Covid-19

Es wird wieder gefeiert

Vietnam hat Covid-19 fast besiegt. Wie ist das gelungen?

Von Julia Behrens

Die Bässe dröhnen über das Gelände. Techno-Musik, Live-Acts, Stände, Alkohol und sehr viele Menschen. Ein kleines Festival am Rande Hanois zieht an einem stickigen Tag Hunderte von Feierlustigen an. Es wird dicht gedrängt getanzt, Drinks werden rumgereicht - es herrscht ausgelassene Stimmung. Der Veranstalter ruft voller Verzückung ins Mikro: «Wir feiern hier gerade auf dem einzigen Festival der Welt!» Hanoi im Pandemieherbst 2020.

Was in Deutschland eine Erinnerung oder vage Hoffnung ist, das ist in Vietnam Alltag. Clubs sind geöffnet, Großveranstaltungen finden statt, auf Konferenzen tagt man von Angesicht zu Angesicht, das Markttreiben ist ungebrochen, der Alltag fast so wie immer. Man könnte hier vergessen, was im Rest der Welt gerade los ist. Gesichtsmasken und gelegentliche Temperaturchecks erinnern an die erste Jahreshälfte von 2020, als Covid-19 auch Vietnam fest im Griff hatte. Doch seit knapp drei Monaten gibt es keine neue Covid-Ansteckung im Land, neue Fälle kommen von einreisenden Personen, die sich in Quarantäne befinden. Bis Donnerstagabend zählte Vietnam 1321 Fälle, wovon 35 tödlich verliefen.

Thirumalaisamy P. Velavan ist Professor am Universitätsklinikum Tübingen und Direktor des Vietnamesisch-Deutschen Zentrums für medizinische Forschung VG-CARE in Hanoi. Im Herbst reiste er für ein paar Wochen in die vietnamesische Hauptstadt, unter anderem für eine klinische Testreihe für eine Impfung gegen SARS-CoV-2, die vom Deutschen Zentrum für Infektionskrankheiten unterstützt wird. Als entscheidend für den Erfolg der vietnamesischen Strategie sieht der Forscher die Schnelligkeit der Reaktion auf den Ausbruch von Covid: «Vietnam hat umfassend und schnell auf die Pandemie reagiert. Die Regierung hat vom Beginn der Epidemie an Kontaktpersonen identifiziert, Quarantänen angeordnet und staatliche Institutionen effizient mobilisiert.» Es gab unmittelbar Maskenpflicht, Hygienevorschriften, Abstandsrichtlinien und Quarantäne für alle Person, die bis zum dritten Grad Kontakt mit einer infizierten Person hatten.

Diese Maßnahmen wurden klar und transparent kommuniziert und medizinisch-wissenschaftlich begründet. Jeder Fall oder auch nur Verdachtsfall von Corona, die Orte, an denen sich die Personen aufgehalten haben und die jeweiligen Testergebnisse, wurden umgehen über Staatsmedien kommuniziert. Auch das Ziel, den Virus vollständig aus dem Land zu eliminieren, stand von Anfang an für alle fest. Die Bevölkerung hielt sich an die Maßnahmen - zu frisch sind die Erinnerungen an den SARS-Ausbruch vor zehn Jahren, und niemand möchte in Vietnam im Krankenhaus landen. Denn die Ausstattung an Beatmungsgeräten ist stark begrenzt und die Versorgung kostenintensiv, da Krankenversicherungen nicht flächendeckend üblich sind und auch nur einen Teil der Behandlungskosten abdecken.

Die klare Linie der Regierung sowie die Bereitschaft der Menschen, sich an die Linie zu halten sind für Dong Huy Cuong entscheidend in Vietnams Kampf gegen den Virus. Cuong arbeitet für die Vietnam Union of Friendship Organisation, er organisierte unter anderem das ASEAN People’s Forum, das im Rahmen des vietnamesischen ASEAN-Vorsitzes Mitte November südostasienweit digital stattfand. Cuong verweist auf die vietnamesische Kultur, mit Krisen und Herausforderungen umzugehen und auf die «Kraft des Volkes», schwere Zeiten ohne Murren ertragen zu können, solange Sinn und Ziel seien. In Vietnam sei man es gewohnt, so Cuong, schwere Zeiten durchzustehen - wie bereits im Krieg gegen Frankreich und die USA. Außerdem betont er die gelungene Kommunikation der Regierung. Sie sei transparent und für alle nachvollziehbar gewesen, so dass bei den Menschen angekommen ist, dass die Maßnahmen nicht zum Wohl der Mächtigen, sondern eben zu ihrem eigenen Schutz durchgeführt wurden. Vietnams Regierung habe Menschen vor Profite gestellt.

Die Siege gegen die ausländischen Invasoren sind tief in das gemeinschaftliche Gedächtnis eingebrannt und ein Kernelement des vietnamesischen Nationalismus. Diese historische Referenz nutzte die Regierung in ihrer Krisen-Kommunikation und appellierte mit Kriegsrhetorik an den vietnamesischen Kampfgeist, um Covid zu besiegen. Auf diese Weise, so Cuong, vermittelte die Regierung der Bevölkerung, dass die Anti-Corona-Maßnahmen nicht zum Wohl der Mächtigen, sondern eben zu ihrem eigenen Schutz durchgeführt wurden. Vietnams Regierung habe Menschen vor Profit priorisiert.

Trotzdem scheuen sich sowohl Staatsbeamte als auch medizinische Expert*innen in Vietnam, den eigenen Erfolg zu loben und Empfehlungen für andere Länder auszusprechen. Denn die Krise ist noch nicht vorbei. Es besteht weiter die Angst, dass Genesene einen Rückfall erleiden oder davor, einen Corona-Fall bei Einreisenden zu übersehen. Außerdem, so Cuong, sei der vietnamesische Umgang mit der Pandemie sehr speziell und nicht auf andere Länder übertragbar. Deutschland hat beispielsweise eine bessere medizinische Versorgung im Land und kann Erkrankte behandeln. In Hanoi hingegen kamen im April nur 300 Beatmungsgeräte auf acht Millionen Menschen, ein unkontrollierter Ausbruch des Virus hätte also rasch zu einer Überlastung der Krankenhäuser geführt. Hinzu kommt die direkte Grenze mit China, wo das Virus ausbrach, und die unterschiedlichen sozio-politischen Kontexte. Neben der westlichen Ignoranz für Erfolge auf anderen Kontinenten ist wohl auch diese zurückhaltende Kommunikation ein Grund, warum Vietnam so wenig Beachtung in den deutschen Medien findet. Wenn es Berichte gibt, werden sie oft mit Unglauben flankiert - was musste Vietnam für seinen Erfolg opfern?

Professor Velavan sagt dazu: «People first, Economy next». Vietnams Wirtschaft ist getroffen, zahlreiche Menschen verloren ihren Job und auch viele migrantische Arbeiter*innen, die beispielsweise in Singapur auf Baustellen arbeiteten, mussten zurückkehren. Es wird erwartet, dass Vietnams Wirtschaftswachstum sinkt, aber weiter im positiven Bereich bleibt. Der wohl am stärksten betroffene Wirtschaftszweig ist der Tourismus. Vietnam erlaubt seit April nur die Einreise von Staatsbürger*innen, die sich im Ausland befinden, sowie Expert*innen und Diplomat*innen. Falls diese ein Visum und einen Platz in einem der begrenzten Flüge erhalten können, stehen in Vietnam abhängig vom Geldbeutel zwei Wochen im Militärcamp oder Hotel an. Das ist nicht nur zeit- sondern auch kostenintensiv. Der inländische Tourismus boomt zwar, doch kann er bei weitem nicht die Umsätze des Auslandsverkehrs auffangen. Zahlreiche Tourismusagenturen und Hotels mussten Mitarbeiter*innen entlassen oder ganz schließen. In den ersten sieben Monaten des Jahres brachen die Umsätze um 55 Prozent ein, für das ganze Jahr wird es deutlich mehr sein. Der Vize-Vorsitzende des beratenden Gremiums für vietnamesischen Tourismus, Kenneth Atkinson, rechnet mit einem Einbruch der Gewinne um 23 Milliarden US-Dollar.

Eine der Betroffenen ist Nguyen Ha Phuong. Die 32-jährige hat sich vor einem Jahr mit der Vermietung von Ferienwohnungen in der Touristenhochburg Hoi An selbstständig gemacht. Sie mietete ein Haus, ließ es für ihre Zwecke umbauen - und dann kam Covid. «Als jemand, der in Hoi An lebt, habe ich beide Wellen von Covid miterlebt», erzählt sie. «Als der zweite Ausbruch kam, war nur unsere Gegend im Lockdown. Aber es war wie beim ersten Mal, und es gab keine Unterschiede, ich hatte auch keine Angst.» Hoi An und Da Nang in Zentralvietnam waren das Epizentrum des zweiten Ausbruches. Zur Hochsaison des Sommerurlaubs gab es Ende Juli nach 99 Tagen ohne Covid wieder einen bestätigten Fall. Da der Virus erst nach mehreren Tagen diagnostiziert wurde, hatte er sich bereits ausgebreitet. Da Nang und Hoi An wurden abgeriegelt, alle, die in der fraglichen Zeit dort waren mussten Vietnam-weit in Quarantäne.

Phuong hat den Lockdown überstanden, ihre Unternehmenspläne allerdings nicht: «Als die Situation schlimmer wurde, ging Hoi An in den ersten Lockdown, und wir hatten null Gäste. Das hieß natürlich, dass mein Ferienwohnung-Business beerdigt werden musste.» Wie ihr sei es vielen in der Region ergangen: «Die Situation in Hoi An ist wirklich schlecht.»80 Prozent der Bevölkerung hier lebt vom Tourismus. Das betrifft nicht nur die Besitzer der Hotels und Restaurants und deren Angestellten, sondern auch die Straßenverkäufer*innen, Bauern und Bäuerinnen, die Farmtouren anbieten oder Kochkurse. Die Menschen verloren ihre Jobs und fielen auf Landwirtschaft, Fischerei oder das Betreiben von Garküchen zurück.« Regierungshilfen gibt es zwar, doch die sind auf das nötigste begrenzt. Es gibt zum Beispiel Reisbanken, bei denen sich Bedürftige mit Nahrung versorgen können und kleine finanzielle Hilfspakete. Der Staat kann seine Menschen kaum auffangen und überlässt diese Aufgabe den familiären und sozialen Netzwerken.

Phuong hat es aus der Krise geschafft: »Während des ersten Lockdowns beschwerten sich viele von meinen Freund*innen, die meisten Veganer und Vegetarier, über den Mangel an Essen-Lieferservices. Ich begann daher, für sie mitzukochen und dann sagten mir alle, ich solle mehr kochen und das Essen verkaufen. Das war der Beginn von 'Peanuts', einem Lieferdienst mit zu Hause zubereiteten veganen und vegetarischen Mahlzeiten zu günstigen Preisen, denn schließlich verdiente gerade niemand Geld«. Mittlerweile beschäftigt »Peanuts« vier Personen, die zuvor alle im Tourismus gearbeitet hatten.

Nicht nur die Wirtschaft leidet unter der Pandemiebekämpfung, auch die Privatsphäre und der Datenschutz. Denn zur Eindämmung der Infektionsherde mussten sich Kontakte bis dritten Grades einer infizierten Person in Quarantäne begeben. Um diese Personen ausfindig zu machen, wurden die Namen der Infizierten, ihre Adresse sowie ihr Bewegungsprofil in der fraglichen Infektionszeit veröffentlicht. Im Covid-Fall Nummer 17 führte dies auch zu Drohungen gegenüber der Infizierten: Eine junge Vietnamesin war im März von der Fashion Week in Italien zurückgekehrt und hatte den Virus nach Vietnam gebracht. Nach der Veröffentlichung ihrer Daten warfen ihr Leute vor, sie hätte in ihrem Bewegungsprofil gelogen und Informationen vorenthalten, um sich absichtlich der Quarantäne zu entziehen. Dieser Vorwurf ging auf Facebook viral, genau wie ihre Telefonnummer. Daraufhin wurde sie in Telefonanrufen beschimpft.

Fragt man in der Bevölkerung nach, so ist dieser Umgang mit Personendaten kein Problem, nur vereinzelte Stimmen mahnen Datenschutz an. Stattdessen wird dies als ein Opfer einer Einzelnen zum Wohle aller eingestuft. Privatsphäre und Datenschutz haben generell einen anderen Stellenwert in der vietnamesischen Gesellschaft.

Wie hoch der Preis Vietnams für den Erfolg gege Covid-19 also ausfällt, ist Ansichtssache. Aus der eigenen, vietnamesischen Perspektive hat sich bisher alles gelohnt, um wieder einen weitestgehend normalen Alltag zu führen und sowohl die Infektionen als auch deren Auswirkung einzudämmen. »Vietnam hat sehr viel Glück gehabt«, sagt Dong Huy Cuong.

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