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Medien, die auf Monokraten starren

Warum es so schädlich ist, wenn Journalisten sich nur auf Spitzenpolitiker stürzen

  • Von Eckart Roloff
  • Lesedauer: 6 Min.

Ohne sie können die Medien nicht leben: Ohne Prominente geht gar nichts. Ob Musiker oder Schauspieler, Sportler, Politiker oder Wirtschaftsbosse - was über sie zu melden ist, interessiert das Publikum stets besonders. Die norwegischen Sozialforscher Johan Galtung und Einar Østgaard haben schon 1965 nachgewiesen, dass Prominenz ein Faktor ist (ähnlich wie etwa Erfolg, Schaden und Überraschung), der den journalistischen Zugriff auf ein Thema stark begünstigt.

Daneben aber gibt es ein Phänomen, das offenbar zugenommen hat und auch alle Medien betrifft. Deren Kundschaft wurde daran so gewöhnt, dass es kaum noch auffällt. Gemeint ist die mit Prominenz verknüpfte Monokratie, die Herrschaft Einzelner - und das inmitten von Demokratien. Die Mono- oder Autokratie mit dem Starren auf Führungsfiguren wurde zum Alltag der Medien und ihrer Nutzer.

Welche ernsten Folgen das haben kann, zeigt auch die Corona-Pandemie. Da setzen Victor Orbán in Ungarn, Andrzej Duda in Polen, Benjamin Netanjahu in Israel, Recep Erdoğan in der Türkei, Jair Bolsonaro in Brasilien und natürlich Donald Trump in den USA Maßnahmen durch, ohne groß auf Fachleute und Parlamente zu achten. Sie suchen trotz der dort enorm hohen Infektionszahlen ihr Heil mal in Aktionismus, mal in Ignoranz. Die Opposition wird in so harten Zeiten, die eher nach Solidarität rufen, noch weiter an den Rand gedrängt. Dabei »erfordert ein entschlossenes Krisenmanagement keineswegs die Ausschaltung des Parlaments«, wie der österreichische ÖVP-Europaabgeordnete Othmar Karas auf Twitter schreibt.

In Monokratie steckt neben dem griechischen monos (allein), einzig das Verb kratein (herrschen, Gewalt haben, mächtig sein). Was ist es anderes als monokratisch, wenn so getan wird, als würden riesige Konzerne, Banken, Verbände, Parteien und Behörden mit Tausenden von Angestellten und Mitgliedern von einem einzigen Menschen geführt, ohne Stellvertreter und was sonst zu ihren Zirkeln gehört?

Denken wir an Guido Westerwelle, den 2016 verstorbenen Außenminister. Er allein stand für die FDP. Einmal schrie er sein oberstes Prinzip ins Publikum: »Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Sache regelt. Und das bin ich.« Selten hat ein Monokrat, nein ein Monomane, so verräterisch so Törichtes gesagt. Sein Nachfolger Christian Lindner sieht keinen Anlass, einen besseren Weg zu gehen.

Ein besonders extremes Muster liefert US-Präsident Donald Trump über seine Wahlniederlage hinaus. Was er sagt, twittert und kamerageil mit der steilen und raumgreifenden Unterschrift signiert, wird exekutiert. Ausnahmen sind selten. Trumps Regierung ist dabei nur Staffage. Wer von seinem Personal nicht pariert, wird fix gefeuert. Doch Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, ließ ihn wissen: »Mister President, Sie stehen nicht über dem Gesetz.«

Ähnliche Fälle liefern Frankreich und Russland. Russland ist vermutlich für viele Jahre noch gleichgesetzt mit Putin. Wie Wahlen ablaufen und wer antreten darf, das liegt vor allem in seiner Macht. Frankreich ist wegen seiner Präsidialdemokratie fast identisch mit Macron. Doch was tun der Premier, der Außenminister? Alles eher unwichtig, wenigstens für Deutschlands Medien.

In Großbritannien gefällt sich Boris Johnson als Solodarsteller. Er allein nahm sich in einer traditionellen Demokratie - das ist das Land trotz seiner Monarchie - einmal das Recht heraus, dem Parlament eine Zwangspause von fünf Wochen zu verpassen. Dass ihn das Oberste Gericht im September 2019 dabei stoppte, mag ein Trost sein. Doch er kann wie Trump bei Journalisten unterscheiden zwischen denen, die ihm passen, und denen, die ihn nicht befragen dürfen.

Ein kurzer Blick in andere Länder: Tschechien ist seit Jahren gleich Babiš, Belarus gleich Lukaschenko, China gleich Xi Jinping, Nordkorea gleich Kim Jong-un. Als Fundament dort dient gleichwohl eine »Volksrepublik« mit einem Einparteiensystem. Schon das ein Widerspruch: ein Volk, also eine Partei. Diktatorisch geriert sich auch Rodrigo Duterte, der Präsident der Philippinen, ein gelehriger Schüler Trumps.

Zurück nach Europa. In Österreich schaffte Sebastian Kurz nach einem Misstrauensvotum durch das Parlament bei der Nationalratswahl vom Herbst 2019 die Rückkehr in das Kanzleramt. Das wird generell allein ihm gutgeschrieben. Zu Kurz’ Taktik gegenüber Kritikern stellte die Politologin Natascha Strobl fest: »Jedes Widerwort ist ›dirty campaigning‹, jede Kritik an ihm ist ›Schmutzkübel‹. Ich, ich, ich ist eigentlich der Inhalt des Wahlkampfes von Kurz.« In erfreulichem Kontrast dazu sagte Fritz Keller, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, nach seiner Wahl: »Eine One-Man-Show braucht keiner mehr.«

Monokraten dulden niemanden neben sich - und die Medien fördern dies, indem sie das Personal an deren Seite oft ignorieren und sich wenig mit Gegnern und Konkurrenten befassen. Merkwürdig, dass das Politologen, Medienforscher und Psychologen kaum interessiert. Immerhin schrieb der schweizerische Psychiater Gerhard Dammann 2007 das Buch »Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage«. Es deckte den Missbrauch von Macht und Dominanz auf.

Noch eine Beobachtung: In einer Talkshow nicht die zum Thema passenden Minister und Ministerinnen zu sehen, ist nahezu undenkbar. Wie wäre es aber mal mit einer Staatssekretärin oder einem Abteilungsleiter? Die verstehen oft mehr von der Sache, doch sie werden hinter die Kulissen geschoben. Das ist eine systematische Entwertung von Menschen und ihrer Arbeit. Aber so funktioniert die Monokratie. Deshalb gibt es für Bayern und die CSU nur Markus Söder, für das Verkehrsministerium nur Andreas Scheuer. Und Jens Spahn ist der, der im Gesundheitsministerium mit rund 700 Bediensteten ganz allein gegen Coronaviren kämpft. In Mannschaftssportarten ist nach schwachen Auftritten garantiert der Trainer allein der Schuldige - siehe aktuell Jogi Löw.

Wenn nur noch die Chefs von Staaten, Regierungen, Behörden und Unternehmen präsentiert und zitiert werden, dann verzerrt das die Realität. Doch es ist so schön bequem: Es erspart das Darlegen von Strukturen und Strömungen, von unterschiedlichen Lagern und Ansätzen. Ein Name genügt, und schon scheint alles gesagt.

Als 2010 die Wikileaks-Enthüllungen mit Blick auf die USA und andere Länder klarmachten, was geheime Berichte von Diplomaten enthalten, beklagte Johan Galtung,dass deren »lächerliche Sprache stets zentriert auf Einzelpersonen als Akteure« sei, in einer »Sprache, die aus den Boulevard-Medien stammen könnte«, wie er dieser Zeitung sagte (16. 12. 2010). Galtung weiter: »Das alles gehört eigentlich in die Kategorie ›unausgegorener Tratsch und Klatsch‹. Wo bleibt da die Analyse der Kultur und der Strukturen, etwas viel Wichtigeres als die einzelner Personen? In keinem der Dokumente sieht man etwas davon.«

Das Konzentrieren auf so Wenige hat verheerende Folgen: Es fördert nahe einem Führerkult ein an Obrigkeiten orientiertes Denken mit einer tatsächlichen und beängstigenden Alleinherrschaft. Doch geraten Autokraten in Bedrängnis, so droht ihnen und ihrem kompletten Unternehmen höchste Not, auch bei kleinen Anlässen. Der Sturz vom hohen Sockel ist rasch vollzogen - auch durch die Medien. Dass damit Schluss sein sollte, hat Amartya Sen, der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, in seiner Dankesrede so ausgedrückt: »Autokratien sind eine weltweite Pandemie. Es ist kaum Dringlicheres geboten als globaler Widerstand gegen sie.«

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