Star-Trek Discovery

Stellt ihr euch so Männer im 23. Jahrhundert vor?

JEJA NERVT: Und fragt sich, was man von »Discovery« lernen kann.

Von Jeja Klein

Am Dienstag attestierte nd-Kollegin Norma Schneider der Star-Trek-Serie »Discovery«, unter allzu viel Coolness den Sinn für das Uneindeutige, für philosophische Fragen und Emanzipationserzählungen verloren zu haben. Dabei unterschätzt sie die befreiende Wirkung, die die oft intime Darstellung homosexueller und transgeschlechtlicher Charaktere auf ihrem Treck durchs All hat. Doch der Geschichte des Ex-Partners von Hauptfigur Michael Burnham (Sonequa Martin-Green), Ash Tyler (Shazad Latif), sollten wir uns noch einmal zuwenden. Hier hat »Discovery« in den ersten Staffeln mehr geschlechterpolitisches Porzellan zerstört, als sich durch tolle Trans-Teenager in Staffel 3 wieder gutmachen ließe. Große Triggerwarnung!

Ash Tyler stößt zur Crew, weil er das Glück hat, dass Discovery-Captain Gabriel Lorca (Jason Isaacs) nach einer Kommandoaktion der Klingon*innen im selben Gefängnis landet wie er. Zusammen können sie ausbrechen. Nach und nach wird die Geschichte Tylers offengelegt, der in den Monaten im klingonischen Knast nicht nur gefoltert wurde. In fragwürdigen Flashback-Szenen werden wir mit einer Mischung aus blutrünstigen Operationen bei vollem Bewusstsein und Vergewaltigungen durch die Klingonin L’Rell (Mary Chieffo) konfrontiert. Als die Crew der Discovery L’Rell schließlich selber in ein Eindämmungsfeld sperrt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Tyler sucht seine Vergewaltigerin heimlich auf. Seine Wut aber wandelt sich zusehends in Sehnsucht und Gehorsam - so weit, so reflektiert. Wie ich in meiner Kolumne »Warum haben Frauen schon wieder den Donald gewählt?« beschrieb (und worüber sich Dieter Nuhr in seiner Sendung lustig machte), schützen sich Betroffene von sexueller Gewalt häufig durch Loyalität zum Täter vor dem völligen Zusammenbruch ihres Ichs.

»Discovery« spitzt dieses psychologische Motiv erzählerisch noch zu: L’Rell schafft es durch Anweisungen, Tyler dazu zu bringen, sie aus der Arrestzelle freizulassen. Als sie ihm in klingonischer Sprache Befehle erteilt, wirkt er wie fremdgesteuert. Tatsächlich werden wir im Lauf der Serie erfahren, dass die OP-Flashbacks auf einen brutalen Prozess der Überschreibung von Persönlichkeit zurückgehen, mit dem L’Rell einen anderen Klingonen, Voq, in Tyler eingeschrieben hat. So sollte Voq die Sternenflotte infiltrieren. Der Plan misslingt schließlich, weil sich Tyler gegen die Übermacht des Klingonen in ihm zur Wehr setzt - nicht ohne dass Voq vorher sein tödliches Handwerk an der Crew der Discovery beginnen konnte. Schließlich kann L’Rell vom Scheitern ihres Plans überzeugt werden - und davon, die Prozedur wenigstens teilweise rückgängig zu machen.

Hier könnte dieser Erzählstrang enden, und wir hätten etwas Wichtiges über männliche Betroffenheit, Frauen als Täterinnen von Vergewaltigung, ja etwas Wichtiges über das Menschsein selber gelernt, das uns von unserem vergeschlechtlichten Blick allzu leicht verstellt wird. Doch die Serie überdreht den Faden: Tyler entfremdet sich zusehends von der Crew und von Burnham, zu der eine fragile Liebesbeziehung entstanden ist. Irgendwann glaubt er, der Föderation nur noch mit seinen Erinnerungen Voqs dienlich sein zu können. Die Crew kann einen Frieden zu den Klingon*innen einfädeln und eine geläuterte L’Rell als neue Kanzlerin auf der Klingon*innen-Heimat Qo’noS installieren. Tyler beschließt, Burnham zu verlassen - und als Diener und »Liebhaber« L’Rells auf dem Planeten zu bleiben. Dort hilft er im Endeffekt dabei, das Leben im Universum vor der Auslöschung durch KI-Superschurk*in Control zu bewahren.

Die Figur Tylers geht durch eine konfrontative, aufklärerische Darstellung der grausamen psychischen Folgen sexueller Gewalt - um dann aus seinem Martyrium noch Qualitäten als »Sexagent« der Föderation ziehen zu können. Das ist nicht nur eine Bestätigung der Überzeugung von Männern des 21. Jahrhunderts, eigentlich nicht wirklich von sexueller Gewalt betroffen sein zu können oder dass Qualen einem höheren Sinn folgen. Es ist auch einfach unfassbar gemein Tyler gegenüber.

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