Ehrenamt

Die Kinder des Herrn Ohnemichel

Vom schlechten Sinn der guten Taten: Zum »Internationalen Tag des Ehrenamts«

Von Claudia Pinl

Was hat ein ehrenamtlicher Bürgermeister mit der Helferin bei einer »Tafel« gemein? Was die Freiwillige Feuerwehr mit der Grünflächenpatin im städtischen Park oder der Lesementorin in der Grundschule? 30 Millionen Menschen engagieren sich in der Bundesrepublik in irgendeiner Weise ehrenamtlich, fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung. Damit gehört Deutschland zu den Ländern mit besonders hohem Anteil an Freiwilligen, die laut dem Bundesverband der Vereine und des Ehrenamtes fünf Milliarden Arbeitsstunden im Jahr leisten. Aber das reicht nicht. Fast täglich hören wir das aus Politik, Kommunen und Wohlfahrtsverbänden. Und jährlich am 5. Dezember, dem »Internationalen Tag des Ehrenamts«, wird die Werbetrommel für Gratisarbeit besonders öffentlichkeitswirksam gerührt.

Woher kommt der Bedarf an kostengünstigem Einsatz so vieler Menschen? Ältere mit Westbiografie erinnern sich vielleicht an die »Aktion Gemeinsinn«, die mit dem Slogan »Miteinander - Füreinander« und der Negativfigur des »Herrn Ohnemichel« in den 1950ern für das Ehrenamt warb. Damals verstand man darunter die gesetzlich geregelten, vielfach mit Aufwandsentschädigungen und Freistellungsansprüchen verbundenen Funktionen in Vereinen, der Justiz, in der Politik oder den Rettungsdiensten.

»Ihm fehlt Gemeinsinn«, wurde der Herr Ohnemichel auf damaligen Plakaten angegriffen. So negativ würde man heute nicht mehr werben. Doch in der Sache nimmt man seine Kinder und Enkel noch viel weitergehend in Anspruch: Im Fokus der heutigen, von Bund und Ländern massiv betriebenen »Engagementpolitik« stehen an erster Stelle Arbeiten im Sozialbereich, in der Pflege, der Bildung und anderweitiger öffentlicher Daseinsvorsorge, die vor einigen Jahrzehnten noch bezahlt wurden.

Bürgerschaftliches Engagement jenseits von Wahlen, die Bereitschaft, mit anderen an einem guten, selbstbestimmten Leben für alle zu wirken, ist unverzichtbar in einer Demokratie. Auch die spontane Hilfe in Notlagen gehört dazu, bei Unfällen, Katastrophen oder großen Flüchtlingsbewegungen. Problematisch wird es aber, wenn die Ressource Engagement instrumentalisiert wird, um von der Politik geschaffene Lücken in der Daseinsvorsorge zu stopfen.

Das rasante Wachstum dieses »neuen Ehrenamts« verdanken wir dem Triumph der neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, die ab Ende der siebziger Jahre die Nachkriegs-Wohlfahrtsstaatlichkeit in den westlichen Industrieländern ablöste. Bei Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA lautete das Dogma, der Staat müsse schrumpfen und soziale Aufgaben privater Initiative und den Selbstregulierungskräften des Markts überlassen werden. Steuern und Löhne müssten sinken. Nur so könnten sich die Industrieländer in der globalisierten Weltwirtschaft behaupten.

Die Bundesrepublik folgte alsbald diesen Vorbildern, nicht ohne massive Einflussnahme der Marktradikalen in Wirtschaftsforschungsinstituten und »Denkfabriken« wie der Bertelsmann-Stiftung. Mit dem Amtsantritt von Helmut Kohl 1982 begann der Stellenabbau im öffentlichen Dienst. Renten wurden gekürzt, Infrastrukturen privatisiert, Gesundheitswesen und Wohlfahrtspflege für privatwirtschaftliche Anbieter geöffnet, Unternehmen mit Steuersenkungen und der Legalisierung prekärer Beschäftigungsverhältnisse erfreut.

Wenn Wohlfahrt und Dienste abgebaut werden, weil der »schlanke Staat« nicht mehr bezahlen will oder kann, was dann? Gleich in seiner ersten Regierungserklärung sprach Kohl von »Entfremdung« durch den »anonymen, bürokratischen Wohlfahrtsstaat«. Die Alternative: »Wir wollen mehr Selbst- und Nächstenhilfe der Bürger untereinander.« Bürgerinnen und Bürger müssten wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen, für ihre Familie, die Gemeinde, die Gesellschaft.

Auch wenn sich Kohl auf die katholische Soziallehre berief, wird doch eine geistige Nähe mit dem um diese Zeit in den USA propagierten Kommunitarismus deutlich. Vertreter dieser soziologisch verbrämten Morallehre glaubten, der zunehmenden sozialen Spaltung der US-Gesellschaft könne man entgegentreten durch Rückbesinnung auf Werte des Helfens und der Verantwortung in Familien und anderen Communities, bis hin zur Gesellschaft insgesamt. In Deutschland erwies sich dies auch an anthroposophische Ideen als anschlussfähig, die etwa bei Teilen der Grünen gehegt wurden. Selbst Linke hofften gegen Ende des 20. Jahrhunderts, die Digitalisierung werde die »Lohnsklaverei« beenden und Menschen zu »Eigenarbeit« in Familie und Ehrenamt befähigen.

Aber auch hierzulande stieg alsbald das Armutsrisiko, auch dank der Hartz-Gesetze der rot-grünen Regierung mit dem »besten Niedriglohnsektor in Europa«, wie Kanzler Gerhard Schröder 2005 auf dem Weltwirtschaftsforum hervorhob. Seine SPD arbeitete unterdessen scheinbar an der Eindämmung der sozialen Folgen, beschwor »Netzwerke der Selbsthilfe und Selbstorganisation«, die an die Stelle einer »bevormundenden Sozialbürokratie« treten sollten. Der Bundestag befand 2002, es sei nötig, »zuzulassen und zu fordern, dass Bürgerinnen und Bürger in größerem Maße für die Geschicke des Gemeinwesens Sorge tragen«.

Höchste Zeit also für den Auftritt der Freiwilligen an den bröckelnden Rändern der Daseinsvorsorge. Rund 60 Jahre nach den Armenküchen der Weltwirtschaftskrise entstand 1993 in Berlin die erste »Tafel«.

Seither boomt die Goodwill-Industrie. Allerorten sucht man »Stadtteilmütter« für soziale Brennpunkte, Lesementoren für Grundschulen, ehrenamtliche Bibliothekarinnen für von der Schließung bedrohte Büchereien, Begleitpersonen für Pflegebedürftige, Fahrer für »Bürgerbusse« - die Liste will nicht enden. Kaum jemand hinterfragt noch, warum es in einem der reichsten Länder der Erde so viele wohnungslose Menschen gibt, warum so viele arme Alte, warum so schlecht finanzierte Kommunen, marode Schulen, fehlende Fachkräfte in Pflege und Gesundheit. Viele Menschen meinen inzwischen, Armen zu helfen oder Schultoiletten zu reparieren sei nicht Aufgabe des Sozialstaats oder der Kommune, sondern von Spendern, Sponsoren und Ehrenamtlichen.

Um die Freiwilligen bei der Stange zu halten, schwärmen die Advokaten der »Bürgergesellschaft« gern von »Sphären der Selbstermächtigung«, die entstünden, sobald »der Bürger vom Leistungsempfänger und Konsument zum aktiven und relativ selbst bestimmten Koproduzenten im System des gesellschaftlichen Bedarfsausgleichs« wird: So salbungsvoll klingt der Neoliberalismus im »Ersten Engagementbericht« der Bundesregierung von 2012.

Was aber kann die ehrenamtliche Helferin im Café des Altenheims am Pflegenotstand ändern? Welchen Einfluss hat die Mitarbeiterin einer »Tafel« auf die Notlage derjenigen, denen sie Obst und Gemüse reicht? »Selbstbestimmung« und der ebenfalls häufig beschworene »Eigensinn« des Engagements stoßen im Übrigen schnell an Grenzen, sobald der »Eigensinn« der Bürger kommerziellen Interessen im Wege steht. Kein Ehrenamtspreis winkt, wenn Menschen gegen den Abriss preiswerter Wohnungen protestieren oder in Braunkohlegebieten Wälder und Dörfer vor den Baggern zu retten versuchen.

Aktuell lehrt die Pandemie selbst die standhaftesten Neoliberalen, dass »Privat vor Staat« nicht funktioniert, wenn Schutzausrüstung, Desinfektionsmittel und Pflegepersonal fehlen. Noch so gutwillige Ehrenamtliche können keine kaputt gesparten Gesundheitsämter oder überforderten Altenheime und Krankenhäuser retten.

Schön wäre es, wenn am Tag des Ehrenamts diese Erkenntnis auch auf andere Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge übertragen würde, auf die darbenden Kommunen beispielsweise, auf den unterfinanzierten Bildungssektor, die steigende Wohnungsnot. Denn »Selbst und Nächstenhilfe der Bürger untereinander« ist eine wichtige Ressource für unser Zusammenleben. Sie ist zu schade, um damit nur die politisch zu verantwortenden Löcher in der öffentlichen Daseinsvorsorge notdürftig zu stopfen.

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