Ducks on Drugs

Weniger Pimmel, mehr Du und Ich

Die Igitt-Pop-Ikonen Schnipo Schranke gibt es nicht mehr, dafür jetzt Ducks on Drugs

Von Christin Odoj

Fünf Jahre ist es her, da kamen zwei Frauen auf die Bühne geschlurft, mental im Schlafanzug auf der Couch liegend, und sangen Songs über schlecht riechende Geschlechtsteile. Es folgte kollektives Ausrasten. Das ist der neue supergeile Feminismus. Kann sein, aber das war Daniela Reis und Fritzi Ernst, alias Schnipo Schranke, einfach total egal. Ihnen ging es doch nur um Liebe, Schmerz und ganz wenig Hoffnung. Kritiker*innen hievten sie auf den Popthron, wo lange nicht mehr so viele Pisse-, Pimmel- und Sackhaare-Texte waren wie seit den Alben »Satt« und »Rare«.

Nun gibt es Schnipo Schranke nicht mehr. Die Dreierkonstellation - Ernst, Reis und ihr Ehemann, der Trommler Ente Schulz, der bei den Livegigs mit auf der Bühne stand - war schlicht keine gute Idee. Übrig geblieben sind nun Reis und Ente unter neuem Namen: Ducks on Drugs. Am Songdesign hat sich wenig geändert, was ein gutes Zeichen dafür ist, wer bei Schnipo Schranke den prägenden Input gab. Es ist nur eben leider so, dass mit Ernsts Verschwinden auch der grandiose Humor verloren ging, der Schnipo Schranke ausmachte. Einen feuchten Achselfurz interessierte es die beiden, ob um sie herum gerade die Welt zusammenbrach, es ging mal um Obstsalat, im nächsten Song ums Irgendwodrinrumpopeln und dann wieder um die gestorbene Katze - und das alles war tanzbar und alles andere als irrelevant.

Das Debütalbum »Stabil labil« der Ducks on Drugs läuft den von Schnipo Schranke eingeschlagenen Weg weiter, mit weniger Pimmel, dafür mehr Du und Ich, was zwar das gleiche meint, aber nicht ganz so igitt ist und deshalb weniger witzig. Ab und an blitzt noch die geniale Schnipo-Selbstironie durch, etwa bei »Wir flippen aus«, wenn es heißt: »Melodie ist uns ein Graus. Bei monoton flippen wir aus.«

Musikalisch hat die Platte deutlich stärkere Anleihen bei der Neuen Deutschen Welle als die alten Schnipo-Schranke-Werke. Insgesamt klingt das doll nach Ideal. Wunderschön ist die morbide Stimme Reis’, dazu Entes Sprechgesang, der an den letzten übrig Gebliebenen im Silbersack morgens um sieben erinnert, der aber immer noch fit genug ist, den Barmann mit seinem Herzschmerz vollzuseiern. Noch immer sind die Arrangements wie ein extrem amüsanter Jahrmarkt voller irrer Buden, die Synthesizer und das Keyboard flirren, klirren und dengeln, was das Zeug hält. Ganz charmant ist die Hommage an Bowies Übersong »Heroes« (wenig subtil »Helden« genannt) inszeniert als wilde Autoscooterfahrt.

Was auch geblieben ist, ist die totale Abkehr von der Außenwelt. Wir hören hier zwei Menschen beim Musizieren zu, die man sich, eingeschlossen im Studio im Bademantel und Bärchenschlafanzug, mit genug White-Russian-Vorrat für Wochen vorstellt.

Es geht um die Kindheit und Jugend als Außenseiter, weil weder normschön noch brav genug. Und darum, wie man mit Langeweile umgehen soll, diesem Luxusgut, das schöner wird, wenn man es teilt. Oft kommt die Frage auf, was der Ausweg ist, wenn es keinen Ausweg mehr gibt und am Ende ist es immer: das Wir. Das ist nicht kitschig. Reis und Ente sind zwei kaputte Seelen, die sich gefunden haben, so wie Amy Winehouse und Blake Fielder-Civil oder Werner Herzog und Klaus Kinski.

Dabei bringt diese gemeinsame Isolation und der damit verbundene Gefühlssezierfetisch doch einige wunderschöne Liebeslieder hervor, die zeigen, was die Kraft der Liebe alles heilen kann. Da bauen sich die beiden sogar aus Angststörungen und Depressionen eine Trutzburg, die nichts und niemand einreißen kann. Sie singen: »Liebling, hab keine Angst, wenn du in die Tasten langst. Wir stürmen die Charts und hol’n uns was vom Arzt. Wir schreiben Geschichte, die anderen Schund.«

Dazu kommt ein grandioser Charme, manifestiert in der Textzeile »Jedem Anfang wohnt ein Ende inne« aus dem Song »Ich bin Dein Schmerz«. Schöner kann man einem cordjacketttragenden Hesse-Fan nicht vor die Füße rotzen. Er ist sowieso der beste Track des ganzen Albums, schon wegen des oldschooligen Gitarrenriffs und weil es nie genug Songs auf der Welt geben kann, in denen gepfiffen wird. Und schlussendlich ist es einfach ein super Liebeslied.

Punktabzug aber noch zum Schluss: Englisch steht den Songs überhaupt nicht, das macht sie schlank, schön, austauschbar. Was die Musik von Reis und Ente aber ausmacht, ist eigentlich fett, faul und selbstreferenziell und deshalb absolut bezaubernd.

Ducks on Drugs: »Stabil labil« (Audiolith)

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