirkusfamilie zusammengesessen hat und sie gemeinsam überlegten, wie sie mit der Notlage umgehen könnten. »Natürlich dürfen wir nicht einfach Geld fließen lassen. Aber wir gaben ihnen Tipps. Dass die Artisten sich beispielsweise arbeitslos melden konnten, um staatliche Hilfe zu bekommen.«

In der Stadt gab es viel Unterstützung für den Zirkus. Landwirte brachten Heu für die Tiere vorbei, Vereine spendeten. Auch der Ortsverband der Liberalen, Feikes Partei, überreichte eine Spende, damit Futter gekauft werden konnte. »Viele Duderstädter haben den Zirkus als Dauergast positiv aufgenommen«, meint der Bürgermeister. Nur wenige hätten gefragt, wie lange der Wanderzirkus denn noch auf dem Schützenplatz campieren würde.

Die Auftritte im Sommer waren an einer Hand abzuzählen. Der Zirkus trat auf der Dachterrasse eines Pflegeheims auf und gab ein Gastspiel bei der Heinz-Sielmann-Stiftung auf dem Gut Herbigshagen. Den Urbans tat es gut, ein Lebenszeichen von sich zu geben. »Da hatten wir endlich mal wieder das Gefühl, vor einem Publikum zu spielen«, erzählt Carola Urban. Auch wenn das nur wenig Geld eingebracht habe. »Natürlich haben wir immer wieder geschaut, wann wir wieder losdürfen.« Aber die vielen unterschiedlichen Hygieneregeln und Verbote machten das lange unmöglich. Also nutzten die Artisten die Zeit, um an einem neuen Programm zu arbeiten. Sie haben das Stahlgerüst des großen Zelts aufgebaut und auf einer schmalen Hochebene eine Nummer eingeübt.

Nur wenige staatliche Hilfen

Wanderzirkusse tingeln gewöhnlich neun oder zehn Monate im Jahr durch die Gegend. Nicht alle sind so groß und berühmt wie der Zirkus Krone oder der zeitgenössische Flic Flac. Unter den rund 300 Wanderzirkussen gibt es viele kleinere wie den der Familie Urban. Sie alle machen die künstlerische Vielfalt der Zirkuslandschaft aus, darüber besteht eigentlich kein Zweifel. »Aber Zirkusse müssen kämpfen, um als Kultur anerkannt zu werden«, erzählt Sophia-Marie Luftensteiner von der Bundesarbeitsgemeinschaft Zirkuspädagogik. »Offiziell fallen sie nämlich unter das Reisegewerbe.« Über ihren Verein können sie aber dennoch staatliche Coronahilfen aus dem Fonds Neustart Kultur bekommen. »Allerdings nur für pandemiebedingte Investitionen. Darunter fallen bei einem Zirkus, der häufig hölzerne Sitzbänke hat, wenn er eine neue Bestuhlung anschafft oder Schutzscheiben braucht.« Das Programm ist für all jene Anschaffungen, die für die Einhaltung von Hygieneregeln wichtig sind.

Fünf Millionen Euro stehen Zirkussen dafür zur Verfügung. Allerdings dürfen neben den klassischen Wanderzirkussen auch zirkuspädagogische Projekte und zeitgenössische Zirkusunternehmen, die schauspielerische Elemente in die Akrobatik einfließen lassen, Mittel beantragen. »Von den bisher rund 150 Anträgen entfallen rund 40 Prozent auf Wanderzirkusse«, erzählt Luftensteiner. Damit hat gerade einmal jeder fünfte reisende Zirkus von der Hilfe des Bundes Gebrauch gemacht. Eine andere staatliche Unterstützung gibt es derzeit nicht.

Auch für den Zirkus Salino ist das nicht die Förderung, die er benötigt. Dabei ist dies für das Familienunternehmen die größte Krise überhaupt. »Viel schlimmer noch als in den 90er-Jahren, als die Computerspiele aufkamen und Zirkus sehr an Popularität verloren hatte«, meint Carola Urban. »Das hat sich aber irgendwann wieder eingerenkt. Doch jetzt wird es langsam kritisch.« Was das konkret bedeutet, verrät sie nicht. Ans Aufgeben denkt sie aber nicht, das steht außer Frage. Schließlich ist der Zirkus ihr Leben.

Carola Urban ist beim Zirkus Atlantik aufgewachsen. Seit vier Generationen gibt es ihren Zirkus bereits. »Angefangen hat alles mit dem Uropa«, erzählt sie, »der ist mit Bären umhergezogen und hat Stelzentanz gemacht.« Ihr Mann Frantisek ist ein Handstandakrobat aus Prag, der vor Jahrzehnten von ihrer Familie engagiert wurde. »Vor zwölf Jahren haben wir uns mit einem eigenen Programm selbstständig gemacht.« Als kleiner Wanderzirkus suchen die Urbans die Nähe zu den Kindern. »Solange es Kinder gibt, wird es auch uns geben«, sagt sie etwas trotzig.

Ein Hoffnungsschimmer

Am 27. September ist es endlich soweit; der Zirkus kann weiterziehen. »Wir haben noch eine Gratis-Veranstaltung gegeben, um uns bei den Duderstädtern zu bedanken«, erzählt Carola Urban im Oktober am Telefon. Erst gastiert der Zirkus im niedersächsischen Nordheim, dann zieht er weiter in den Göttinger Vorort Rosdorf. Irgendwo fernab der Zentren, das sind typische Orte, an denen sich Zirkusse für ein Gastspiel niederlassen. Die Aufführung am Samstagnachmittag ist nur mäßig besucht. Drei Dutzend Besucher verlieren sich im Rund, es sind fast nur Eltern mit ihren Kindern gekommen. Eigentlich sind das zu wenige. »Wir brauchen etwa 100 Leute pro Aufführung, dann lohnt es sich«, sagt Carola Urban. Aber den Kindern, die auf Plastikstühlen in der Loge sitzen und staunen, ist das egal. Ihren Applaus saugen die Artisten auf.

In der Pause können die Kinder für zwei Euro zu den Tieren. Futtertüte gibt‘s extra für einen weiteren Euro. Für zwanzig Minuten wird der Zirkus zum Streichelzoo. Zeit für Jessie Urban, der während der Aufführung die Rolle des Zirkusdirektors einnimmt, hinter dem Zelt eine zu rauchen. »Der Regen hat uns gestern überrascht«, sagt er, und zeigt auf die matschige Wiese. Sein schwarzer Frack ist fast bis zu den Knien vollgespritzt. So ist das Leben im Wanderzirkus; widrige Umstände sind ganz nah beim Glanz und der Zauberei. Jessie Urbans Schlussworte sind dann auch voller Pathos. Er redet vom Schweiß und der Arbeit, die einen Zirkus mitsamt der Illusion und der Magie erst ermöglichen.

Nach der Vorstellung herrscht draußen auf dem Festplatz wieder eher triste Realität. »Wir müssen schon gleich mit dem Abbau anfangen«, erzählt die Seiltänzerin Michelle Sperlich. Dabei findet am Sonntag noch eine letzte Vorstellung in Rosdorf statt. »Nur das Notwendige lassen wir noch hier. Sonst schaffen wir den Umzug nach Hannover nicht pünktlich«, erklärt sie. So machten sie es immer. Fast scheint es, als wären sie wieder in die Routine gekommen. Dabei ist die Zahl der Corona-Infizierten Ende Oktober längst wieder angestiegen, und die Zuschauer bleiben weg. »Wir leben mittlerweile von unseren Reserven, die wir uns eigentlich für den Winter angelegt haben«, merkt die Seiltänzerin an.

Die Hoffnungen liegen ganz auf dem Gastspiel in Hannover, einer der Lieblingsorte von Carola Urban. Doch schon drei Tagen später kommt die Gewissheit: Sie dürfen nicht weitermachen. Wieder sind sie gestrandet, und es ist völlig ungewiss, wann es weitergeht. »Wir warten darauf, was die Politik beschließt«, sagt Carola Urban am Telefon kurz angebunden. »Solange können wir nichts machen.«

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