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Wissen, worüber man stolpert

Brandenburg legt eine Datenbank zu den Mini-Denkmälern für Naziopfer an

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Paul Wallich interessierte sich für Philosophie und begeisterte sich fürs Segeln. Wie sein Vater Hermann, der 1870 zu den ersten Chefs der Deutschen Bank zählte, arbeitete auch Paul Wallich als Bankier. Für die Nazis war er einfach nur Jude. Dabei trat bereits seine Mutter zum evangelischen Glauben über und auch Paul Wallich fühlte sich als Christ - und als Deutscher. Er hielt bewusst Abstand zu jüdischen Kreisen. Für die Faschisten spielte das keine Rolle. Sie stuften ihn nach ihren berüchtigten Rassegesetzen ein. Verzweifelt stürzte sich Wallich 1939 von der Kölner Hohenzollernbrücke in den Tod. Er lebte zuvor in der Potsdamer Villa Schöningen, die er von seinen Eltern geerbt hatte. Vor der Villa wurde im Mai 2013 ein Stolperstein verlegt, um an das Naziopfer Paul Wallich zu erinnern.

Das ist einer von mittlerweile 1109 Stolpersteinen, die der Künstler Gunter Demnig verteilt über das Land Brandenburg im Laufe der Jahre zumeist eigenhändig verlegt hat. Vor wenigen Tagen schaltete das hiesige Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit eine Internetseite frei, auf der sich anhand einer Karte und einer Liste all diese Stolpersteine finden.

Die Datenbank erlaube einen persönlichen Blick auf die Geschichte, würdigt Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) das Projekt. »Dies gelingt mit zusätzlich präsentierten Dokumenten aus Archivbeständen, auf die wir dank der Homepage viel leichter Zugriff haben werden.« Das Projekt gegen das Vergessen verdeutliche, wie »Antisemitismus und Rassismus eine ganze Gesellschaft radikalisierten und zu unvorstellbaren Gräueltaten führten«.

Allerdings sind die auf der Homepage verfügbaren Informationen noch lückenhaft. Im kommenden Jahr solle weiter daran gearbeitet werden, kündigt Frauke Büttner an. Sie leitet die Geschäftsstelle des Aktionsbündnisses und sagt: »Wir wünschen uns vor allem, dass wir mehr Biografien zu den 1109 Steinen erstellen können. Denn es sind die Geschichten hinter den Steinen, die das Projekt so besonders machen.«

Tatsächlich sind die Lebenswege ursprünglich alle recherchiert worden, bevor Demnig die jeweiligen Stolpersteine anfertigte und vor den letzten bekannten Adressen der Naziopfer in die Gehwege einließ. Nachgeforscht haben Ortschronisten, Heimatvereine oder auch Schulklassen. Dem Schicksal von Paul Wallich etwa spürten Schüler der Potsdamer Voltaireschule nach, unterstützt von Monika Nakath vom Landeshauptarchiv. Weil das »nd« seinerzeit berichtete, findet sich dieser Fall, wie viele andere, im Archiv der Tageszeitung. Doch auf der Internetseite stolpersteine-brandenburg.de ist einstweilen nur vermerkt, dass Paul Wallich am 8. Oktober 1882 zur Welt kam, wegen seiner jüdischen Abstammung verfolgt wurde und am 11. November 1939 starb - also nicht viel mehr, als auf dem Stolperstein eingraviert ist.

Das ehrenamtliche Engagement der Initiatoren vor Ort sei die Basis des Projekts, weiß Katja Demnig, die mit Gunter Demnig zusammenarbeitet. »Ohne sie wäre das Projekt niemals so groß geworden.« Für Stolpersteine können Patenschaften übernommen werden. 120 Euro kostet ein Stein, auf dem der Name des Naziopfers vermerkt ist sowie das Datum der Ermordung beziehungsweise Deportation. Solche Stolpersteine gibt es vor allem für Juden, aber auch für Zeugen Jehovas oder Kommunisten.

In Motzen liegt seit dem Jahr 2010 sogar einen Stolperstein für Walter Frick. Dabei war er ab 1930 NSDAP-Mitglied, blieb es aber nicht bis zum Ende seines Lebens. Die Faschisten richteten ihn hin, weil er Hitlergegnern Zuflucht gewährt hatte. So versteckte er die Jüdin Luise Walzer und hätte ihr vermutlich das Leben gerettet, wenn er nicht nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 ebenso dem SS-Gruppenführer und Reichskriminaldirektor Arthur Nebe auch noch Unterschlupf gewährt hätte. Nebe verantwortete als Kommandeur der berüchtigten SS-Einsatzgruppe B in von Nazideutschland besetzen Gebieten der Sowjetunion Massaker an Juden und anderen Zivilisten. Zehntausende Morde gehen auf sein Konto. Zugleich unterhielt Nebe Kontakt zu den Verschwörern des 20. Juli. Er sollte sich bei dem Putsch um die Verhaftung von Getreuen Hitlers kümmern. Am 16. Januar 1945 schnappte die Gestapo Nebe - und dabei auch Luise Walzer. Zu welchem Zeitpunkt die Jüdin ermordet wurde, hat Regionalforscher Fred Bruder bei seinen Nachforschungen seinerzeit nicht genau ermitteln können. Wahrscheinlich war es irgendwann im März 1945. Walter Frick wurde am 22. oder 23. April erschossen, Nebe am 3. März hingerichtet.

Als im Jahr 2008 der erste Stolperstein vor einem Haus in Zossen verlegt wurde, stürmte der Eigentümer aus seinem Internetcafé und wurde handgreiflich. Er entpuppte sich als Holocaustleugner. Danach gab es in der Stadt Hakenkreuz-Schmierereien, Drohungen gegen die Bürgerinitiative »Zossen zeigt Gesicht« und schließlich verübten Neonazis einen Brandanschlag, bei dem das Haus der Demokratie zerstört wurde. Auch sind die zunächst sechs Stolpersteine am Marktplatz und in der Berliner Straße immer wieder beschmiert worden. Seit 2012 gibt es einen siebenten Stolperstein in der Stubenrauchstraße. Er erinnert an den jüdischen Rechtsanwalt Werner Dalen, ermordet 1942 im Ghetto Litzmannstadt (Łódź).

Die Idee für seine Stolpersteine entwickelte Gunter Demnig 1993. Die ersten verlegte er 1996 in Berlin-Kreuzberg. Inzwischen sind sie in ganz Deutschland sowie im europäischen Ausland zu finden, etwa in den Niederlanden und in Polen.

stolpersteine-brandenburg.de

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