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  • Fans beim Fußball

Das Lächeln der Toilettenfrau

Für viele Fußballfans ist das Stadion die letzte Zuflucht vor dem wirklichen Leben.

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Nun ist es raus, die Regionalliga Nordost pausiert weiter, der Genuss des Dezemberwinds in zugigen Stadien fällt also aus. Nachdem auch unsere Fußballkneipen geschlossen sind, diese nicht unproblematischen Erholungsstätten, bleiben uns Traumpfade und müßige Erbsenzählerei.

Wie sehen eigentlich die Menschen aus, die jedes Wochenende ihres Lebens dem Fußball widmen? Für viele von ihnen ist das Stadion die letzte Zuflucht vor dem wirklichen Leben. Der aufmerksame Beobachter kann sehr schnell vier Grundtypen erkennen, die sich nicht durch Herkunft oder Vergangenheit unterscheiden, sondern einzig durch ihre im Fankosmos verlebten Jahre.

Da sind zuerst die jungen Leute zwischen 16 und 22. Sie üben ihr Fansein erst kurze Zeit aus und haben noch nicht das Aussehen und die seltsamen Gewohnheiten des Fans for Live angenommen. Sie haben noch nicht mit der normalen Welt gebrochen, ihre Gesichter sind frisch und heiter. Sie putzen sich zweimal am Tag ihre Zähne und halten ihren Rumpf sauber. Zum Fußball erscheinen sie in besserer Fankleidung (hippe Windbreaker, smarte Caps, feine Seidenschärpe) als ihre älteren Kollegen. Sie haben neben ihrem Verein auch noch andere Interessen: Karriere, Politik, Sex, Theater aller Art, Clubs. Sie haben Freundinnen und denken viel nach.

Der zweite Typus steht im Alter zwischen 23 und 39. Kategorie: Fan lebenslang. Sie bilden die Mehrheit im Stadion, sind schon sehr lange Fans und halten das traurige Schicksal ihres Vereins – es ist ihr Schicksal – meist schon für endgültig entschieden. Sie haben ernste, strenge Gesichter. Ihre Fanutensilien sind abgetragen, aber in gutem Zustand. Gesprächigkeit gehört nicht zu ihren Eigentümlichkeiten. Wenn es fußballbedingt zu Streit kommt, zeigen sie sofort ihre kräftigen Fäuste. Etwa die Hälfte von ihnen lebt in einer halbwegs normalen Beziehung, meist zum anderen Geschlecht, Sex ca. einmal die Woche. Sie putzen Zähne und Rumpf flüchtig.

Dann kommen die 40- bis 60-Jährigen. Ihre tiefen Bassstimmen sind heiser vom vielen Geschrei und den unzähligen schweren Erkältungen, die sie sich in kalten Stadien geholt haben. Manche von ihnen sitzen verbittert auf der Tribüne und blicken ins Nichts. Den Kopf zurückgeworfen und den Bauch hervorgeschoben, sehen sie aus wie Räuberhauptmänner. Einige von ihnen können sich an Sex noch erinnern. Sie sind argwöhnisch, gucken gern böse, neigen zu Schimpfkanonaden und zum Dreinschlagen. Leider funktioniert das Dreinschlagen nicht mehr. Man sieht sie häufig mit Bier in den schrundigen Fäusten und Zigaretten im Mund. Wenn sich ein Fremder zufällig neben sie stellt, werden die gichtigen Ellenbogen ausgefahren und ein gezischeltes »Ich steh hier schon immer« verlässt ihre löchrigen Kauleisten. Man hat sie ab und zu Zähne und Rumpf putzen sehen. Im Vergleich zur Hauptmasse der Stadiongänger ist ihre Zahl aber viel kleiner, weil Ehen, sowie der frühe Tod durch Alkohol und Herzinfarkt unerbittlich zugeschlagen haben.

Der vierte Typus sind die lebenden Leichname, die 60- bis 90-Jährigen. Zähne Fehlanzeige. Rumpf auch. Meist stehen sie im Weg herum und warten: seit zwanzig Jahren auf den Aufstieg, seit dreißig Jahren auf die Wurst, seit vierzig Jahren auf ein Lächeln der Toilettenfrau. Und darauf, dass der Schiedsrichter endlich abpfeift. Sobald ihre zitternden Finger die Eintrittskarte nicht mehr halten können, ist ihr Schicksal entschieden. Ein hartes Fandasein voll Entbehrungen, Ärger, Verbitterung und Abstiegen findet dann seinen folgerechten Abschluss.

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