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Manche Körper sind politischer als andere

Das Berliner Filmfestival »XPOSED« zeigte online sechs Kurzfilme zu queeren Themen

  • Von Geraldine Spiekermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Festival »XPOSED« präsentierte zusammen mit der Berlinischen Galerie unter dem Titel: »Queeres (Auf-)Begehren« sechs internationale Kurzfilme im Rahmen des Online-Projekts »Out and About. Queere Sichtbarkeiten in der Sammlung der Berlinischen Galerie«. Dabei werden widersprüchliche geschlechtliche Codes als anarchistische Strategie gegen die herrschende Norm gesetzt.

Die Performancekünstler*in Va-Bene lebt über den Körper die Kunst im Alltag aus. Sie*er begibt sich heute in Frauenkleidern und morgen in Männerkleidung auf die Straßen Ghanas. Das Klischee von afrikanischer Kunst nicht bedienend und die eigene Community über das Cross-Dressing brüskierend wird Va-Bene doppelt ausgegrenzt. Ausgeschlossen vom globalen Kunstdialog und vom Familien- und Freundeskreis setzt Va-Bene sich mit den eigenen Ängsten und der Angst der Anderen vor sichtbar gelebter fluider Genderidentität auseinander.

»Wenn man weiß, dass man anders ist, muss man den Mut haben, sich selbst ins Gesicht zu sehen, dann der Familie, dann der Gesellschaft«, so eine männliche Stimme aus dem Off im Film »Batería«. Im verlassenen Gefechtsstand der Festung del Morro haben die Homosexuellen Havannas zwar eine abgelegene »Cruising-Area« gefunden, nicht aber ihren Schutzraum. Bedroht durch homophobe Eindringlinge ist die Angst vor Gewalt ein ständiger Begleiter. Dennoch gewährt dieser klaustrophobische Ort die sexuelle Freiheit, die sich die Kubaner ebenso erträumen wie die Utopie eines sicheren Raums. Nicht von Ungefähr bedient sich die Kamera einer Unschärfe, die die Kälte der Mauern verunklart: »Wir befinden uns noch immer im Kampf.«

In den 1980er- und 90er-Jahren stand der Club »La Piaff« in Córdoba, der zweitgrößten Stadt Argentiniens, für einen Freiraum der Drag-Szene. Die Dokumentation »Playback« der Regisseurin Agustina Comedi erzählt die Geschichte dieses Orts. Die einzige noch lebende Dragqueen des Clubs liefert zu VHS-Aufnahmen der Auftritte ein eindringliches Bild der Aidskrise. Dass eine Therapie ab 1996 auch in Argentinien verfügbar war, hat den bereits Infizierten wenig genützt. Die Medikamente gab es nur in der Hauptstadt. Dabei spendeten die Dragqueens ab 1991 alle Clubeinnahmen an das Krankenhaus, in dem die Erkrankten versorgt wurden.

Originalaufnahmen aus den 1980er-Jahren zeigt auch der Beitrag »Pirate Boys« aus der Trans-Szene, gedreht 1981 im besetzten »Tuntenhaus« in Berlin. Der Film beginnt mit einer Fotografie der Punk-Autorin Kathy Acker (1947-1997). Del LaGrace Volcano (*1957), »Multigender-Hybrid« und »Teilzeit-Genderterrorist«, wie Volcano sich selbst bezeichnet, hat Acker in ihrem Todesjahr mit den Narben ihrer Brustkrebsoperation fotografiert. Diese ähneln den Narben von Transmännern, die jedoch nicht als Verstümmelung, sondern als Vervollkommnung der Körper verstanden werden sollten. Deformation und Dysfunktionalität werden in eine anarchistische Rebellion gegen gesellschaftliche Normen umformuliert. In Ackers Punk-Romanen »Pussy« (1995) und »Pussy, King of the Pirates« (1996) erobern Gender᠆hybride wie die »Pirate Boys« die Städte und transformieren lustvoll die Körper, die keiner staatlichen oder medizinischen Gewalt unterliegen sollten.

Misogyne Mediziner aus allen Jahrhunderten und verstörende Bilder aus der Medizingeschichte belegen, dass Frauen weder Lust noch Selbstbestimmung über ihre Reproduktionsorgane zugestanden wurden und werden. Ausgehend vom Pygmalion-Mythos, der beschreibt, wie die von ihm geschaffene Marmorstatue der Galatea von Venus zum Leben erweckt wird, haben sich Männer seither unendlich viele (sexuell verfügbare) Galateen erschaffen: »Galatée à l’infini«. Der Film beginnt mit aufblasbaren Sexpuppen und endet mit Bildern aus Sexbot-Fabriken. Auf die Frage des männlichen Schöpfergottes: »Bist du glücklich, am Leben zu sein?« antwortet ein weiblicher Sexbot: »Dein Tonfall impliziert, dass ich glücklich sein sollte.«

Der mit sphärischen Klängen und Tanz experimentierende pakistanische Beitrag »Journey to the CharBagh« (Reise zum CharBagh) greift auf die Mystik zurück. Über das repetitive Rezitieren der Frage »Can you suffer?« (Kannst du leiden?) wird mittels Musik und Tanz die meditative Befreiung der Körper aus allen einschränkenden und erniedrigenden normativen Zwängen gesucht. Die von Zān und Rakae Jamil komponierte Musik wird mit Gedichten von Momina Mamood (»Eden verlassen«) und Naveed Alam (»Geschichtenerzähler«) über farbintensive Bilder dicht miteinander verwoben.

Queere Körper und genderambivalente Personen, so zeigen die Beiträge, sind niemals unsichtbar. Sie durchbrechen auf vielfältige Weise normative Erwartungshaltungen in Bezug auf Familie, Fortpflanzung und Rollenerwartungen und korrumpieren so das binäre System. Queere Körperpolitiken beschreiben kein festgeschriebenes Identitätskonzept, sondern formulieren eine generelle Kritik an Identität.

Das Film-Screening »Queeres (Auf-)Begehren« von »XPOSED Queer Film Festival Berlin« fand im Rahmen des Online-Projekts »Out and About« der Berlinischen Galerie statt. Mehr Infos unter: berlinischegalerie.de/out-and-about

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