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Norwegische Handball-Lektion

Die DHB-Frauen verlieren mit 23:42 gegen die Rekordeuropameisterinnen

  • Von Michael Wilkening, Kolding
  • Lesedauer: 3 Min.

Zum Glück neigt Henk Groener nicht dazu, Dinge persönlich zu nehmen, denn sonst hätte der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft der Frauen beleidigt sein können. Wegen einer Corona-Infektion hatte der Niederländer nicht nur die komplette Vorbereitung auf die Europameisterschaft in Dänemark verpasst, sondern musste auch den 22:19-Sieg seiner Mannschaft im Auftaktspiel in Kolding gegen Rumänien Zuhause von der Couch aus verfolgen. Als Groener nach einem negativen Corona-Test endlich zu seiner Mannschaft und nach Dänemark nachreisen konnte, erlebte die ein historisches Debakel. Nie zuvor verloren die deutschen Frauen bei einer EM so hoch wie beim 23:42 gegen Norwegen.

»Es war eine Handballlektion, die wir heute bekommen haben«, sagte der Bundestrainer nach dem frustrierenden Erlebnis in Kolding. Der 60-Jährige wirkte erstaunlich ruhig und aufgeräumt, als er über das Erlebte sprach. Sicher, Norwegen ist Rekord-Europameister und gehört auch in Dänemark zu den Anwärtern auf den Titel - aber eine solche Leistung mit dem daraus resultierenden Ergebnis war nicht vorherzusehen. Groener, der auch nach Siegen ruhig und analytisch ist, hatte kein Interesse daran, öffentlich mit seinem Team abzurechnen. »Wir haben es zu keiner Phase des Spiels geschafft, Norwegen in den Griff zu kriegen. Dann ist so ein Ergebnis auch gerecht«, sagte der Bundestrainer in aller Deutlichkeit, formulierte seine Sätze aber nicht vorwurfsvoll. Ob dieser Umgang mit der Niederlage richtig ist, wird der weitere Turnierverlauf zeigen müssen.

Immerhin reicht trotz des Debakels gegen die Norwegerinnen schon ein Remis im abschließenden Gruppenspiel gegen Polen an diesem Montag, um sich für die Hauptrunde zu qualifizieren. Sollte Rumänien gegen Norwegen verlieren, wären die Deutschen selbst bei einer Niederlage mit zwei Treffern Unterschied gegen die bislang punktlosen Polinnen weiter.

Eine Niederlage gegen Norwegen ist an sich kein Grund, sich um ein deutsches Nationalteam der Frauen zu sorgen, doch die Art und Weise des Auftritts gegen eine Topnation gab doch zu denken. Im Grunde waren die Deutschen von der ersten Minute an chancenlos, auch wenn sie bis zum 8:11 in der 13. Minute den Anschluss noch einigermaßen halten konnten. Doch dieser Zwischenstand täuschte über die Kräfteverhältnisse auf dem Feld hinweg. In der Deckung fand die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) kein Mittel gegen das schnelle Spiel der Skandinavierinnen und im Angriff wirkte der Vortrag uninspiriert und fahrig - und damit eben nicht wie das Spiel einer Mannschaft, die Ambitionen hat, das Halbfinale zu erreichen.

Nachdem die deutschen Handballerinnen in der jüngeren Vergangenheit zum Teil sehr knapp an der Qualifikation für die Medaillenrunde vorbeigeschrammt waren, ist das Halbfinale bei der EM ja das erklärte Ziel der Mannschaft. »Das muss auf jeden Fall aufgearbeitet werden«, forderte Linksaußen Antje Lauenroth nach der Partie. Alle Spielerinnen hatten auf dem Feld gefühlt, wie weit der eigene Anspruch und die Realität am Samstag auseinanderlagen. Das kann Spuren hinterlassen, wenn es Mannschaft und Team nicht gelingt, nach der notwendigen Analyse das Erlebte abzuhaken. Das Geheimnis für ein gutes Abschneiden bei einem großen Turnier ist es schließlich, dem letzten Spiel nicht lange nachzuhängen - unabhängig davon, ob es sich um einen glorreichen Sieg oder eine schmerzhafte Niederlage handelt.

Groener, der als Trainer der niederländischen Frauen Vizeweltmeister wurde, weiß das natürlich und er kennt die Chancen, die seine Mannschaft weiterhin hat. Mit einem Sieg gegen Polen am Montag würden die Deutschen mit zwei Punkten auf der Habenseite in die Hauptrunde starten - wären dort dann aber auf weitere Erfolge angewiesen, um das Halbfinale erreichen zu können. Ob man aus der Lektion der Norwegerinnen bis dahin schon gelernt hat, bleibt abzuwarten. Sonst wird es für den selbst ernannten Medaillenanwärter eng mit einer erfolgreichen Europameisterschaft in Dänemark. »Wir müssen uns jetzt wieder aufbauen«, sagte Groener mit der Gewissheit, dass es bei dieser Europameisterschaft keinen Ausrutscher mehr geben darf.

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