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Overkill der Zeichen

Er ist ein Meister der überbordenden Bezüge: Die Hamburger Deichtorhallen zeigen die bislang größte Einzelausstellung des südafrikanischen Künstlers William Kentdridge

  • Von Falk Schreiber
  • Lesedauer: 4 Min.

Das ist keine Ausstellungshalle, das ist eine Bühne. Über die gesamte Breite des Raumes erstreckt sich William Kentridges Videoinstallation »More Sweetly Play The Dance« (2015). 45 Meter, eine Breitwandpräsentation, die jedes Maß sprengt. Man erkennt Kohlezeichnungen, die eine zerstörte Landschaft, öde Hügel, vertrocknete Pflanzen und ein wenig Industrie zeigen. Nach einiger Zeit schreitet eine Marching Band von links in den Raum, die African Immanuel Essemblies Brass Band, und intoniert eine kaum einzuordnende Melodie, schwermütig und verspielt, gradlinig und vertrackt, minutenlang, zwei Schritte vor, ein Schritt zurück - bis sich die Band langsam wieder nach rechts verabschiedet.

»More Sweetly Play The Dance« ist eine zentrale Arbeit in Kentridges Werkschau »Why Should I Hesitate: Putting Drawings To Work« in den Hamburger Deichtorhallen. Die ganz große Form, jenseits klarer Gattungsgrenzen, figürliche Darstellung, die sich aber nie ganz enträtseln lässt. Der Titel bezieht sich auf Paul Celans »Todesfuge«: »Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland / er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft / dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng«. Der Text weist nach Auschwitz, aber die Bilder und die Musik lassen Kentridges südafrikanische Heimat erkennen, das ausgetrocknete Brachland ist die Industrielandschaft südlich von Johannesburg. Und an einer Stelle erinnern Krankenhausbilder an die Ebola-Pandemie aus dem Entstehungsjahr der Arbeit. »More Sweetly Play The Dance« ist ein Zeichenoverkill, aus Bezügen zwischen Europa, Afrika, Amerika.

Kentridge ist der aktuell kommerziell erfolgreichste afrikanische Künstler, ein weißer Südafrikaner mit Anti-Apartheid-Vergangenheit und trotz internationaler Wahrnehmung fester Heimatverortung in Johannesburg. Hamburg ist die zweite Station von »Why Should I Hesitate«, Premiere feierte die bis dato größte Einzelpräsentation des heute 65-Jährigen im Zeiss MOCAA, einem in ehemaligen Getreidesilos untergebrachten Museum an der Waterfront Kapstadts. Das Gebäude erinnert laut Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow an eine Industriekathedrale - weswegen der Umzug in die Deichtorhallen durchaus seine Berechtigung hat, haben die ehemaligen Großmarkthallen doch ebenfalls Kathedralencharakter.

Was dabei etwas zu kurz kommt, ist der inhaltliche Zusammenhang: Kentridges Arbeit mag formal heterogen daherkommen, mag Zeichnungen, Filme, Objekte und Installationen beinhalten, doch seine Projekte als Opernregisseur sowie als Bildhauer fallen in dieser Ausstellung ein wenig unter den Tisch. Sein politisches Kernthema bleibt die Wunde, die Kolonialismus und wirtschaftliche Ausbeutung dem afrikanischen Kontinent geschlagen haben. Und keine deutsche Stadt hat historisch so stark vom Kolonialismus profitiert wie Hamburg. Dementsprechend: Das passt schon hierher.

Freilich um den Preis einer gewissen Überforderung. In seinen weitschweifenden Arbeiten nimmt Kentridge Bezug auf die europäische Kunsttradition - wie auf Pierre-Auguste Renoir in »Luncheon Of The Boating Party« von 1985 oder Francisco de Goya in »Pit« von 1979. Er verändert die Blickökonomie - »What Will Come (Has Already Come)« von 2017 ist ein Animationsfilm aus abstrakten Kohlezeichnungen, der sich erst beim Blick durch eine ausgeklügelte Spiegelkonstruktion als figürlich entpuppt. Er denkt politisch um mehrere Ecken. Was schließlich dahin führt, dass »Notes Towards a Model Opera« (2011) als Kreuzung aus Installation, Film, Malerei und Tanz ursprünglich für eine Ausstellung in Peking gedacht war und durch die kolonialismuskritische Motivation Kentridges zu einer Kritik am wirtschaftlichen Kolonialismus Chinas in Afrika erweitert wird. In Hamburg kann diese kritische Installation nur dokumentiert werden. Zu sehen sind Fotografien (von einer Performance der Tänzerin Dada Masilo), Objekte, Gemälde. Verwiesen wird auf die »Revolutionäre Modelloper«, entstanden im Zuge der Großen Proletarischen Kulturrevolution, und ja, diese ganzen Verweise lassen sich entschlüsseln. Angesichts ihres Umfangs aber schwirrt einem in den Deichtorhallen ziemlich schnell der Kopf.

Dabei ist »Why Should I Hesitate« alles andere als unzugänglich. Die Ausstellungsdesignerin Sabine Theunissen hat schon für die Präsentation in Kapstadt eine sinnliche Architektur entwickelt, in der Filme in eigens angefertigten Videoboxen (aus Kork) gezeigt werden, in der die Installation »O Sentimental Machine« (2015) - ein Nachbau von Leo Trotzkis Istanbuler Exil in den Jahren 1929 bis 1933 - als teppichgedämpfter Narrationsraum daherkommt und gleichzeitig in direkter Verbindung zu Kentridges wandfüllenden Tapisserien steht. Dazu kommen eine Bibliothek, die selbst schon wieder installativen Charakter annimmt, obwohl sie tatsächlich auch zum Schmökern in Kentridges Publikationen genutzt werden soll, sowie ein Nachbau des Johannesburger Ateliers des Künstlers, der sich allerdings als inszenierter Raum entpuppt und in erster Linie eine Leerstelle anspricht: das Atelier als sozialer Ort, an dem politisch, sozial und künstlerisch geforscht werden kann.

Und wenn man das alles verdaut hat, dann versteht man auch eine weitere Argumentation, weswegen Kentridge für Deichtorhallen-Chef Luckow perfekt nach Hamburg passt: Weil diese Ausstellung ähnlich wie die Methode des gebürtigen Hamburger Kunsthistorikers und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg nicht zuletzt ein Entschlüsseln von Bezügen ist. Dass »Why Should I Hesitate« auch als Blockbuster-Ausstellung mit einem der erfolgreichsten Gegenwartskünstler fungiert, das sagt Luckow allerdings nicht.

»William Kentridge. Why Should I Hesitate: Putting Drawings To Work« bis 18. April in den Deichtorhallen Hamburg. Momentan ist das Haus geschlossen, es gibt aber eine digitale Einführung in die Ausstellung. Mehr Informationen sind auf der Internetseite der Deichtorhallen zu finden.

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