Problemfall Undertourism

Tourismusforscher Martin Lohmann über das Reisejahr 2020

  • Von Katja Gartz
  • Lesedauer: 5 Min.

Herr Lohmann, wie reisen die Deutschen?

Bis zum letzten Jahr viel, oft und gerne. Der Anteil der Urlaubsreisenden in der Bevölkerung war 2019 auf einem Höchststand, auch die Zahl der Reisenden. In diesem Jahr sieht es mit Urlaubsreisen insgesamt eher düster aus, mit Ausnahme der Sommermonate. Eine endgültige Bilanz wird man aber erst nach Ablauf des Jahres ziehen können.

Wie hat Corona das Reisen der Deutschen verändert?

Die Voraussetzungen für Urlaubsreisen sind bestimmt von den Fragen, ob man reisen kann und will. Diese beiden Faktoren spielen auch bei den meisten Menschen in Pandemiezeiten eine wichtige Rolle. Was fehlt, ist das Angebot bzw. dessen Zugänglichkeit. Darüber hinaus gibt es für einige auch Effekte in der persönlichen wirtschaftlichen Situation, die Reisen unmöglich machen. Für andere gibt es Effekte im Bereich der Motive, weil denen Reisen unter Corona-Bedingungen keinen Spaß macht oder weil sie Ansteckungsrisiken aus dem Weg gehen wollen.

Wie hat das eigene Land von den eingeschränkten Reisemöglichkeiten profitiert?

Die Urlaubsziele in Deutschland haben in der Regel nicht »profitiert«, sondern nur weniger schlecht abgeschnitten als Ziele im Ausland.

Zog es Urlauber auch in normalerweise weniger stark besuchte Ecken oder doch vor allem in die Berge und an die Küste?

Die attraktiven Gegenden sind pandemieunabhängig attraktiv. Gerade hier gab es deswegen auch gelegentlich Gedränge. Im Rahmen von Urlaubsreisen weniger besuchte Regionen haben aber von einer in diesem Jahr vermutlich stärkeren Ausflugstätigkeit vom Wohnort aus mehr Nachfrage bekommen.

Aktivurlaub mit Wanderungen und Radtouren oder Entspannen im Liegestuhl - wie haben die Deutschen ihren Urlaub verbracht?

Das ist ja nicht notwendigerweise ein Gegensatz, die meisten machen das eine wie das andere auf ihren Urlaubsreisen, freilich mit unterschiedlicher Gewichtung.

Mit Ihrem Team erstellen Sie jedes Jahr eine Reiseanalyse, die Auskunft über das Reiseverhalten in Deutschland gibt. Nach dieser Analyse machten im vergangenen Jahr 26 Prozent der Deutschen Urlaub im eigenen Land. Wie viele waren es in diesem Jahr?

2019 war Deutschlands Anteil an allen Urlaubszielen bei Reisen mit einer Dauer von wenigstens fünf Tagen 2 Prozent, das waren 19 Millionen. Bei Kurzreisen (zwei bis drei Tage) waren es 75 Prozent, also 69 Millionen Reisen. 2020 werden in beiden Kategorien die Anteile deutlich höher liegen, die absolute Zahl der Reisen aber deutlich darunter.

Overtourism in Städten und Regionen anderer Länder war in diesem Jahr kein Thema. Gab es stattdessen Overtourism in Deutschland - und wenn ja, wo?

An wenigen Orten zu wenigen Zeiten, beispielsweise an der Ost- und Nordsee und in Bayern. In der Regel ist das eine Frage des Managements. Für die meisten Destinationen ist in der meisten Zeit Undertourism das Problem.

Alle hoffen auf einen baldigen Impfstoff gegen Corona. Wie werden wir reisen, wenn das Virus so gut wie bekämpft ist?

In den Grundzügen so wie vorher.

Werden Kreuzfahrten und Schiffsreisen wieder so beliebt, wie sie es im vergangenen Jahr noch waren?

Die Beliebtheit von Schiffsreisen bleibt auf dem bisherigen Niveau - und das wurde oft überschätzt. Es gab deutlich mehr Busreisen als Kreuzfahrturlaube.

Wird nach Corona weiterhin so viel und möglichst weit in die Ferne geflogen? Oder werden Flugreisen zu teuer oder zu unattraktiv?

Die meisten Deutschen sind auch bisher nicht nach dem Motto »Möglichst viel und möglichst weit fliegen« gereist. Bei 42 Prozent aller Urlaubsreisen 2019 wurde das Flugzeug genutzt, und diese Flugreisen gingen für gewöhnlich in den Mittelmeerraum. Dennoch nahmen insgesamt die Distanzen zu. Die Flugreisen führten bis 2019 an immer weiter entfernte Ziele. Ägypten statt Mallorca, Türkei statt Italien. In Zukunft werden Flugreisen aus Angebotsgründen, durch höhere Preise und geringere Kapazitäten wohl weniger werden. Das ist gut für das Klima.

Die zweite Corona-Welle und die verhängten Lockdowns bestimmen unseren Alltag. Und auch das Reisen sowohl in Deutschland als auch fast in ganz Europa ist zurzeit nicht möglich. Wie lange die Situation anhält, ist ungewiss. Was macht das Nichtreisen-Können mit den Menschen?

Zweierlei: Einerseits ziehen wir uns zurück in das eigene enge Umfeld, das Schneckenhaus, und vergessen darüber die Möglichkeiten, die die große weite Welt bietet, oder fangen an, uns davor zu fürchten. Andererseits steigt die Sehnsucht, rauszukommen, auch aus der ganzen Corona-Geschichte. Unbefangenes Reisen werden wir wieder erlernen müssen. Aber das wird nicht lange dauern.

Werden wir von Fernreisen träumen, aber Urlaub im eigenen Land machen?

Träume und Sehnsüchte orientieren sich oft an der Realität, also träumen wir jetzt vom Urlaub an der Ostsee und im übernächsten Jahr dann wieder vom Mittelmeer. Und wenn es gut geht, fahren wir da jeweils auch hin.

Was bedeuten die Veränderungen für die Tourismusbranche?

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus und deren in schwindelerregender Geschwindigkeit vorgenommenen Modifikationen sind für die gesamte Branche eine große Katastrophe. Mit den reinen Nachfrageveränderungen hätte kaum jemand ein Problem.

Werden Urlauber unberechenbar? Werden Reisen nur noch kurzfristig gebucht?

Nein, nicht unberechenbar, die vorhandenen Daten zeigen eigentlich ein klares Bild. Unberechenbar sind die von der Gesellschaft gesetzten Rahmenbedingungen. Deswegen wird auch kurzfristig gebucht.

Welche Rolle wird künftig nachhaltiges und umweltbewusstes Reisen spielen?

Nachhaltiges und umweltbewusstes Reisen wird eine wachsende Rolle spielen, das ist ja auch dringend nötig. Die Hauptverantwortung liegt dabei aber nicht bei den Kunden, sondern bei den Anbietern und der Politik, die die Regeln festlegt. Man stelle sich vor, auf die Anzeichen des Klimawandels wäre mit einem ähnlich engagierten Regelwerk reagiert worden wie auf die Pandemie.

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