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Rote Zone Kalabrien

Für das schwache Gesundheitswesen im Süd Italiens könnte schon ein Corona-Hotspot einer zu viel sein

  • Von Wolf H. Wagner, Florenz
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Covid-19-Pandemie - das zeigten die dramatischen Bilder des Frühjahrs - wütete vor allem im italienischen Norden. In der südwestlichen Region Kalabrien sind bisher nur 243 Menschen an Covid-19 verstorben. Eine verschwindend geringe Anzahl gemessen an den bisher 51 306 im Zusammenhang mit Covid-19 in Italien bis dato Verstorbenen. Dennoch stufte die Regierung Giuseppe Contes Kalabrien am 19. November zur »Zona Rossa« ein, zur roten Zone. Die Begründung Roms für diesen Schritt: Das Gesundheitswesen Kalabriens ist einfach in einem zu desolaten Zustand.

Misswirtschaft im Gesundheitswesen und die Unterwanderung durch die kalabrische Mafia, der ’Ndrangheta haben zur desolaten Lage ursächlich beigetragen. Wo immer im Süden Geld fließt - und in öffentliche Bereiche wie dem Gesundheitswesen werden beträchtliche Summen aus dem Staatsfonds bereitgestellt - mischt die ’Ndrangheta mit. In der Konsequenz wurden bereits vor mehr als zehn Jahren von Rom Kommissare in den Süden geschickt, die nicht nur unterwanderte und korrupte Gemeindeverwaltungen auflösten, sondern eben auch Gesundheitseinrichtungen verwalteten. Doch statt ihn zu sanieren, wurde der Bereich heruntergefahren: Heute fehlen in der Region allein 28 Krankenhäuser und Ambulatorien, die in den vergangenen Jahren von den Antimafiakommissaren geschlossen wurden. 3700 Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die irgendwie im Verdacht standen, mit der Mafia zu kooperieren, wurden entlassen.

Eine Verbesserung der Lage ist derzeit nicht in Aussicht. Sollte der verhängte Lockdown andauern, ist zu befürchten, dass sich der Zustand des Patienten Kalabrien noch deutlich verschlechtern dürfte. Ein einziger Hotspot, so Beobachter, könnte ausreichen, das Gesundheitswesen in den Kollaps zu treiben. Von den 9000 Intensivbetten, die Italien besitzt, liegen nur 146 im Südwesten des Landes. Und obwohl 60 Prozent des Bruttoinlandproduktes der Region in das Sozialwesen investiert werden, zeichnet sich hier keine Verbesserung ab.

Von den öffentlich investierten Geldern sahnt die ’Ndrangheta deutlich ab: Vom Krankenhausbau über die Verwaltung bis hin zur Versorgung hat die kalabrische Mafia ihre Hände im Spiel. Dabei werden nicht nur Staatsmittel kassiert, sondern auch erhebliche Summen aus den illegalen Geschäften - von Erpressung über Drogen- bis zum Waffenhandel - gewaschen. Schätzungen zufolge setzt die ’Ndrangheta bis zu 94 Milliarden Euro jährlich um. Das entspricht etwa einem Viertel des Bruttosozialprodukts von Österreich.

Giuseppe Conte hat zu Wochenbeginn den bisherigen Leiter der römischen Gesundheitsbehörde, Narciso Mostarda, zum neuen Kommissar des kalabrischen Gesundheitswesens ernannt. Der längst überfällige Akt beendete den »Reigen der Kommissare«, wie der Mailänder »Corriere della Sera« den vierfachen Wechsel an der Spitze der Behörde allein 2020 benannte. Anfang des Monats musste Conte den Kommissar Saverio Cotticelli fristlos entlassen. Der pensionierte Carabinieri-General hatte versäumt, einen Corona-Notfallplan für die Region auszuarbeiten. Sein potenzieller Nachfolger Giuseppe Zuccatelli hatte den Nutzen von Nase-Mund-Schutzmasken infrage gestellt. Ein dritter Kandidat, der ehemalige Rektor der Sapienza-Universität Rom, Eugenio Gaudio, zog sich bereits 24 Stunden nach seiner Nominierung aus »privaten Gründen« zurück. Conte erlitt nicht nur bei der Benennung eines neuen Kommissars diverse Rückschläge, auch die Regionalpolitiker protestierten heftig gegen eine »Bevormundung« aus Rom. Regionalpräsident Antonino Spirli erklärte, Kalabrien zur »roten Zone« zu erklären, bedeute den Tod vieler Menschen: »Die Menschen werden bei uns verhungern!« Es verwundert nicht, dass der Lega-Politiker - die Partei steht landesweit in Opposition zur Regierung - sich gegen jede Kontrolle aus Rom wehrt. Ein Angebot der Hilfsorganisation Emergency, dem Zivilschutz bei der Einrichtung von 14 Feldlazaretten zu helfen, lehnte Spirli drastisch ab: »Gino Strada in Kalabrien? Nur über meine Leiche …« Der römische Experte Mostarda steht vor einer Sisyphosaufgabe.

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