Werbung

»Dieses fürchterliche Fabrikmäßige abschaffen«

Ein Interviewband befragt Beschäftigte im Gesundheitswesen zu ihren Erfahrungen und Forderungen

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie arbeitet ihr? - Das ist die verbindende Frage, die der Politologe (und frühere Werkzeugbauer) Klaus Dallmer 14 Beschäftigten aus dem Gesundheitswesen stellt. Unter ihnen sind Krankenschwestern, Medizinisch-Technische Radiologieassistenten, Fachkrankenpflegekräfte verschiedener Richtungen, zwei Ärzte und drei Verdi-Mitarbeiter, außerdem Nadja Rakowitz für den Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte. Mit gewerkschaftlicher Arbeit haben alle zu tun, deshalb ist ihre Wahrnehmung für das, was in den Kliniken oder Pflegeheimen geschieht, noch einmal besonders geschärft.

Wie arbeitet ihr? Wie war das zu Beginn der Berufstätigkeit? Wie hat es sich mit den Jahren verändert? Mit Fragen in diese Richtung beginnen einige der Interviews. Alle Gespräche geben den Befragten Raum, ihre Arbeitssituation ausführlich darzustellen. Darüber hinaus werden Entwicklungen aus der Sicht der Beschäftigten an Krankenbett und OP-Tisch nacherzählt, konkret und plastisch genug, um die sich ergebenden Forderungen an Klinikleitungen und Politik zu verstehen. Für viele der angeschnittenen Themen erweist sich das Format der Interviewsammlung als Vorteil: Wiederholungen sind zwar unvermeidbar, aber die verschiedenen Erfahrungen ergeben am Ende einen umfassenden Einblick in die Praxis der Krankenhäuser.

Erklärt wird zum Beispiel die Personaluntergrenzenregelung, die bis in die Situation der aktuellen Pandemie ungünstige Auswirkungen auf die Arbeitsbelastung hat. Denn de facto wird hier eine Notuntergrenze zum Maßstab genommen für die Besetzung der Klinikabteilungen. Das führte zu Versetzungen, also zu einer Angleichung nach unten. Ausgenommen sind davon jene Krankenhäuser, in denen höhere Sollzahlen tarifvertraglich erkämpft wurden.

Die Untergrenzenvorgabe, die seit Anfang 2020 für insgesamt acht Fachbereiche gilt, wurde aktuell aufgehoben - damit ist der Weg frei für noch weniger Pflegekräfte an bestimmten Arbeitsplätzen. Je nach den Prioritäten der Pandemie im jeweiligen Krankenhaus können die Beschäftigten umgesetzt werden. Weil Kolleginnen teils wegen eigener Ansteckung oder Quarantäne ausfallen, zusätzlich zum üblichen Krankenstand, wächst der Stress weiter. Auch 12-Stunden-Dienste sind gesetzlich wieder möglich, wenn sie auch nicht in jedem Haus genutzt werden.

In den Gesprächen mit den Pflegekräften ging es auch darum, wie ehemalige Kolleginnen und Kollegen in den Beruf zurückgeholt werden können. »Dieses fürchterlich Fabrikmäßige abschaffen als allererstes«, antwortet darauf Lilian Kilian, Krankenschwester in der Psychiatrie und Personalrätin des Klinikums am Weissenhof in Baden-Württemberg. Kilian möchte sich Patienten zuwenden können und ihre Arbeit schaffen. Das Gefühl, nach Hause zu gehen und zu wissen, dass man nicht alles getan habe, sei noch belastender als die ungenügende Bezahlung. Für die Personalrätin hat sich in der Corona-Zeit gezeigt, dass es möglich ist, planbare OPs zu verschieben. Zuvor hätte es immer geheißen »Das Bett darf nicht kalt werden« als Ausdruck für eine Taktung wie in der Fabrik. Als Beispiel nennt Kilian die vielen Linksherzkathetermessplätze in Deutschland, die in dieser Häufung in keinem anderen europäischen Land zu finden seien. »Der Anreiz für die überflüssigen Eingriffe müsste vermieden werden«. Dieser Anreiz wurde durch Fallpauschalen geschaffen, wie auch andere Beiträge in dem Band verdeutlichen. Mit dem aus Australien stammenden Abrechnungssystem wurden in der hiesigen Variante die Kliniken gezwungen, sich auf die profitabelsten Krankheiten auszurichten. Im Zuge dieser Entwicklung wurden massiv Pflegekräfte eingespart, mit dem Resultat einer Arbeitsverdichtung für die verbliebenen Kollegen. Seit 2019 werden nun aber die Kosten für das Pflegepersonal nicht mehr im Rahmen der Fallpauschalen vergütet. Die Krankenkassen erstatten sie im Rahmen eines Pflegebudgets entsprechend dem individuellen Bedarf. Damit ist das System bereits angeschlagen, auch die Ärzte streben an, dass ihre Vergütung aus den Pauschalen herausgenommen wird.

Deutlich wird am Ende, dass nicht nur die Privatisierung der Krankenhäuser und ihre Ausrichtung auf Profite eine längere Vorgeschichte haben. Zugleich gab es Widerstand gegen das Vordringen von Marktlogiken in die Gesundheitsfürsorge. Auch dieser Widerstand hat seine Geschichte, die aus Protestaktionen, Streiks und Organisierungsversuchen erwachsen ist. In den Interviews ist auch zu erfahren, wie schwierig es ist, Streiks in den Krankenhäusern zu organisieren, wenn Patienten nicht darunter leiden sollen, aber dennoch Druck auf das Management aufgebaut werden soll.

Klaus Dallmer: Markt zerfrisst Gesundheitswesen! Stimmen aus einem zornigen Bereich. Verlag Die Buchmacherei. Berlin 2020. 256 S., 12 €

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln