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Mit Kopfschutz - und viel Glück

Das Inferno in der Formel 1 endet glücklich, wirft aber neue Sicherheitsfragen auf

  • Von Raphaelle Peltier und Marco Heibel, Sakhir
  • Lesedauer: 3 Min.

Romain Grosjeans Videogruß vom Krankenbett war filmreif. Der Held, auf unglaubliche Weise einem gewaltigen Feuerball entronnen, präsentiert Verbände an beiden Händen, scheint aber schon wieder bereit für die nächste Mission. Bei Grosjean allerdings lag zwischen »halb so wild« und dem grausamen Flammentod nur eine Winzigkeit. Diese Erfahrung sorgte zumindest bei ihm für Reue und Dankbarkeit. »Vor ein paar Jahren war ich nicht für den Halo, aber ich denke, er ist das Beste, was der Formel 1 passiert ist. Ohne ihn könnte ich jetzt nicht zu euch sprechen. Also danke«, sagte der Franzose und scherzte angesichts seiner Brandwunden an den Händen, dass er erst mal keine Textnachrichten beantworten könne. Auch in ein Formel-1-Auto steigt der Familienvater erst mal nicht mehr, beim vorletzten Saisonrennen am Sonntag wird er von Debütant Pietro Fittipaldi vertreten.

Dass Grosjean nur Stunden nach seinem Unfall wieder witzeln konnte, grenzt an ein Wunder. »Zum Glück hat der Cockpitschutz funktioniert, zum Glück hat die Leitplanke ihm nicht den Kopf abgeschnitten«, kommentierte Rennsieger Lewis Hamilton das Inferno, das Erinnerungen an den Unfall Niki Laudas auf dem Nürburgring 1976 weckte. »Es ist erschreckend zu sehen, wie das Auto in zwei Teile gerissen wurde. Das zeigt, wie gefährlich dieser Sport ist und wie wichtig die Sicherheitsstandards sind«, führte Weltmeister Hamilton aus.

Die Eckdaten des Unfalls nach Kollision mit dem Russen Daniil Kwjat lassen einen erschaudern: Grosjeans Auto schlug mit 221 Stundenkilometern in die Leitplanke und schlitzte diese wie ein Messer auf; ein Vielfaches des eigenen Gewichts wirkte in dem Moment auf Mensch und Material. Der Wagen wurde in zwei Teile geschnitten, fing sofort Feuer. Grosjean war zwar in seiner stabilen Überlebenszelle, jedoch auch dem Inferno ausgesetzt, ehe er sich nach 26 Sekunden selbst befreien konnte. Seine feuerfeste Kleidung schützte ihn, auch wenn der Helm angekokelt und das Visier geschmolzen waren.

In der Geschichte der Formel 1 verliefen Unfälle, bei denen nur ein Teil dieser Faktoren eintrat, in der Regel tödlich. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Grosjean beim Unfall das Bewusstsein verloren hätte. So aber konnte er das Wrack aus eigener Kraft verlassen. Den enormen Sicherheitsstandards sei Dank, die einst die verunglückten Ayrton Senna, Francois Cevert und Jules Bianchi, 2015 der letzte tödlich verunglückte Fahrer, nicht genossen hatten. Bianchis Mutter rührte am Sonntagabend die Zuschauer im französischen Fernsehen. »Sie haben den Halo nach dem Tod meines Sohnes eingeführt, heute hat er Romains Leben gerettet. Das ist großartig«, schrieb Christine Bianchi in einer SMS, die der Moderator mit Tränen in den Augen verlas. Der 2018 unter dem Murren zahlreicher Puristen eingeführte Cockpitschutz Halo nahm an Grosjeans Auto zwar Schaden, er hielt der Belastung aber stand und schützte seinen Kopf.

Der 34-Jährige wird mindestens ein Rennen aussetzen, vielleicht zwei, ehe sein Vertrag ohnehin ausläuft und er sich eine Zukunft außerhalb der Formel 1 suchen muss. Auf die Rennserie wartet derweil viel Arbeit. »Die Leitplanke darf nicht nachgeben, und das Auto darf kein Feuer fangen«, kritisierte der deutsche Ex-Weltmeister Sebastian Vettel. Sportdirektor Ross Brawn kündigte eine Untersuchung an, immerhin soll schon am Sonntag erneut in Bahrain gefahren werden - auf einer noch schnelleren Strecke, deren Wahl ausgerechnet Grosjean im Vorfeld als »Wahnsinn« bezeichnet hatte.

Trotz der stark erhöhten Sicherheitsmaßnahmen wird es vollkommene Sicherheit in der Formel 1 nie geben. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff musste das auch eingestehen, als er gefragt wurde, was Grosjean gerettet hatte: »Viel Glück, ein Schutzengel, die Streckenposten«, sagte der Österreicher, der nun wie viele ein »Fan des Halo« sei.

Auch nach dieser Beinahe-Tragödie will keiner von Grosjeans Kollegen aufhören. »Ich habe keine Angst«, sagte Lewis Hamilton stellvertretend. »Das ist es, was wir tun, sonst besiegt dich der Typ neben dir.« SID/nd

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