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Credo, quia absurdum est

Erster Brief

Lieber H a n s !

Nach zwei Jahren Waffenstillstand erreicht mich Dein Brief aus Paris. Du fragst nach mir. Aber damit nach uns. Ich soll schildern, wie es mir ergangen ist. Warum hast Du damals, schon ein Jahr vor Ausbruch des Krieges, die Korrespondenz abgebrochen? Weil ich Dir schrieb, Du möchtest Deine politischen Ansichten nicht mehr äußern, wir kennten uns doch? Ich dachte, Du würdest diesen Satz ohne weiteres begreifen. Aber in all den Jahren danach hat es mich verfolgt, Du identifiziertest mich vielleicht, dieser vorsichtigen Mahnung wegen, mit Stukas und Konzentrationslagern.

Ich glaube, ich weiß wenig von mir zu berichten. Als wir uns kannten, stand ich noch in dem Lebensalter, wo man sich nicht real in die Geschehnisse einbezieht, sondern für eine Besonderheit mit gesondertem Schicksal hält. Jetzt ist das ganz anders geworden. Mein Lebensgefühl verdeutlicht sich vielleicht in dem Bild, als sei ich ein Teil des Trümmeratems von Berlin - Staub, Ruinen, Tote - aber auch Hoffnung, Zuversicht, Neubau, manchmal gleißend bunt und lügnerisch; es gibt Augenblicke, wo ich Zuversicht und Neubau für gesund halte.

Ich möchte Dir von den anderen Dingen erzählen, in denen ich bin. Ob Du zurückkehrst? Credo, quia absurdum est.

Meine Weise der Schilderung erhebt nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, es ist »mit meinen Augen« gesehen. Ich darf nicht für alle sprechen, für keine Gruppe, keine Partei, keine Kirche, keine Klasse, nicht einmal für meine Generation - denn noch niemals habe ich mich als Repräsentanten gefühlt. Überhaupt haben mich Verallgemeinerungen mit der Tarantel gestochen.

Gestern sprach ich mit einem Achtzehnjährigen über Rußland. Er hatte Ansichten. Genau so ausgeprägte, rundliche Ansichten hatte er wie einst Du und ich. Er wußte, was Demokratie, was Freiheit meint. Er verstand unter Freiheit Amerika. Es war alles ganz einfach, was er sagte. Plastisch. Ich redete, wie er mir vorwarf, »drum herum«. Erwartest Du anderes von mir? Ich kann nur noch an die Dinge heran, wenn ich um sie herum gehe. Ich schleiche wie eine Katze um den heißen Brei, mit einem verbrannten Geschmack auf der Zunge. Aber niemand hat mich gebrannt oder auf den Mund geschlagen, außer meine eigene Einsicht.

In ein bestimmtes Lager gehöre ich - in das Lager derjenigen, die sich noch in gar keiner Weise beruhigt haben - über Nationalsozialismus und Krieg, über Sozialismus und Kapitalismus, über Schuld und Sühne, über eigene Schuld und eigene Sühne, kann ich mich nicht beruhigen. Auch nicht über unsere Spiegelbilder und unsere Verzerrungen, nicht über Papierverordnungen, an denen Blut und Hunger haften. Ich weiß kein Heilmittel gegen diese Unruhe, und wüßte ich eines, ich würde es nicht anwenden. Es ist mir weder möglich mit einer Phraseologie und Heilpraktikerlehre Strohfeuer zu zünden, die niemanden, außer den Brandstifter persönlich, erwärmen. Soll ich mich an dem Beispiel weiden, daß der Karren nach 1918 ähnlich schief gefahren wurde? Ich sähe keine Zier darin, zur vielgeschmähten, »deutschen Innerlichkeit« abzusinken, nur deshalb, weil sie geschmäht wurde.

Ich habe Descartes stets um den großen Augenblick bewundert und beneidet, da es ihm gelang, sich aller Vorurteile, allen Wissens, aller ausgetretenen Pfade zu entschlagen, um zu finden: cogito ergo sum! Warum soll ich es Dich erst herausfinden lassen, daß vorurteilsloses Denken nicht meine Stärke ist? Ich bin voll Unruhe - ich bin nicht objektiv - es gibt Äußerungen und Geschehnisse, zu denen ich rot sehe. Ich male schwarz-weiß, sicher tue ich das. Zu vielen Bildern, die sich mir aufdrängen, mache ich einfach die Augen zu: das will ich nicht sehen! Eine besondere Art der Verwahrung? Die Wogen des Mitleids, des Grauens - ich will mich nicht von ihnen überspülen lassen. Ich gehe sparsam mit mir selbst um. Für welche Richtung, welchen Weg spare ich mich eigentlich auf? Trotzdem kann ich nicht hindern, daß es auf mich zukommt: krauses materielles und geistiges Elend, das Elend falscher und verfälschter Absichten!

»Ach ja, es tut schon weh -« hat Haringer in einem Abschiedsgedicht vor sich hingesagt. Ich finde nicht, daß es sich sentimental anhört. Oder faßt Du es so auf?

H e l e n e

Zweiter Brief

Lieber H a n s !

Noch weiß ich aus keiner Zeile, wie Du Dich entwickelt hast.

Ich erinnere mich gut all unserer Gespräche. Ich hatte mit Wahrheitsfanatismus, der einseitig und glühend war, die »Macht der Stulle« entdeckt! Wieviel Ethik legte meine Gruppe - die Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Kinder - in diese Stulle! Der Katechismus flog mir um die Ohren und ich aus der Religionsstunde. Abenteurer des Materialismus waren wir und entlarvten Lehrer, Pfarrer und Eltern. Uns selbst entlarvten wir nicht. Wir waren wunderbar gläubig, in mancher Weise gläubiger als Du. Wir träumten weder von Macht, noch von Vermassung. Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit - darauf kam es uns an. Wir hofften, auf schnellstem Wege die irrende Menschheit dazu zu bewegen, eine gerechte Verteilung der Güter vorzunehmen, alle lächerlichen Vorurteile abzubauen, niemals der Stimme des Blutes, sondern immer nur der Helligkeit des Verstandes zu lauschen. Die Menschheit sollte sich dazu bekennen, daß sie gut ist.

Der Revolutionär pflegt in reiferen Jahren die Raupen vom Kohl seines Gartens zu lesen - Ideale haben es an sich, von Schuhsohlen platt getreten zu werden - wer Hörner hat, läuft sie sich ab, falls er auf dem Kopfe läuft.

Was ist aus uns geworden?

Möglicherweise glaubst Du, die Schreckensjahre hätten mich soweit gewandelt, daß ich den Kosmos und meine Rolle in der Welt jetzt anders begriffe? Das ist nicht so. Unter Hitlers Herrschaft haben sich meine Träume von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit konserviert, sie haben sich gehalten, ohne sich in positiver oder negativer Richtung zu entwickeln. Ich konnte mit dem Pfund, das ich in mir trug, nicht arbeiten. Ich mußte es vergraben - es blieb ein Pfund. Politische Naivität blieb politische Naivität. Schwarz waren die Totenkopfmachthaber für mich, die sich die Menge dienstbar machten, indem sie ihre niedrigsten und dumpfsten Triebe glorifizierten.

Nein - die Märtyrer ließen es nicht zu, daß ich mich in eine höhere Gelassenheit finden konnte! Wie ich Deinen Vater auf dem Kurfürstendamm traf. Er versuchte, grußlos an mir vorüberzugehen, um mich nicht in den vergifteten Kreis seines gelben Sterns zu ziehen. Ich ließ mir diese Rücksichtnahme nicht gefallen. Da blieb er stehen und hielt den Hut vor seinen Stern. Ich wollte sprechen, dazu hatte ich mich ihm ja in den Weg gestellt, und nun konnte ich es kaum. Ich fühlte die mechanische Zermalmung des flutenden Verkehrs um uns, die tödliche Gleichgültigkeit des Asphalts, auf dem wir standen. Sein Blick kam auf mich zu mit der grauen Größe eines Schmerzes, der ihm noch bevorstand, und den er bereits überwunden hatte. Plötzlich merkte ich, daß i c h ihm leid tat. Was soll ich daran noch schildern? Am nächsten Tag wollte ich ihn aufsuchen, aber er war nicht mehr in der Uhlandstraße. Eure Wohnung war mit einer Plombe der Gestapo versiegelt.

Deinen Bruder fand ich in seinem möblierten Zimmer in der Wittelsbacher Straße. Er mußte Kisten auf dem Schlesischen Bahnhof schleppen. Wir haben uns oft gesehen, bis er plötzlich auch fort war. Seine Wirtin endlich - Du kennst sie doch noch? - hatte ich bewogen, zu mir zu ziehen. Sie konnte schneidern. Wir hatten beschlossen, sie als Hausschneiderin herumzureichen, damit sie ihren Wohnort öfter wechseln könnte. Bei mir sollte ihr festes Domizil sein. Eines Tages holte sie mich dann vom Geschäft ab, mit einem kleinen Köfferchen. Schon wollte ich mit ihr zum Stadtbahnhof gehen, da fiel mir ein, daß mein Brot nicht reiche. Ich ging in einen Bäckerladen. Als ich wieder herauskam, war sie verschwunden. Ich habe sie gesucht und nicht finden können. Ich hörte später - darauf war ich nicht gekommen -, daß sie plötzlich in ihre Wohnung zurückgelaufen war, den Häschern gerade in die Arme.

Es ist ja Wahnsinn, verzeih mir, daß ich Dir diese Dinge schreibe! Es gab andere, lautere, noch grauenhaftere Geschehnisse! Die Erschütterungen aber, die zum Abgrund der seelischen Existenz hinschwingen, halten uns fest.

Um die schwarze, blutige Kriegsmaschine Deutschland lag für mich eine weiße, schimmernde Welt. Im Osten verstrickte Mütterchen Rußland mit heißblütig slawischer List die gierigen Geier in frierendes Toteneis, verteidigte den tapferen Versuch, der Menschen Dinge neu zu ordnen, gegen unsere stählernen Mordpanzer. Im Westen schimmerte die Sonne der Freiheit vertrauter in den Abendfarben unserer Kultur. Alle miteinander waren sie für mich wie der Erzengel Michael, zu dem ich rief: Verteidige uns im Kampfe, gegen die Nachstellung des Satans sei unsere Schutzwehr! Für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hatte dieser, mein Michael, zu streiten. Nicht um Länderfetzen, nicht um europäisches Gleichgewicht, nicht um die Macht einer Nation.

Ich habe das Kriegsende in einem westdeutschen Dorf, nahe Holland, erlebt. Ich ging gerade, Milch zu holen, als ich ganz nahen Kanonendonner von der Front hörte. Ich habe nicht eine Sekunde die nahende Gefahr gefürchtet. Alle Psalmen sind stumm, verglichen mit der Dankhymne, die in mir aufbrach, weil der Erzengel Michael gekommen war, mit seinem Schwert die Kerker aufzuschlagen, die Konzentrationslager aufzuriegeln, die bleiche Menschen im Moor ersticken ließen - daß nach dieser Sintflut von Mord, Haß und Gier ein Stahlgewitter von Menschenliebe, Freiheit und Gerechtigkeit seine Blitze senden müßte! Und Du warst da. Plötzlich hatte ich keine Angst, Du könntest nicht mehr leben.

Ich glaube, daß sehr viele Deutsche, mochten sie auch beim Biere skeptischer klügeln, von dem gleichen Glückstaumel berauscht, von der gleichen Hoffnung durchglüht waren wie ich.

»You all have been Nazis«, sagten die Kanadier.

Dann kamen polnische Truppen und sagten das gleiche.

Es war selbstverständlich. Es war noch Krieg. Wir waren Feinde und alle Nazis. Daß ich nicht daran gedacht hatte - glaubte ich denn, auf meiner Stirn stünden meine Gesinnungen zu lesen wie auf der Kains das Mordmal?

Später kamen die Engländer mit einer No-Fraternization- Order. Die Nazis sagten: »Wir wollen ja gar nicht mit denen reden!« Die Realisten sagten: »Eine verständliche Verordnung«.

Ich bin nicht zu stolz, zuzugeben, daß mich die oben zitierten Äußerungen, die Verordnungen, nicht nur kränkten, sondern schwer persönlich verwundeten.

Stell’ Dir ein unschuldiges Mädchen vor, das sich, nach inneren Kämpfen, aus wärmster Neigung einem Mann hingibt, und dann erntet sie frivoles Mißtrauen. - Das muß ein ähnliches Gefühl der Verwundung geben.

Neulich unterhielt ich mich mit Bekannten über jene Zeit und führte dieses Beispiel an.

»Das stimmt nicht«, meinte einer mit deutscher Unfehlbarkeit.

Aber es stimmt. Wer es nicht mitempfindet, hat eben niemals für den Sieg der Alliierten aus ganzem Herzen gebetet - zu welchem Gott auch immer.

H e l e n e

Berliner Briefe

Wie kaum eine Autorin ihrer Zeit hat Susanne Kerckhoff den Verlust der moralischen Integrität der Deutschen, ihre Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus und die Frage der daraus resultierenden geistigen Neuorientierung zum Mittelpunkt ihres literarischen Schaffens gemacht.

Ein bedeutendes Zeugnis dieser Auseinandersetzung ist ihr kurzer, 1948 erschienener halb fiktiver Briefroman »Berliner Briefe«. In diesem Buch richtet Helene, eine im zerstörten Berlin lebende Frau, nach Kriegsende 13 Briefe an ihren nach Paris emigrierten jüdischen Jugendfreund Hans. Antworten ihres Freundes erhält sie nicht (oder sie werden den Leserinnen und Lesern bewusst vorenthalten) - so sind die »Berliner Briefe« eine aufrichtige und nichts beschönigende Selbstbefragung, ein beklemmender Rückblick und zugleich eine Bestandsaufnahme des Gemütszustands der Deutschen, zwei Jahre nach Kriegsende und zu Beginn der Nürnberger Prozesse.

Susanne Kerckhoff:
Berliner Briefe
Roman. Hrsg. von Peter Graf
Verlag Das kulturelle Gedächtnis
112 S., geb., 20 €

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