Advent ohne Remmidemmi

Das oft so aufgeregte Leipzig kann ganz ruhig und besinnlich sein. Ein vorweihnachtlicher Bummel durch das Herz der Sachsenmetropole an einem Wochentag in Zeiten von Corona

  • Von Carsten Heinke
  • Lesedauer: 5 Min.

Ungewöhnlich still und leer zeigt sich der Hauptbahnhof an diesem Dienstag. Die meisten Züge fahren, doch nur wenige Menschen steigen ein und aus. Auch mein Besuch ist nicht gekommen. So nutze ich den freien Tag und widme Leipzig einen Solo-Bummel. Mensch, wann hab ich das zum letzten Mal gemacht?

Gleich in den Bahnhofspromenaden beginne ich damit. Auf der Rolltreppe geht es hinab. Direkt unterm Querbahnsteig liegen zwei Etagen voller kleiner Läden, Supermärkte, Gastronomie. Ich erinnere mich, wie groß in den 1990ern die Entrüstung war, als man von den Plänen hörte, dem geliebten alten Hauptbahnhof eine ganze Shopping Mall zu implantieren.

Mit dem Ergebnis jedoch freundete man sich sehr schnell an. Seit das vormals schmutzig-graue Ungetüm nach Umbau und Sanierung in altem hellen Glanz erstrahlt, gehört es - samt schickem Einkaufszentrum (welches optisch nicht stört, das Gebäude aber ungemein belebt) - zu den ersten Sehenswürdigkeiten, die die Einheimischen ihren Gästen zeigen. Bis heute gilt der Hauptbahnhof von Leipzig als schönes Beispiel dafür, wie sich historische Architektur bewahren und zugleich auf zeitgemäße Weise nutzen lässt.

Warmes Eckchen ist aus

Ich hol mir einen Kaffee. Nebenan entscheidet sich ein Mann für eine warme Bockwurst. Dass es die noch gibt! 85 Pfennig mit Senf und Brötchen, fällt mir plötzlich ein, zahlte man früher in der DDR dafür. Der Snack war populär und oft zugleich der einzige, den man unterwegs bekam.

Wegen des begrenzten Warensortiments sprach man deshalb in der Regel nicht vom Imbiss-, sondern Bockwurststand. Der auf dem Hauptbahnhof war zu meinen Jugendtagen meist geschlossen. Doch am Querbahnsteig in der Mitropa (jetzt Buchhandlung) kriegte man fast immer irgendetwas. Viele Jahre war die stets verqualmte Großgaststätte rund um die Uhr geöffnet.

Zum Essen oder Trinken bieten die Bahnhofspromenaden heute Dutzende Gelegenheiten, sogar beim derzeitigen Lockdown. Doch statt Bowu, »Warmem Eckchen« und Soljanka sind dort eher Pizza, Burger, Wraps und Sushi angesagt - momentan wie überall nur »außer Haus«. Sächsische Klassiker wie echtes »Leipziger Allerlei« (mit Flusskrebsen und Waldpilzen) findet man normalerweise in der Innenstadt.

Dort fahre ich jetzt hin. Jawohl, ich mache mir den Spaß und nehme für die knapp 500 Meter bis zum Markt die »U-Bahn«. Der Weg hinunter und hinauf dauert länger als die einminütige Fahrt durch den Citytunnel. Seit 2013 verbindet der den Haupt- mit dem Bayerischen Bahnhof durch eine unterirdische zweigleisige S-Bahntrasse mit insgesamt vier Tiefstationen. Als Teil des regionalen Streckennetzes bindet dieser Abschnitt Leipzigs Innenstadt perfekt in die Umgebung ein.

Per U-Bahn in die City

Per Rolltreppe geht es nach oben - und ins Freie. Unmittelbar neben der imposanten Weihnachtstanne (die eigentlich eine Douglasie ist) lande ich direkt auf dem Marktplatz. Wie an jedem Dienstag und Freitag ist auch heute Wochenmarkt, da der Weihnachtsmarkt wegen Corona abgesagt werden musste. Regionale Händler bieten somit auch in der Adventszeit ihre Lebensmittel feil und sorgen dafür, dass der Platz vorm Alten Rathaus zumindest zweimal wöchentlich belebt ist. Sogar täglich tun das ein paar Weihnachtshütten in der Grimmaischen Straße. Neben Holzkunst aus dem Erzgebirge gibt es dort auch Kerzen, Christbaumschmuck und Süßigkeiten.

Außer dem geschmückten, 17 Meter hohen Nadelbaum strahlen in der ganzen City Lichterketten und Girlanden. Für alle Kinder wurde - wie sonst zum Weihnachtsmarkt - vorm Opernhaus auf dem Augustusplatz ein Figurenwald gezaubert.

Und trotz Maske, die fast alle vorschriftsmäßig in der ganzen City tragen, rieche ich frisch Gebackenes, Gebratenes, Frittiertes. Der Glühweinduft stammt nicht nur von den Ständen auf dem Markt. Denn auch ringsum schenken die ansässigen Wirte oder Händler vor Lokalen und Geschäften Heißgetränke aus - und locken damit Schlenderer wie mich in Seitenstraßen und Passagen.

Kaum anderswo gibt es so viele »überdachte« Ladengassen, von Licht- und echten Höfen unterbrochen. Fast verlaufen kann man sich in ihrem Labyrinth. Der Grund für diese bauliche Besonderheit war der einst knappe Platz. Denn gerade einmal 45 Fußballfelder maß die Stadt, in welcher seit dem Mittelalter der internationale Handel blühte - kreuzten sich doch hier Europas Lebensadern Via Regia und Via Imperii.

Wunderbare Wandelwege

Man baute immer mehr und größer. Es wuchsen die Bevölkerung und auch die Messen, die Leipzig mehrmals jährlich fast zum Bersten brachten. Denn bis zur Neuzeit zwängte es sich in die engen mittelalterlichen Grenzen. Die Stadtmauern blieben bis zum Ende des 18., Tore, Graben und Basteien bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bestehen.

Indem die alten Leipziger ihre Gebäude mit Durchfahrtswegen, Gastwirtschaften und Geschäften unterhöhlten, nutzten sie die Fläche mehrfach. Ganz unten fand das ganze Jahr der öffentliche Alltag statt. Darüber wohnte man. Die obersten Etagen dienten als Warenlager und als Messeräume. Auch wenn später daraus regelrechte Mustermessehäuser wurden: Die Passage war und ist in vielen Fällen das Wichtigste am ganzen Bauwerk.

Zusammen mit Faust, Mephisto und den drei verzauberten Studenten stehe ich am Eingang zum berühmtesten von Leipzigs wundersamen Wandelwegen - der Mädlerpassage. Gewidmet sind die lebensgroßen Bronzemänner sowohl dem deutschen Dichterfürsten Goethe als auch einem seiner frühen Wirkungsorte: Auerbachs Keller.

Johann Wolfgangs Studi-Kneipe

Das Gasthaus, in dessen Gewölben schon im 15. Jahrhundert Wein ausgeschenkt wurde, gehörte zu den Lieblings-Zechadressen Johann Wolfgangs, als er zum Studium in Leipzig lebte. Nicht zuletzt vielleicht, weil es ihn als Schauplatz einer Sage um Herrn Faustus inspirierte. Mit seinem Hauptwerk »Faust«, in dem das Leipziger Lokal neben dem Harzer Brocken (»Blocksberg«) der einzige konkret benannte Ort ist, ging es in die Weltliteratur ein.

Doch bevor ich weiter durch die inhäusigen Ladenstraßen streife und auf viele weitere illustre Namen und Geschichten stoße, genehmige ich mir einen Glühwein »to go«. Weil ich einen ohne Alkohol verlange, krieg ich den in einer bunten Kindertasse. Vorne drauf: Frau Elster und Herr Fuchs. »Kreuzspinne und Kreuzschnabel!« denke ich und genieße meinen Bummel und die Erinnerungen an das Märchenland.

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