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Die neue Nummer eins

Wolfram Elsner betrachtet das heutige China - jenseits westlicher Vorurteile

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Kein Tag vergeht, da China kein Medienthema ist. Man sieht: Die ökonomische und geopolitische Bedeutung dieses Landes kann nicht mehr verdeckt, nicht mehr bestritten werden. Auch in den »Negativberichten« scheint sie auf, die den Chinesen deshalb nicht wehtun werden, zumal man im uralten »Reich der Mitte« mehr Gelassenheit aufbringt als anderswo. Das Denken in langen Zeiträumen hat Tradition. Und es gibt allen Grund, sich der eigenen Stärke bewusst zu sein.

Die Verzerrungen des China-Bildes in der deutschen Öffentlichkeit - allein schon der Unkenntnis sind sie geschuldet. In der Eile des journalistischen Gefechts wird vielfach übernommen, was man anderswo gelesen hat. Und das ist geprägt von der »Weltlage«. Also vom Eifern der USA, denen sich die herrschende Politik in Deutschland (auch aufgrund ökonomischer Verflechtungen) nach wie vor verbunden fühlt, gegen die aufstrebende Wirtschaftsmacht China.

In der Realität jedoch sind die Beziehungen zwischen Deutschland und China so intensiv wie niemals zuvor. Noch vor Frankreich und den USA ist China wichtigster Handelspartner. Da ist es interessant, den Blick vom Geschrei auf die Wirklichkeit zu lenken. Wolfram Elsner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bremen, kann das, weil er das heutige China aus eigenem Erleben genauestens kennt.

Seit seiner Studentenzeit interessiert er sich für China. Seit er einen Lehrauftrag an der School of Economics in Changchun, im Nordosten von China, bekommen hatte, war er regelmäßig dorthin unterwegs. Nicht nur Flugplätze und Bahnhöfe konnte er mit den hiesigen vergleichen, sondern auch verfolgen, wie sich das Leben der Bevölkerungsmehrheit mit den Jahren verändert hat. Hierzulande die soziale Ungleichheit dort zu bemängeln, ist eine Heuchelei angesichts der sich der in Deutschland vertiefenden Kluft zwischen Arm und Reich, die zu überwinden in China - immerhin unter Führung einer kommunistischen Partei - große Anstrengungen unternommen werden.

Ist China ein kapitalistisches Land? Ja und nein. Gerade die differenzierte Sicht macht Wolfram Elsners Buch so überaus interessant.

Wichtig zu verstehen, dass sich die Verhältnisse geändert haben seit früheren Jahrzehnten, als China die verlängerte Werkbank des Westens war. Was Wolfram Elsner kennengelernt hat, ist eine aufstrebende, effektive Ökonomie, die sich in einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung befindet, was man von der Wirtschaft hierzulande nicht sagen kann. Wie das zu erreichen möglich war? Durch politischen Willen, den durchzusetzen in diesem Riesenland natürlich immer wieder ein Balanceakt ist, für den man auch eine feste Hand braucht. Aber das, so scheint mir, ist der Preis, um private Profitgier zu zügeln im gesellschaftlichen Interesse.

Sozialistische Marktwirtschaft? Planwirtschaft? Ein neuer Sozialismus für das 21. Jahrhundert gar? Das Buch bietet jede Menge Diskussionsstoff, aber vor allem eine Unmenge von Fakten, die unbestreitbar sind und immer wieder mit den persönlichen Erfahrungen des Autors unterfüttert werden. Kein Thema wird übergangen, zu dem Leser Fragen haben könnten: ob Wanderarbeiter oder Umweltverschmutzung, ob Korruptionsbekämpfung oder die Politik gegenüber Minderheiten, Hongkong und Tibet, Zensur und das chinesische Sozialkreditsystem.

Weltsicht in China und Weltsicht im Westen: Unterschiede sind in Betracht zu ziehen. Die eigenen Einstellungen nicht als etwas Absolutes zu betrachten, sondern als etwas Gewachsenes (und Beeinflusstes) - das ist auf jeden Fall ein Lernprozess für ein besseres Verständnis der Welt.

Wolfram Elsner: Das chinesische Jahrhundert. Die neue Nummer eins ist anders. Westend. 384 S., br., 24 €.

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